Semaglutid senkt Asthmaanfälle um fast 40 Prozent
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Semaglutid senkt Asthmaanfälle um fast 40 Prozent

Ein Diabetesmedikament, das seit Jahren millionenfach eingesetzt wird, zeigt einen überraschenden Schutzeffekt für die Atemwege. Vier reale Patientenstudien mit zusammen bis zu 88.000 Teilnehmern vom Europäischen Atemwegskongress ERS legen nahe: Wer Semaglutid nimmt, erleidet nachweislich weniger Asthmaanfälle.

Quellen (8)
  1. EurekAlert: Weight loss injection semaglutide can reduce asthma attacks by up to 40 per centeurekalert.org
  2. ScienceDaily: Ozempic and Wegovy linked to nearly 40% fewer asthma attackssciencedaily.com
  3. MedicalXpress: Semaglutide linked to 20% fewer COPD flare-upsmedicalxpress.com
  4. HCPLive: Semaglutide Cuts Asthma Attacks by up to 40% in Real-World Studyhcplive.com
  5. Medical Dialogues: Weight loss injection semaglutide reduces asthma attacksmedicaldialogues.in
  6. Respiratory Therapy: Semaglutide Tied to Fewer Asthma COPD Exacerbationsrespiratory-therapy.com
  7. News-Medical: GLP-1 treatment linked to 40% fewer asthma attacksnews-medical.net
  8. ClinicalTrials.gov: GATA-3 Study NCT05254314clinicaltrials.gov
14. September 2026, 7:08 Uhr738 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ein Medikament, das Millionen Menschen wöchentlich gegen Diabetes und Übergewicht nehmen, zeigt einen überraschenden Zusatznutzen: Semaglutid, der Wirkstoff in Ozempic und Wegovy, reduziert Asthmaanfälle um fast 40 Prozent und COPD-Schübe um rund 20 Prozent. Vier Studien mit je über 20.000 Teilnehmern, präsentiert beim Europäischen Atemwegskongress (ERS) in Barcelona im September 2026, liefern dafür die bislang stärkste Evidenz aus dem klinischen Alltag.

Asthma und COPD: Vier Millionen Betroffene ohne ausreichende Optionen

In Deutschland haben mehr als 4,6 Millionen GKV-Versicherte über 40 Jahren eine Diagnose für Asthma oder COPD, Schätzungen zufolge sind bis zu acht Millionen Erwachsene von Asthma betroffen. Beide Erkrankungen sind chronisch und lassen sich mit bestehenden Therapien oft nur unvollständig kontrollieren. Kortikosteroide, Bronchodilatatoren und biologische Antikörpertherapien erreichen nicht alle Betroffenen ausreichend. Viele Patienten erleiden trotz Therapie weiter akute Schübe, die Krankenhausaufenthalte, Arbeitsausfall und dauerhafte Lungenschäden verursachen können.

Was die neue Forschung besonders interessant macht: Es geht nicht um ein neues Medikament. Semaglutid ist bereits weltweit für Millionen Menschen zugänglich, die wegen Übergewicht oder Typ-2-Diabetes behandelt werden. Wenn die Befunde sich in klinischen Studien bestätigen, könnten diese Patienten gleichzeitig von einem Atemwegsvorteil profitieren, ohne zusätzliche Medikation.

Wie GLP-1-Wirkstoffe in der Lunge wirken

Semaglutid gehört zur Klasse der GLP-1-Rezeptoragonisten, benannt nach dem körpereigenen Hormon Glucagon-like Peptide-1. Ursprünglich entwickelt, um Blutzucker zu regulieren und den Appetit zu dämpfen, zeigt diese Wirkstoffklasse eine wachsende Zahl weiterer Effekte: Studien belegen bereits ein reduziertes Herzinfarkt- und Nierenrisiko bei bestimmten Patientengruppen.

Die Wirkung auf Atemwege erklärt sich über mehrere Mechanismen. GLP-1-Rezeptoren befinden sich nicht nur im Verdauungssystem und Gehirn, sondern auch im Lungengewebe. Laborstudien zeigen, dass GLP-1-Agonisten entzündungsfördernde Botenstoffe hemmen, sogenannte Zytokine, die bei Asthma und COPD zentral an der Entstehung von Schleimproduktion, Bronchospasmen und Gewebeschäden beteiligt sind. Zudem verbessert Gewichtsverlust die Lungenfunktion bei übergewichtigen Betroffenen durch reduzierten mechanischen Druck auf das Zwerchfell.

Dass Semaglutid stärkere Effekte zeigte als andere GLP-1-Wirkstoffe, deutet darauf hin, dass nicht allein der Gewichtsverlust für den Atemwegsnutzen verantwortlich ist, sondern möglicherweise molekülspezifische Eigenschaften von Semaglutid selbst.

Was vier Studien mit jeweils 20.000 bis 22.000 Teilnehmern zeigen

Das Forschungsteam um Professorin Chloe Bloom vom National Heart & Lung Institute des Imperial College London analysierte britische elektronische Patientenakten (UK Electronic Health Records) aus dem klinischen Alltag. In vier parallelen Auswertungen wurden je zwischen 20.000 und 22.000 Erwachsene untersucht, die entweder mit einem GLP-1-Wirkstoff oder einem Sulfonylharnstoff begannen, einer anderen häufig verschriebenen Diabetesklasse.

Das Ergebnis: Unter Semaglutid gab es fast 40 Prozent weniger Asthmaanfälle und rund 20 Prozent weniger COPD-Schübe. Die Ergebnisse wurden beim ERS-Kongress von Dr. Bohee Lee vorgestellt.

Da es sich um Beobachtungsdaten handelt, ist keine direkte Kausalität beweisbar. Teilnehmer wurden nicht zufällig zugewiesen und andere Unterschiede zwischen den Gruppen könnten das Ergebnis mitbeeinflussen. Die Forscher betonen, dass die Daten keine Grundlage für eine Änderung der Verschreibungspraxis außerhalb bestehender Leitlinien für Übergewicht und Diabetes darstellen.

Im Vergleich: Wie stark andere Asthmamedikamente wirken

Biologische Wirkstoffe wie Dupilumab (Dupixent) oder Mepolizumab sind speziell für schwere Asthmaformen zugelassen und reduzieren Schübe in klinischen Studien je nach Patientengruppe um 20 bis über 70 Prozent. Sie sind jedoch teuer, erfordern regelmäßige Injektionen und stehen nur einem Teil der Betroffenen zur Verfügung, nämlich solchen mit spezifischer Entzündungsbiologie wie eosinophilem Asthma.

Das Muster unerwarteter Zusatznutzen bei bereits zugelassenen Medikamenten ist nicht neu. Metformin, eines der ältesten verfügbaren Diabetes-Medikamente, zeigt in Studien Hinweise auf ein reduziertes Risiko bestimmter Krebsarten. Acetylsalicylsäure, ursprünglich als Schmerzmittel eingesetzt, wurde zum Standard in der Herzinfarktprophylaxe. GLP-1-Wirkstoffe könnten sich in eine ähnliche Geschichte fügen.

Der entscheidende Unterschied zu den Biologika: Semaglutid wird bereits heute von Millionen Menschen weltweit eingenommen. Wenn der Atemwegseffekt in randomisierten Studien bestätigt wird, könnte ein laufendes Therapieregime gleichzeitig Lungenerkrankungen vorbeugen, ohne neue Verschreibung oder neues Medikament.

Wenn GATA-3 gelingt: Zulassung für Asthma könnte bis 2033 möglich sein

Der nächste Schritt ist eine gezielte klinische Studie. Das Protokoll GATA-3 (NCT05254314) untersucht spezifisch GLP-1-Agonisten bei adipösen Patienten mit symptomatischem Asthma in einem randomisierten, kontrollierten Design. Es ist die erste Studie, die den Atemwegseffekt gezielt und unabhängig vom Gewichtsverlust testet.

Bei erfolgreicher Replikation in GATA-3 und anschließenden Zulassungsstudien wären bei der EU-Zulassungsbehörde EMA realistische Zeitrahmen von sieben bis zehn Jahren zu erwarten, also frühestens 2033 bis 2036. Menschen, die ohnehin wegen Diabetes oder Übergewicht Semaglutid nehmen und zusätzlich Asthma oder COPD haben, könnten von einem Atemwegsnutzen allerdings schon heute profitieren.

Korrektur 17. September, 19:43 Uhr: Eine Angabe präzisiert. Die vier Analysen umfassten je 20.000 bis 22.000 Teilnehmer; 88.000 war die Obergrenze der Gesamtspanne, nicht die Teilnehmerzahl einer Studie.

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