Neue Startup-Strategie: Rüstung rein, Versprechen gebrochen
Wirtschaft

Neue Startup-Strategie: Rüstung rein, Versprechen gebrochen

Das Bundeskabinett hat am Dienstag die neue Startup- und Scaleup-Strategie beschlossen. Erstmals plant der Bund direkte staatliche Beteiligungen an Rüstungsstartups. Die im Koalitionsvertrag versprochene 24-Stunden-Gründung steht nicht mehr im Papier.

23. Juli 2026, 9:13 Uhr 718 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am Dienstag hat das Bundeskabinett die neue Startup- und Scaleup-Strategie beschlossen. Das Papier enthält 152 Maßnahmen und eine politische Premiere: Erstmals plant der Bund direkte staatliche Beteiligungen an Rüstungsunternehmen und Defence-Tech-Startups. Was die Strategie nicht enthält, ist dabei genauso aufschlussreich wie das, was drin steht. Die im Koalitionsvertrag fest verankerte 24-Stunden-Gründung findet sich im finalen Strategiepapier nicht mehr.

Fünfmal weniger Risikokapital als in den USA

Deutschland investiert etwa 0,15 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Wagniskapital. In den USA sind es rund 0,8 Prozent, mehr als das Fünffache. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche räumte bei der Präsentation ein, Deutschland fehle nicht das Kapital, sondern dessen effektive Allokation. Es ist eine ehrliche Diagnose, der die Strategie folgt.

Die Zahlen des ersten Halbjahres 2026 zeigen das Paradox: 5,3 Milliarden Euro Risikokapital flossen in deutsche Startups, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden um 11 Prozent. Wenige gut vernetzte Startups kassieren immer größere Beträge, während kleinere Gründungen leer ausgehen. Im ersten Halbjahr wurden 3.053 neue Startups gegründet, 52 Prozent mehr als noch im zweiten Halbjahr 2025. Der Gründungsboom existiert. Das Kapital, um ihn zu skalieren, fehlt.

Staatsgeld für Rüstungsstartups: eine Premiere

Im Kern der Strategie steht der Deutschlandfonds, der Ende 2025 eingeführt wurde und nun über 2030 hinaus ausgebaut werden soll. Staatliche Garantien sollen das Investitionsrisiko für private Kapitalgebende abfedern; das Ziel sind bis zu 130 Milliarden Euro mobilisiertes Privatkapital. Direkt stellt der Bund 1,6 Milliarden Euro für technologiegetriebene Startups bereit. Durch die Rentenreform ist Wagniskapital erstmals als Anlageform in der privaten Altersvorsorge zugelassen; Stiftungen soll es erleichtert werden, in Startups zu investieren.

Die politisch ungewöhnlichste Neuerung ist das neue Maßnahmenfeld Sicherheit und Verteidigung. Erstmals plant der Bund direkte staatliche Beteiligungen an Defence-Tech-Startups. Bislang hielt sich der Staat bei direkten Venture-Capital-Investitionen zurück. Laut Tagesspiegel begründet die Regierung den Schritt mit technologischer Souveränität: Schlüsseltechnologien im Verteidigungsbereich sollten nicht allein Marktmechanismen überlassen werden. Bitkom hob das als einen der wenigen wirklich neuen Akzente hervor.

Auf der Gründerseite soll ein neues Digitalisierungsgesetz den Einstieg vereinfachen: automatische Steuernummer, Handelsregistereintrag in wenigen Schritten. Die Bundesregierung bekennt sich ausdrücklich zur EU Inc., der neuen europäischen Unternehmensrechtsform aus dem Kommissionsvorschlag vom März 2026. Sie ermöglicht eine vollständig digitale Gründung in 48 Stunden, ohne Notar, für maximal 100 Euro, gültig in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten. Eine Einigung soll noch 2026 erreicht werden. Flexibilisierte Kündigungsschutzregeln für hochbezahlte Fachkräfte sollen zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.

Beide Verbände loben und mahnen gleichzeitig

Der Bundesverband Deutsche Startups begrüßt die Strategie als „wichtiges Signal“ für den Standort und hebt die Flexibilisierung des Kündigungsschutzes und das Bekenntnis zur EU Inc. hervor. Der Hauptsatz danach ist ein Warnschuss: „Was jetzt zählt, ist was aus der Strategie folgt. Das Papier muss schnell Realität werden.“ Bitkom formuliert es ähnlich. Der Digitalverband lobt den Defence-Tech-Fokus und den Europabezug, kritisiert aber, die Strategie sei „an einigen Stellen noch zu vage“ und lasse „konkrete Maßnahmen“ vermissen. Gefordert werden präzise Schritte bei Finanzierung, Fachkräftegewinnung und öffentlicher Beschaffung.

Das auffälligste Fehlen ist die 24-Stunden-Gründung. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD stand sie als konkretes Versprechen. Im finalen Strategiepapier ist sie nicht mehr enthalten, wie das Magazin Business Punk berichtete. Eine Begründung lieferte das Wirtschaftsministerium nicht. Reiche verwies auf ein geplantes Vereinfachungsgesetz, ohne Umsetzungstermin. Gegenüber dem Vereinfachungsversprechen der EU Inc. wirkt das wie ein strukturelles Geständnis: Digitale Gründung in Deutschland bleibt bürokratischer als in Estland oder den Niederlanden.

Bis Jahresende entscheidet sich, ob Papier Realität wird

Drei Daten setzen den Rahmen. Die neuen Kündigungsschutzregeln für Toptalente sollen zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Die EU Inc. soll noch vor Jahresende im Europäischen Rat beschlossen werden. Das angekündigte digitale Gründungsgesetz hat noch keinen Termin im parlamentarischen Kalender. Für Startup-Verband und Bitkom liegt hier das Hauptrisiko: Strategiepapiere ohne Umsetzungsfristen sind Absichtserklärungen.

Deutschland hat dieses Muster bereits erlebt. Die Startup-Strategie der Ampelkoalition verdiente nach einem Jahr ein „ausreichend“. Das neue Papier hat mehr Seiten, mehr Maßnahmen und einen expliziten Rüstungsschwerpunkt. Ob es mehr bewirkt, zeigt sich nicht am Kabinettsbeschluss, sondern daran, welche Gesetze bis Ende 2026 verabschiedet werden und wie viel Wagniskapital in zwei Jahren wirklich in den breiten Markt fließt.

Quellen (10)

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