Döpfner, Merz und die AfD: Was wirklich gesagt wurde
Selten erklärt ein Verlag eine Medienrecherche öffentlich zur Lüge. Noch seltener entschuldigt sich der Reporter kurz danach für Teile eben dieser Recherche. Genau das ist diese Woche im Streit zwischen Axel Springer SE und dem Redaktionsnetzwerk Deutschland passiert. Der Anlass: ein Podcast, der behauptete, Springer-Chef Mathias Döpfner habe Kanzler Friedrich Merz zu einer Koalition mit der AfD gedrängt. Was lässt sich belegen, was nicht?
Die Behauptung: Döpfner soll Merz zur AfD-Koalition gedrängt haben
Im Podcast „Wenn Sie wüssten … wie die Regierung hinter den Kulissen tickt” des Redaktionsnetzwerks Deutschland behaupteten RND-Chefredakteurin Eva Quadbeck und Dokumentarfilmer Stephan Lamby: Döpfner habe Merz Anfang 2026 in einem Vieraugengespräch im Bundeskanzleramt gedrängt, die Brandmauer gegen die AfD einzureißen und eine Koalition zu ermöglichen. Merz habe das Gespräch daraufhin abrupt beendet. Der Podcast nannte Quellen in unmittelbarer Nähe beider Beteiligten. Das Angebot, Springer und dem Kanzleramt vorab Fragen vorzulegen, war laut kress.de offenbar nicht erteilt worden.
Was Springer bestätigt und was es bestreitet
Axel Springer SE räumte gegenüber der Fachpublikation kress.de ein, dass es zwei informelle Gespräche zwischen Döpfner und Merz zum Thema AfD gegeben habe: eines Ende 2024, als Merz noch Oppositionsführer war und ein weiteres im Frühjahr 2026 während seiner Kanzlerschaft. Ein Springer-Sprecher sagte, Döpfner habe dabei „die Gelegenheit genutzt, mit Friedrich Merz über die AfD zu sprechen.“ Döpfner habe dabei keine andere Haltung gegenüber der AfD empfohlen, sondern seine eigene kritische Haltung dargelegt.
Die Kernbehauptung des Podcasts, Döpfner habe auf Merz politischen Druck in Richtung einer AfD-Koalition ausgeübt, bezeichnete Springer auf der Plattform X als „glatte Lüge“. Verlauf und Inhalt seien „frei erfunden.“ Ein Regierungssprecher erklärte gegenüber dem Tagesspiegel, zu Gesprächsinhalten sei Vertraulichkeit vereinbart worden; die mediale Darstellung sei „nicht korrekt.“ Als einziges bestätigtes formelles Treffen beider nannte die Bundesregierung das „Made for Germany“-Initiative-Treffen im Juli 2025.
Was RND einräumt und was es aufrechthält
In einer zweiten Podcast-Episode entschuldigten sich Quadbeck und Lamby teilweise. Lamby erklärte, Merz und Döpfner hätten sich „nicht wörtlich so geäußert wie in unserem Podcast.“ Die strittigen Zitate habe er „von Quellen erhalten, die, wie ich jetzt weiß, nicht belastbar sind.“ Quadbeck äußerte, Union und Kanzleramt hätten sich „von Axel Springer unter Druck gesetzt gefühlt, die Brandmauer gegen die AfD einzureißen.“ Den Verdacht, dass Döpfner auf Merz Einfluss nehmen wollte, hält Lamby trotz der eingeräumten Fehler aufrecht.
Die Medienbeobachtungsseite übermedien wies auf einen weiteren Schwachpunkt hin: Der Podcast wusste bei einer zentralen Behauptung nicht einmal, wann das Gespräch stattfand. Im November 2025 hatten nahezu wortgleiche Behauptungen mit abweichendem Datum in Berliner Journalistenkreisen kursiert. Dass identische Behauptungen mit zwei verschiedenen Daten auftauchen, untergräbt ihre Verlässlichkeit erheblich.
Was sich festhalten lässt: Zwei Gespräche zwischen Döpfner und Merz haben stattgefunden, das bestätigt Springer. Konkreter Inhalt, Wortwahl und ob Döpfner eine politische Positionsänderung empfahl, ist strittig und von keiner Seite belegbar.
Warum die grundsätzlichere Frage nicht davon abhängt
Übermedien und die Medienkritikseite überrechts.de argumentieren, die Debatte über ein mögliches Geheimtreffen lenke von einer nachgewiesenen Entwicklung ab. Die Springer-Medien Bild und Welt verbreiten seit Längerem eine Berichterstattung, die inhaltlich der AfD entgegenkommt. Das ist dokumentiert und unabhängig davon, ob Döpfner Merz persönlich gedrängt hat. Döpfner selbst hatte 2020 öffentlich gemacht, dass er Merkels Kritik an der Wahl Thomas Kemmerichs mit AfD-Stimmen in Thüringen als irrational betrachtete. 2023 enthüllte die ZEIT, dass Döpfner vor der Bundestagswahl 2021 den damaligen Bild-Chefredakteur angewiesen hatte, die FDP zu pushen.
Ob Springer politischen Druck in Richtung einer AfD-Zusammenarbeit ausübt, lässt sich also nicht vom Faktencheck über den Podcast abhängig machen. Diese Frage stellt sich auf Basis der Berichterstattung der eigenen Titel. Für die konkrete Behauptung des Podcasts ergibt der Faktencheck dagegen ein klares Bild: Die dramatischen Zitate und die angebliche Abruptheit des Gesprächsabbruchs sind nach Springer-Dementi und RND-Eingeständnis nicht haltbar. Dass Gespräche stattfanden, steht fest. Was in ihnen gesagt wurde, bleibt ungeklärt.
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