Chinas Taklamakan-Ring: Wüste wird zur Kohlenstoffsenke
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Chinas Taklamakan-Ring: Wüste wird zur Kohlenstoffsenke

Nach 46 Jahren Arbeit schloss China Ende 2024 einen 3.046 Kilometer langen Schutzgürtel um die Taklamakan, eine der trockensten Wüsten der Erde. Eine NASA-Satellitenstudie zeigt: Die Randzonen binden erstmals mehr CO2 als sie abgeben. Doch das Bild ist vielschichtiger als die Schlagzeilen vermuten lassen.

26. Juni 2026, 9:04 Uhr 735 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Dass eine Hyperaridwüste zur Kohlenstoffsenke werden kann, galt lange als wissenschaftlich unwahrscheinlich. Eine im Januar 2026 in den Proceedings der Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) erschienene Studie belegt mit 25 Jahren NASA-Satellitendaten, dass genau das in der Taklamakan geschehen ist: Die bepflanzten Randzonen einer der trockensten Wüsten der Erde nehmen mehr Kohlendioxid auf als sie abgeben. Grundlage ist ein chinesisches Staatsprogramm von 46 Jahren: Am 28. November 2024 drückten Arbeiter die letzten Setzlinge in den Sand und schlossen einen 3.046 Kilometer langen Schutzgürtel. Das Ergebnis ist wissenschaftlich bedeutsam, doch das Bild dahinter ist vielschichtiger.

Vier Jahrzehnte für 337.600 Quadratkilometer

Die Taklamakan im Xinjiang-Becken ist 337.600 Quadratkilometer groß und damit die zweitgrößte Wanderdünenwüste der Erde. Jahresniederschlag: weniger als 100 Millimeter. Jährliche Verdunstung: mehr als 2.500 Millimeter. 1978 startete die chinesische Regierung das Drei-Norden-Windschutzgürtelprogramm, das auf mehrere Jahrzehnte angelegt ist und 2050 enden soll. Ziel: das Vordringen des Sandes stoppen und landwirtschaftliche Flächen sowie Siedlungen schützen.

artenschutz

Der Taklamakan-Ring bildet das Herzstück. Auf 1,6 Millionen Hektar wurden entlang der Wüstenränder vor allem Pappeln, Tamarisken und einheimische Sträucher gepflanzt. Die chinesische Forstverwaltung beziffert die Gesamtpflanzungen in Nordchina auf mehr als 66 Milliarden Bäume. Der nationale Waldbedeckungsgrad stieg von rund zehn Prozent in den 1950er-Jahren auf heute 25 Prozent. Satellitenmessungen zeigen: Das Wüstengebiet schrumpfte zwischen 2003 und 2022 um rund 5.300 Quadratkilometer, besonders am Westrand.

Was die NASA-Satelliten gemessen haben

Das Forschungsteam um Yuk Yung vom California Institute of Technology (Caltech) nutzte den Orbiting Carbon Observatory-2 (OCO-2) der NASA sowie Messungen zur solarinduzierten Fluoreszenz, die Photosyntheseaktivität direkt aus dem Weltall nachweisen. Das Team analysierte 25 Jahre Daten.

Das Ergebnis: Während der Vegetationszeit sinkt die CO2-Konzentration über den bepflanzten Wüstenrändern von 416 auf 413 ppm. King-Fai Li von der University of California Riverside, Mitautor der Studie, beschreibt die Vegetation nüchtern: Es sei "keine Regenwaldökologie wie im Amazonas oder Kongo, manche aufgeforsteten Zonen seien nur Strauchvegetation". Die Vegetation sei aber photosynthetisch nachweislich aktiv. Der theoretische Maximalwert, wenn die gesamte Wüste bepflanzt wäre, läge bei 58,7 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Zum Vergleich: Weltweit werden jährlich rund 40 Milliarden Tonnen emittiert, das wären 0,15 Prozent. Den tatsächlichen Beitrag der derzeitigen Randbepflanzung beziffert die Studie nicht ausdrücklich, er liegt deutlich darunter.

Seniorautor Yung nennt den wissenschaftlichen Kern: „Wir haben erstmals gezeigt, dass menschliches Eingreifen die Kohlenstoffsequestrierung auch in extremen Trockengebieten messbar steigern kann."

Worauf Kritiker hinweisen

Das Programm hat wissenschaftlich dokumentierte Schwachstellen. Shixiong Cao von der Pekinger Forstuniversität stellte fest, dass in Trockengebieten bis zu 85 Prozent der Pflanzungen langfristig nicht überleben. Monokultur-Pappeln, wegen ihres schnellen Wachstums lange bevorzugt, sterben in Teilen des Gürtels mit einer Rate von 120.000 Hektar pro Jahr durch Schädlingsbefall ab. Im Jahr 2000 vernichtete eine einzige Pilzkrankheit eine Milliarde Pappeln in der Provinz Ningxia.

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Das strukturelle Problem liegt im Wasserhaushalt. Eine 2025 im Fachjournal "Earth's Future" erschienene Studie der Universität Tianjin und der Universität Utrecht stellte fest, dass Chinas Landschaftsveränderungen zwar die Verdunstung steigerten, die verfügbare Wassermenge aber netto um 0,46 Millimeter pro Jahr sank. Jiang Gaoming von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften hält das Programm in Trockengebieten ohne angepasste einheimische Pflanzenarten für strukturell fehlerhaft. Ein Gegenmodell innerhalb Chinas ist das Löss-Plateau-Projekt: Auf 2,5 Millionen Hektar wurden dort einheimische Gräser und Sträucher eingesetzt, die an den lokalen Wasserhaushalt angepasst sind. Ökologen sehen es als dauerhaft erfolgreicher als die pappeldominierten Teile des Dreinorden-Gürtels.

Im Vergleich: Andere Grüne Mauern der Welt

Afrikas Große Grüne Mauer zielt auf 100 Millionen Hektar Restaurierung im Sahel bis 2030 und die Bindung von 250 Millionen Tonnen CO2. Bis 2024 wurden rund 30 Millionen Hektar restauriert, 30 Prozent des Ziels. Das Finanzierungsproblem bleibt das zentrale Hindernis: 33 Milliarden Dollar wurden zugesagt, aber deutlich weniger ausgezahlt.

Israels Yatir-Wald am Wüstenrand des Negev gilt seit 1964 mit vier Millionen Bäumen auf 30 Quadratkilometern als meistuntersuchtes Trockengebietsprojekt der Welt. Seine Kohlenstoffaufnahme ist wissenschaftlich belegt. Kritiker bemängeln den Einsatz nicht einheimischer Kiefernarten und Landkonflikte mit Beduinengemeinden. Beide Projekte zeigen dasselbe Muster wie die Taklamakan: Bepflanzung in Trockengebieten ist machbar und messbar wirksam, steigt aber erheblich in ihrer Effizienz bei einheimischer Mischvegetation.

Was andere Wüstenprojekte vom Taklamakan-Ring lernen können

Die PNAS-Studie liefert einen per NASA-Satellit reproduzierbaren Messrahmen für Trockengebietsprojekte weltweit. Künftige Projekte in anderen Hyperaridregionen können dieselbe Methode zur unabhängigen Erfolgskontrolle nutzen, ohne auf Selbstberichte der Betreiber angewiesen zu sein.

Die zentrale Lehre aus den chinesischen Fehlern ist eindeutig: Monokultur-Pappeln überleben in Trockengebieten langfristig kaum, einheimische Mischvegetation schon. Ob China bei der weiteren Umsetzung des Programms auf 4,45 Millionen Hektar Jahrestempo diesen Methodenwechsel vollzieht, entscheidet darüber, wie viel von den 66 Milliarden gepflanzten Bäumen in einer Generation noch steht.

Quellen (10)

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