Selenskyj gibt Polens höchsten Orden zurück
Am Samstag hat Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers per Post nach Warschau zurückgeschickt. Die höchste polnische Staatsauszeichnung, die ihm 2023 für seine Verdienste um die polnisch-ukrainischen Beziehungen verliehen worden war, ist damit Geschichte. Das Timing könnte kaum schlechter sein: In fünf Tagen beginnt in Danzig die Ukraine Recovery Conference, zu der fast 100 Länder erwartet werden und die Polen gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet.
Wie ein Armeedekret zum diplomatischen Eklat wurde
Am 26. Mai unterzeichnete Selenskyj ein Dekret, das in Kiew als Geste nationaler Würde gedacht war: Das Separate Spezialoperationszentrum Nord der ukrainischen Spezialkräfte erhielt den Ehrennamen "Helden der UPA". Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) gilt in der Ukraine als Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Kämpfer verweigerten auch nach 1945 die Kapitulation und wurden im Untergrund bis in die frühen 1950er Jahre verfolgt.
In Polen ist die UPA etwas anderes. Zwischen 1943 und 1945 ermordeten UPA-Einheiten im damals polnischen Wolhynien und Ostgalizien nach polnischen Schätzungen mindestens 100.000 ethnische Polen. Das polnische Parlament stufte diese Massaker 2016 als Völkermord ein. Straßenschilder oder Gedenkfeiern zu Ehren der UPA haben in Polen regelmäßig diplomatische Proteste ausgelöst. Die offizielle Umbenennung einer aktiven Militäreinheit ist eine andere Kategorie: Sie macht die UPA zur institutionellen Tradition der ukrainischen Streitkräfte.
Nawrocki eskaliert, Tusk mahnt zur Besonnenheit
Polens neuer Präsident Karol Nawrocki, der im August 2025 sein Amt angetreten hat, reagierte mit ungewöhnlicher Schärfe. In einer Videobotschaft entzog er Selenskyj den Orden des Weißen Adlers und nannte die Umbenennung eine "Glorifizierung von Banditen und Mördern". Nawrocki ist der von der nationalkonservativen PiS unterstützte Präsident, sein politischer Antipode Premier Donald Tusk führt die liberale Koalitionsregierung.
Selenskyj konterte mit einem Satz, der in Warschau kaum zu überhören war: "Wenn die Auffassung besteht, dass dieses besondere Symbol bei Katharina II., Benito Mussolini und Gerhard Schröder verbleiben darf, haben wir in der Ukraine nichts dagegen einzuwenden." Der Verweis auf den ehemaligen Bundeskanzler Schröder, der den Orden ebenfalls trägt und den Gasgeschäften mit Putin bis heute nicht abschwor, war zielgenau gewählt. Das ukrainische Außenministerium bezeichnete Nawrockis Vorgehen als "respektlos".
Tusk schlug einen völlig anderen Ton an. "Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine freut Putin und erschüttert unsere Verbündeten", schrieb der Premier auf X und rief beide Staatschefs zur Mäßigung auf. Die Spaltung innerhalb der polnischen Führung ist keine taktische Inszenierung: Nawrocki und Tusk sind politische Gegner und der Orden-Streit bietet Nawrocki die Gelegenheit, sich als härterer Hüter polnischer Interessen zu positionieren als der Premier.
Ein Streit mit unpassendem Timing
Für Polen und die Ukraine könnte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein. Am 25. und 26. Juni findet in Danzig die Ukraine Recovery Conference statt. Delegationen aus knapp 100 Ländern, Staatschefs, Finanzinstitutionen und Unternehmensvertreter kommen zusammen, um die internationale Unterstützung für den ukrainischen Wiederaufbau zu koordinieren. Polen ist Co-Gastgeber und hat ein erhebliches Eigeninteresse am Erfolg der Konferenz.
Das Verhältnis beider Länder ist trotz des Streits strukturell eng. Polen hat seit Kriegsbeginn rund 900.000 ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und fungiert als wichtigstes Transitland für Waffenlieferungen in die Ukraine. Warschau hat der Ukraine politisch und materiell mehr zugesagt als die meisten westeuropäischen Länder. Diese Logik hat den UPA-Streit bisher immer eingehegt.
Der Unterschied diesmal liegt in der Konstellation. Nawrocki braucht keine Rücksicht auf die Regierungskoalition zu nehmen, er hat kein Kabinett zu führen und kein Budget zu verantworten. Als Präsident mit begrenzten Exekutivbefugnissen kann er eskalieren, wo Tusk beruhigen muss. Das macht ihn in dieser Frage schwerer kontrollierbar als seine Vorgänger.
Bis zum Danziger Gipfel: fünf Tage
Ob der Streit bis zum 25. Juni abkühlt, hängt vor allem von Selenskyj ab. Eine symbolische Geste wäre denkbar, etwa die Klarstellung, dass die UPA-Ehrung sich gegen die Sowjetunion, nicht gegen Polen richte. In der Vergangenheit hat Kiew solche Formeln gelegentlich gefunden, wenn der Druck groß genug war.
Diesmal ist der Druck beidseitig. Die Ukraine kann es sich nicht leisten, ihren wichtigsten östlichen Partner zu verprellen. Polen kann es sich nicht leisten, als unzuverlässiger Gastgeber eines der größten Ukraine-Solidaritätsgipfel seit Kriegsbeginn zu gelten. Tusk hat bereits signalisiert, dass die Konferenz nicht infrage steht. Ob der Orden-Streit beim Gipfel in Danzig nur als Störgeräusch behandelt wird oder ob er die Atmosphäre vergiftet, wird davon abhängen, wie laut Nawrocki und Selenskyj in den nächsten Tagen noch werden wollen.
Aktualisierungen
Update 21. Juni, 23:03 Uhr: Nach Selenskyjs Rückgabe weiteten sich die Solidaritätsgesten am Samstag aus: Die drei früheren ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko kündigten an, ebenfalls ihre polnischen Orden des Weißen Adlers zurückzugeben. Außenminister Andrij Sybiha und Präsidialamtschef Kyrylo Budanow schlossen sich an. Poroschenko bezeichnete Nawrockis Entscheidung als "falsch und dem ukrainischen Volk gegenüber ungerecht". Polnische Medien berichteten unterdessen, Selenskyj erwäge, seine persönliche Teilnahme an der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Danzig am 25. Juni abzusagen.
Update 22. Juni, 07:04 Uhr: Ob Selenskyj zur Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Danzig am 25. Juni erscheinen wird, blieb am Montag offen. Polens Außenministerium gab an, noch eine Teilnahmebestätigung Selenskyjs vorliegen zu haben. Tusk hatte Selenskyj direkt zur Teilnahme aufgerufen. Medienberichten zufolge sollte ein internes ukrainisches Briefing am 22. Juni seinen Entscheid beeinflussen. Für Warschau wäre eine Absage besonders heikel: Polen fungiert als Co-Gastgeber der Konferenz, an der fast 100 Länder teilnehmen und internationale Mittel für den Wiederaufbau der Ukraine koordiniert werden sollen.
Update 23. Juni, 17:10 Uhr: Selenskyj hat seine Teilnahme an der Ukraine Recovery Conference in Danzig am 25. und 26. Juni offiziell abgesagt. Premierministerin Julija Swyrydenko wird die ukrainische Delegation anführen. An der Konferenz werden Delegationen aus fast 100 Ländern erwartet, rund 200 Verträge sollen unterzeichnet werden. Polnische und ukrainische Medien mahnten übereinstimmend zur Besonnenheit und warnten, der Streit nutze am Ende nur Russland. Polen muss die Konferenz nun als Co-Gastgeber ohne den ukrainischen Präsidenten eröffnen.
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