Seegras kehrt an die offene Küste zurück
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Seegras kehrt an die offene Küste zurück

Forschende der Scripps Institution haben auf Catalina Island erstmals Seegras an der offenen, wellenexponierten Küste restauriert. Die neue Wiese erreichte nach zwei Jahren die Dichte natürlicher Referenzbetten und wird bereits von bedrohten Meeresschildkröten besucht.

23. Juli 2026, 9:13 Uhr 735 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Seegras lässt sich nur in ruhigen Gewässern restaurieren. Dieser Grundsatz hat die globale Restaurierungspraxis seit Jahrzehnten auf geschützte Buchten und Häfen beschränkt. Ein Forschungsteam der Scripps Institution of Oceanography hat ihn jetzt auf Catalina Island, Kalifornien, erstmals widerlegt: Eine neue Seegraswiese an der offenen, wellenexponierten Pazifikküste überlebte und erreichte nach zwei Jahren die Dichte natürlicher Referenzbestände.

Was Seegras leistet und warum so viel davon fehlt

Seegraswiesen bedecken weniger als 0,1 Prozent des globalen Meeresbodens, übernehmen aber nach Schätzungen 10 bis 18 Prozent der gesamten ozeanischen Kohlenstoffaufnahme. Ihr Sediment speichert zwischen 8,3 und 23,1 Petagramm organischen Kohlenstoff, also 8,3 bis 23,1 Milliarden Tonnen. Werden diese Bestände weiter degradiert, könnten nach Berechnungen von Schutzorganisationen Klimaschäden im Gegenwert von über 200 Milliarden Dollar entstehen, weil der gespeicherte Kohlenstoff dann in die Atmosphäre entweicht.

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Gleichzeitig sind Seegraswiesen Kinderstube für Jungfische und Krebstiere, natürlicher Wasserfilter und Nahrungsquelle für Meeresschildkröten und Seekühe. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind weltweit rund 29 Prozent aller Seegraswiesen verschwunden. Die jährliche Verlustrate liegt bei 1,5 Prozent und beschleunigte sich in den vergangenen Jahrzehnten. Hauptursachen sind Schiffsverkehr, Küstenentwicklung und steigende Wassertemperaturen.

Das Kernproblem der Restaurierung war lange Zeit ein praktisches: Seegras braucht klares Wasser, ausreichend Licht und einen stabilen Untergrund. In wellenexponierten Küstenabschnitten gingen Transplantate bisher in der Regel verloren. Deshalb konzentrierten sich Restaurierungsprojekte weltweit auf ruhige Buchten und Flachwasserzonen in Häfen.

Catalina Island: Wie die Transplantation gelang

Das Team unter der Leitung von Rilee D. Sanders sammelte Zostera marina, die an der Pazifikküste heimische Seegrasart, von einer etablierten Population in der Ripper's Cove auf Catalina Island und verpflanzte sie 2022 an den exponierten Standort Button Shell. Was Forscher eine offene Küste nennen, ist dabei präzise definiert: Anders als die für Restaurierungen typischen geschützten Buchten und Hafengebiete ist ein solcher Abschnitt direkt dem Pazifik ausgesetzt, mit stärkerem Wellengang und wechselnden Strömungen. Zwei Methoden kamen zum Einsatz, Einzeltriebe und Bündel aus jeweils mehreren Trieben. Vor der Verpflanzung maß das Team Lichtverhältnisse, Sauerstoffgehalt und Wassertemperatur an beiden Standorten, um sicherzustellen, dass die biophysikalischen Bedingungen vergleichbar waren.

Das Ergebnis nach zwei Jahren: Die neue Wiese zählte 244 Triebe pro Quadratmeter. Natürliche Referenzbetten in der Nähe erreichten 306 Triebe pro Quadratmeter, der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Zeitgeraffte Kameraaufnahmen und Taucherbeobachtungen dokumentierten, dass Fischgemeinschaften nach einem Jahr nicht mehr von denen in natürlichen Seegraswiesen zu unterscheiden waren. Besuche der bedrohten Grünen Meeresschildkröte (Chelonia mydas) wurden ebenfalls registriert. Die restaurierte Fläche umfasst rund 0,18 Hektar, wobei sich die verpflanzten Flächen im ersten Jahr um rund 150 Quadratmeter und im zweiten um weitere 560 Quadratmeter ausweiteten.

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Wie andere Länder Seegras zurückbringen

Das größte Seegrasrestaurierungsprojekt der Welt läuft seit 1999 an der Ostküste der USA. Das Virginia Institute of Marine Science und The Nature Conservancy setzen dabei auf Samenaussaat statt Transplantation: Freiwillige sammeln reife Samenähren, die Samen werden aufbereitet und im Herbst ausgebracht. Inzwischen umfasst das Ergebnis rund 3.612 Hektar restauriertes Seegras in den Küstenlagunen Virginias, also gut 20.000-mal mehr Fläche als die Catalinastudie. Auch diese Wiesen liegen jedoch in geschützten Buchten, nicht an der offenen See.

In Europa laufen mehrere kleinere Projekte. Das bislang größte britische Vorhaben startete in Cornwall: Ziel sind 10 Hektar neues Seegras in der Falmouth Bay. Vor der Llŷn-Halbinsel in Wales werden fünf Millionen Samen ausgebracht, ebenfalls mit einem Ziel von 10 Hektar bis 2026. Ein britischer Versuch aus dem Jahr 2025 meldete 97 Prozent Überlebensrate transplantierter Triebe und eine Vervierfachung der besiedelten Meeresbodenfläche innerhalb von sechs Monaten. Alle diese Projekte setzen auf geschützte Meeresabschnitte.

Was die offene Küste für die Restaurierungspraxis bedeutet

Die Bedeutung der Catalinastudie liegt nicht in ihrer Größe. Mit 0,18 Hektar ist die neue Wiese im globalen Kontext winzig. Sie liegt im Nachweis eines Prinzips: dass Seegras unter den richtigen Bedingungen auch in wellenexponierten Küstenabschnitten wachsen und gedeihen kann.

Für die globale Restaurierungspraxis eröffnet das neue Möglichkeiten. Küstenabschnitte, die bisher als ungeeignet galten, kommen infrage, wenn Forscher die entscheidenden biophysikalischen Bedingungen vorab prüfen. Das Forschungsteam betont die Wichtigkeit der Standortwahl anhand gemessener Lichtverhältnisse und Temperaturen sowie der räumlichen Nähe zur Spenderpopulation. Ob das Prinzip auf andere Küstenabschnitte weltweit übertragbar ist, hängt davon ab, wie viele Standorte ähnliche Bedingungen aufweisen und ob geeignete Seegraspopulationen in der Nähe existieren.

Drei Bedingungen nannte das Forschungsteam als entscheidend: Licht und Temperatur müssen am Spenderstandort und am Zielstandort vergleichbar sein, der Meeresboden muss trotz Wellenbelastung stabil bleiben und eine geeignete Spenderpopulation muss in räumlicher Nähe vorhanden sein. Für die Seegrasforschung ist Catalina Island ein Nachweis der Machbarkeit. Ob er zur Grundlage für großflächige Restaurierungen an exponierten Küsten wird, entscheiden die nächsten Projekte.

Quellen (9)

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