G7 fordert Hormus-Öffnung: Aktionsplan bis Juni
Rund 800 Schiffe liegen im Persischen Golf fest. Die G7-Finanzminister kamen deshalb am 19. Mai in Paris zu einem Sondertreffen zusammen und forderten einen „raschen Übergang zu einem freien und sicheren Transit” durch die Straße von Hormus. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil nannte den Iran-Krieg vor seiner Abreise eine „ernsthafte Bedrohung für die Weltwirtschaft”.
Wie eine Meerenge die Weltwirtschaft trifft
Die Straße von Hormus trennt an ihrer engsten Stelle den Iran von Oman auf 54 Kilometer Breite. Durch sie lief vor der Blockade rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels, kein Seeweg ist für die globale Energieversorgung bedeutsamer. Hinzu kommt Flüssigerdgas aus Katar, das denselben Weg nimmt und dessen Ausfall europäische Gasmärkte direkt trifft.
Seit die iranischen Revolutionsgarden die Meerenge unter ihre Kontrolle gebracht haben, funktioniert die Durchfahrt nur noch auf Genehmigungsbasis. Reedereien müssen Anträge bei der von Iran gegründeten Persian Gulf Strait Authority einreichen und detaillierte Angaben zu Eigentümer, Versicherung und Besatzung machen. In der Praxis passieren kaum Schiffe die Meerenge. Lloyd's-List-Chefredakteur Richard Meade fasste die Lage knapp zusammen: „Die Meerenge ist nach wie vor genauso offen oder geschlossen wie zuvor.“
Der Brent-Rohölpreis liegt dieser Woche bei rund 108 US-Dollar pro Barrel. Auf dem Höchststand nach Kriegsbeginn hatte Brent 126 Dollar erreicht. Die Internationale Energieagentur IEA meldete für März und April zusammen einen Rückgang der weltweiten Ölvorräte um 246 Millionen Barrel.
Was die G7 in Paris beschlossen haben
Die sieben großen Industrienationen kamen am 19. Mai in Paris zu einem Sondertreffen auf Finanzminister-Ebene zusammen. Gastgeber war der französische Finanzminister Roland Lescure; neben den G7-Staaten nahmen die Vereinigten Arabischen Emirate, Syrien, Katar, die Ukraine, Brasilien, Indien, Südkorea und Kenia teil.
Das gemeinsame Kommuniqué fordert einen „raschen Übergang zu einem freien und sicheren Transit“ durch Hormus. Der anhaltende Konflikt bremse Wachstum, schüre Inflation und setze Lieferketten für Energie, Nahrungsmittel und Düngemittel unter Druck, insbesondere in Ländern des Globalen Südens, die kaum Reservekapazitäten haben. Bis zum G7-Gipfel in Évian vom 15. bis 17. Juni soll ein konkreter Aktionsplan vorgelegt werden, mit besonderem Fokus auf die Düngemittelversorgung: kurzfristige Überbrückungshilfen für Landwirte und langfristig der Aufbau heimischer Produktionskapazitäten.
US-Finanzminister Scott Bessent ging in seiner Rede beim parallel stattfindenden „No Money for Terror“-Forum in Paris weiter als das Kommuniqué. Er forderte G7 und internationale Partner auf, Irans globale Finanzierungsnetzwerke aktiv zu zerschlagen: Tarnfirmen offenlegen, Bankverbindungen kappen, Proxies ausschalten. Bessent kündigte zudem an, die US-Sanktionsliste zu überarbeiten und veraltete Einträge zu entfernen, um Finanzinstituten die Durchsetzung zu erleichtern. Sein Zitat: „Sanctions are meant to change behavior, not to punish populations.“
Die G7 und die IEA hatten bereits im Vorfeld die größte strategische Ölreservenfreigabe aller Zeiten beschlossen: mehr als 400 Millionen Barrel. Zum Vergleich: Nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine 2022 hatte die IEA 182 Millionen Barrel freigegeben. Ob diese Freigabe den Preisdruck dauerhaft lindert, ist offen. Der Ölmarkt reagiert zunehmend auf die Unsicherheit über die Dauer der Blockade, nicht nur auf die aktuellen Angebotsausfälle.
Industrie und Haushalt: Kollateralschäden ohne klare Zuordnung
Der Verband der Chemischen Industrie erklärte öffentlich, er sei außerstande, eine solide Wirtschaftsprognose für 2026 abzugeben, eine ungewöhnliche Aussage für einen Branchenverband, der sonst Planungssicherheit demonstriert. Der Energiekostenanstieg trifft energieintensive Industrien direkt. Gleichzeitig verteuern die gestiegenen Gaspreise die Düngemittelproduktion, was sich in steigenden Nahrungsmittelpreisen fortsetzt.
Die G7 verpflichteten sich in Paris zu „fiskalischer Disziplin“ angesichts der Inflationsrisiken, eine Formulierung, die de facto Ausgabenzurückhaltung bedeutet, obwohl mehrere Regierungen gleichzeitig unter Druck stehen, Energiesubventionen für Haushalte und Industrie auszuweiten. Dieser Widerspruch bleibt im Kommuniqué unaufgelöst.
Klingbeil sprach von einem Problem, das „kollektiv angegangen werden muss“. Welches Instrument kollektive Wirkung hätte, ließ er offen. Das Kommuniqué enthält keine Drohungen, keine Fristen und keine Konsequenzen für den Fall, dass Iran die Blockade fortsetzt.
Aktionsplan bis Évian: Was konkret noch fehlt
Der nächste verbindliche Termin ist der G7-Gipfel in Évian vom 15. bis 17. Juni. Bis dahin müssen die Finanzminister einen Aktionsplan vorlegen, der über das Bekenntnis zu freiem Transit hinausgeht. Was konkret gemeint ist, bleibt offen: Sanktionsverschärfungen gegen Irans Finanzierungsnetzwerke? Koordinierte Freigabe weiterer Ölreserven? Eine diplomatische Initiative mit Saudi-Arabien oder den Golfstaaten als Vermittler?
Dass die G7-Finanzminister sich als Gremium für diesen Konflikt zuständig erklären, ist neu. Bisher dominierte die militärische und diplomatische Ebene die Debatte. Das Pariser Treffen verschiebt den Schwerpunkt: Es geht nicht mehr nur um Waffenstillstand, sondern um die Frage, wie lange die Weltwirtschaft eine Blockade wirtschaftlich aushalten kann und welche Kosten sie bereit ist zu tragen, bevor sie zur Lösung beiträgt. Eine Antwort darauf wird Évian liefern müssen.
Aktualisierungen
Update 20. Mai, 13:05 Uhr: Britische Außenministerin Yvette Cooper warnte in London, die Welt riskiere, „schlafwandelnd in eine globale Nahrungsmittelkrise zu schlittern“. Der Handel mit Düngemitteln und Heizöl sei weitgehend zum Erliegen gekommen; der Globale Süden trage den höchsten Preis. Gleichzeitig zeigen erste Berichte eine neue Dimension an der Meerenge: Chinesische Schiffe erhielten nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim Genehmigungen zur Passage. Außenminister Abbas Araghtschi erklärte beim BRICS-Außenministertreffen in Neu-Delhi, die Meerenge sei „aus unserer Sicht nicht geschlossen, insbesondere nicht für befreundete Länder. Sie ist nur für unsere Feinde geschlossen.“ Iran signalisiert damit erstmals eine selektive Öffnung nach geopolitischen Kriterien, während US-amerikanische und europäische Schiffe weiterhin ausgesperrt bleiben.
Update 20. Mai, 23:00 Uhr: Gastgeber Roland Lescure bezifferte am zweiten Gipfeltag die humanitäre Dimension konkret: Falls die Blockade nicht aufgehoben werde, könnten 50 Millionen Menschen in Kürze von einer Lebensmittelkrise betroffen sein. Als Hauptursache nannte Lescure den Ausfall der Düngemittellieferketten, da rund ein Drittel der weltweit gehandelten Grunddünger die Straße von Hormus passiert. Abschließend forderte Lescure eine permanente Lösung des Konflikts und die sofortige Wiedereröffnung der Meerenge.
Update 24. Mai, 07:10 Uhr: Die humanitäre Dimension der Blockade konkretisiert sich: Laut UN-Angaben befinden sich rund 20.000 Seeleute an Bord festgesetzter Schiffe im Persischen Golf, die keine Ausreisegenehmigung erhalten. Die Vereinten Nationen bezeichneten die Lage als beispiellose Krise in der zivilen Seefahrt. Parallel dazu hat die Europäische Union die Zusatzkosten für Brennstoffimporte auf 13 Milliarden Euro beziffert, ausgelöst durch Gaspreiserhöhungen von rund 70 Prozent und Ölpreiserhöhungen von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
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