KI-Rechenzentren: Lokaler Widerstand wächst
In Frankfurt am Main stehen mehr als 100 Rechenzentren. Sie verbrauchen zusammen bis zu 40 Prozent des gesamten städtischen Strombedarfs. In der benachbarten Kreisstadt Groß-Gerau stimmten die Stadtverordneten gegen das Vorhaben, das bislang größte Rechenzentrum der Rhein-Main-Region zu bauen. Das 2,5-Milliarden-Euro-Projekt liegt seitdem auf Eis. Was in Hessen begann, ist inzwischen ein europäisches Phänomen: Gemeinden wehren sich gegen die stille Landnahme der Digitalinfrastruktur.
Strom und Wasser als knappe Ressource
Der Energiehunger von KI-Rechenzentren wächst schneller als ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Deutsche Rechenzentren verbrauchten 2025 bereits rund 21 Milliarden Kilowattstunden, das entspricht mehr als vier Prozent des deutschen Gesamtstromverbrauchs. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass sich dieser Wert bis 2030 verdoppeln wird. Für den Bereich der generativen KI allein erwartet das Uptime Institute bis Ende 2026 eine globale Verdopplung des Verbrauchs auf über 10 Gigawatt.
Hinzu kommt der Wasserverbrauch. Rechenzentren kühlen ihre Server überwiegend mit Wasser. Nach einer EU-Erhebung verbraucht ein durchschnittliches europäisches Rechenzentrum mehr als 21.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr. An Standorten mit Wasserknappheit, etwa im Rheintal bei Niedrigwasser oder in Teilen Spaniens und Italiens, verschärft das existierende Versorgungsprobleme.
In der Schweizer Gemeinde Beringen, Kanton Schaffhausen, mit rund 5.000 Einwohnern, wurden gleich zwei Rechenzentren geplant. Eines davon würde allein bis zu drei Viertel des gesamten Stromverbrauchs des Kantons Schaffhausen benötigen. Die Gemeindeverwaltung begann Einsprüche zu prüfen.
Widerstand organisiert sich
Was lange diffuse Unbehagen war, hat auf der internationalen Konferenz Cables of Resistance im Jahr 2026 eine organisierte Form angenommen. Aktivisten aus Brasilien, Spanien, Frankreich und Irland dokumentierten erfolgreiche lokale Kampagnen gegen Rechenzentren und verglichen ihre Strategien. Das Argument, das dabei immer wieder auftaucht, lautet: Tech-Konzerne nutzen öffentlich finanzierte Infrastruktur, zahlen aber kaum Steuern vor Ort und schaffen nur wenige Arbeitsplätze.
Der Verweis auf Arbeitsplätze ist tatsächlich häufig irreführend. Ein modernes Rechenzentrum mit 50.000 Servern beschäftigt in der laufenden Operation oft weniger als 50 Menschen. Für eine Gemeinde, die zwanzig Hektar Fläche, ihren Stromanschluss und ihr Grundwasser zur Verfügung stellt, ist das eine schlechte Verhandlungsposition.
In Frankfurt war jahrelang die Logik umgekehrt: Die Stadt profilierte sich als europäischer Knotenpunkt für Internet-Infrastruktur, der DE-CIX im Stadtzentrum ist einer der größten Internetknoten der Welt. Jetzt spüren Bürger und Kommunalpolitiker, dass 40 Prozent Stromanteil keine abstrakte Zahl ist, sondern ein realer Druck auf Netzstabilität und Energiepreise.
Regulierung kommt, aber langsam
Deutschland reagiert. Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) schreibt ab Juli 2026 für neue Rechenzentren einen Energieverbrauchsfaktor (PUE) von maximal 1,2 vor, außerdem eine gestaffelte Pflicht zur Abwärmenutzung. Ein PUE von 1,2 bedeutet, dass pro Kilowattstunde Rechenleistung nur 0,2 Kilowattstunden für Kühlung und Infrastruktur verbraucht werden dürfen. Das ist deutlich effizienter als der Bestandsdurchschnitt, trifft aber ausschließlich Neubauten.
Der bestehende Bestand bleibt unreguliert. In der Rhein-Main-Region sollen bis 2030 mehr als 112 Rechenzentren entstehen, verteilt über die Kreise Offenbach, Main-Taunus, Groß-Gerau und Main-Kinzig. Ob jede einzelne Gemeinde dabei das Recht hat, Ansiedlungen zu verweigern, ist rechtlich nicht eindeutig geregelt. Eine koordinierte kommunale Bauleitplanung für Digitalinfrastruktur fehlt in Deutschland.
Was der Widerstand wirklich bedeutet
Der lokale Protest gegen Rechenzentren ist kein Reflex gegen Technologie. Er stellt eine legitime Frage: Wer entscheidet, wer die Ressourcen einer Region nutzt und wer profitiert davon? Tech-Konzerne wie Amazon, Google und Microsoft investieren Milliarden in europäische Rechenkapazität. Die Gewinne fließen in die USA, die Lasten tragen Gemeinden in Hessen, Schaffhausen oder Irland.
Die Überraschung liegt nicht im Widerstand, sondern darin, wie lange er ausblieb. Jahrelang wurden Rechenzentren als neutrale Infrastruktur behandelt, ähnlich wie Umspannwerke oder Mobilfunkmasten. Erst als der Energiehunger sichtbar wurde, also als kommunale Stromnetze belastet wurden, als Wasserlizenzen beantragt wurden und als Abwärme irgendwo hin musste, erkannten Gemeinden, dass sie Verhandlungspartner sind, nicht bloße Standorte.
Ausblick
Das EnEfG tritt ab Juli 2026 für Neubauten in Kraft. Ob es den Widerstand dämpft, ist offen. Die Regulierung adressiert Effizienz, nicht Standortentscheidung. Wer bestimmt, ob in einer Gemeinde ein Rechenzentrum gebaut werden darf und wer von den Einnahmen aus Gewerbesteuer und Infrastrukturnutzung profitiert, regelt das Gesetz nicht. Diese Frage wird die politische Debatte über KI-Infrastruktur in Deutschland in den nächsten Jahren bestimmen.