Zwei Antikörper halten HIV ohne tägliche Medikamente in Schach
Etwa 38 Millionen Menschen weltweit nehmen täglich Antiretrovirale Tabletten, um HIV zu kontrollieren. Zwei Antikörper, die nur einmal injiziert werden müssen, könnten diese Dauertherapie eines Tages überflüssig machen. Frühe Ergebnisse der RIO-Studie legen nahe, dass das Virus bei einem Großteil der Patienten dauerhaft unterdrückt werden kann, ohne dass täglich Medikamente nötig sind.
Was die Studie gezeigt hat
Im Zentrum der Forschung stehen zwei breit neutralisierende Antikörper: Teropavimab (wissenschaftlich 3BNC117-LS) und Zinlirvimab (10-1074-LS). Beide wurden so verändert, dass sie besonders lange im Körper verbleiben. Eine einzelne Injektion reicht aus, um mehrere Monate wirksam zu sein.
In der Phase-1-Phase der RIO-Studie unter der Leitung des Imperial College London erhielten 68 Probanden entweder die Antikörperkombination oder ein Placebo. Nach 20 Wochen hatten 75 Prozent der behandelten Teilnehmer ihre Viruslast unter der Nachweisgrenze gehalten. In der Placebo-Gruppe waren es nur 11 Prozent. Besonders bemerkenswert: Zwei Studienteilnehmer sind inzwischen seit über einem Jahr ohne jede antiretrovirale Therapie und haben die Viruslast weiterhin unter Kontrolle.
Auf der CROI 2026, der wichtigsten internationalen HIV-Konferenz, wurden erweiterte Daten präsentiert. Mehr als die Hälfte der 34 Teilnehmer aus der Placebo-Gruppe, die im Anschluss ebenfalls die Antikörper erhielten, erreichte eine anhaltende Viruslastunterdrückung über mehr als 20 Wochen. Schwere Nebenwirkungen wurden in keinem Fall auf die Antikörper zurückgeführt.
Was eine funktionale Heilung bedeutet
Der Begriff funktionale Heilung bezeichnet keinen Zustand, in dem HIV vollständig aus dem Körper eliminiert wird. Das Virus bleibt in sogenannten Reservoiren latent vorhanden. Eine funktionale Heilung bedeutet vielmehr, dass das Immunsystem oder eine medikamentöse Behandlung das Virus so lange kontrolliert, dass keine Schäden entstehen und keine Übertragung möglich ist, ohne dass täglich Medikamente eingenommen werden müssen.
Die Antiretrovirale Therapie, die seit Mitte der 1990er Jahre den Standard darstellt, hat die Sterblichkeit durch AIDS dramatisch gesenkt. Sie verhindert aber nicht die latente Infektion und muss lebenslang fortgesetzt werden. Unterbricht ein Patient die Therapie, schnellt die Viruslast in der Regel innerhalb von Wochen wieder in die Höhe.
Wie die Antikörper wirken
Breit neutralisierende Antikörper greifen an Strukturen des HI-Virus an, die sich im Laufe der Evolution kaum verändert haben, weil sie für die Funktion des Virus unverzichtbar sind. Teropavimab bindet an die CD4-Bindungsstelle auf dem Hüllprotein gp120, zinlirvimab richtet sich gegen die V3-Schleife. Diese Kombination macht es für das Virus schwer, durch eine einzige Mutation zu entkommen.
Die Langwirksamkeit der eingesetzten Varianten beruht auf Modifikationen im Fc-Bereich der Antikörper, die ihre Halbwertszeit im Körper deutlich verlängern. In der RIO-Studie wurden die Antikörper intravenös verabreicht; Forscher arbeiten an subkutanen Formulierungen, die eine Selbstinjektion ermöglichen würden.
Was als Nächstes kommt
Die Phase 3 der RIO-Studie ist in Planung und soll unter anderem untersuchen, ob kontrollierte Virusausbrüche das Immunsystem so stimulieren können, dass es HIV langfristig selbst in Schach hält. Dieses Konzept des Immunsystem-Primings könnte der Schlüssel zu einer wirklich dauerhaften Kontrolle sein.
Die Ergebnisse sind noch weit von einer Zulassung entfernt. Klinische Phase-3-Studien dauern typischerweise mehrere Jahre und die Frage der Herstellungskosten für Antikörpertherapien bleibt offen. Aber für Millionen von Menschen, die täglich Medikamente nehmen müssen, sind diese frühen Signale eine der hoffnungsvollsten Entwicklungen seit der Einführung der antiretroviralen Therapie vor 30 Jahren.