
Rückkehr des Tangwalds: Taucher räumen Seeigel
Quellen (10)
- NOAA Fisheries: Pioneering Project to Restore Bull Kelp Forests in Greater Farallonesfisheries.noaa.gov
- Greater Farallones National Marine Sanctuary: Kelp Factsfarallones.noaa.gov
- Greater Farallones National Marine Sanctuary: Kelp in Declinefarallones.noaa.gov
- NOAA Office of National Marine Sanctuaries: Lending a Helping Handsanctuaries.noaa.gov
- NOAA Office of National Marine Sanctuaries: Restoring Balance 2026sanctuaries.noaa.gov
- Fort Ross: Kelp Forest Restorationfortross.org
- California Ocean Protection Council: Bringing Back the Starsopc.ca.gov
- Kelp Restoration Program: Greater Farallones Associationfarallones.org
- University of Tasmania: Working Together to Safeguard Threatened Giant Kelp Forestsutas.edu.au
- Tasmanian Times: Kelp Forest Restoration Projecttasmaniantimes.com
In einer einzigen Bucht nördlich von San Francisco entfernte ein Taucher innerhalb einer Saison 7.700 Kilogramm Seeigel per Hand vom Meeresgrund. Dann wuchs dort wieder Seetang. Diese Gleichung, aufwändig und direkt, ist der Kern einer 9,5-Millionen-Dollar-Kampagne, mit der die Greater Farallones National Marine Sanctuary die Tangwälder Nordkaliforniens retten will.
2013: Ein Krankheitserreger tötet Milliarden Seesterne
Der Ausgangspunkt liegt gut zehn Jahre zurück. 2013 breitete sich an der Westküste Nordamerikas eine Seuche aus, die heute als Sea-Star-Wasting-Disease bekannt ist. Der Erreger tötete schätzungsweise sechs Milliarden Seesterne. Am härtesten traf es den Sonnenblumenseestern (Pycnopodia helianthoides): Annähernd 95 Prozent seiner Weltpopulation starb innerhalb weniger Jahre. In Kalifornien gelten Sonnenblumenseesterne nach Angaben der NOAA heute als funktional ausgestorben in großen Teilen ihres früheren Verbreitungsgebiets.

Das allein wäre folgenreich genug. Gleichzeitig traf ab 2014 eine mehrjährige Meereswärmewelle die Westküste, kombiniert mit einem El-Niño-Ereignis. Beide Faktoren zusammen schwächten den Seetang, bevor er sich erholen konnte und schufen ideale Bedingungen für die Violetten Seeigel (Strongylocentrotus purpuratus): ihre natürlichen Feinde, die Seesterne, waren weg. Ihre Population explodierte auf bis zu 60 Mal den historischen Durchschnittswert. Entlang der Nordküste Kaliforniens verschwanden mehr als 90 Prozent der Tangwaldbestände. Im Schutzgebiet Greater Farallones waren es bis zu 80 Prozent.
Was übrig blieb, nannten Meeresbiologen Seeigel-Ödland: kahle Felsen, bedeckt von Millionen hungernder Seeigel, die jeden Tangkeimling sofort abfressen.
Seeigel ohne Feinde, Fischerei ohne Ertrag
Der Zusammenbruch der Tangwälder ist kein rein ökologisches Problem. Tangwälder sind Kinderstube und Schutzraum für zahlreiche Meereslebewesen, darunter Rockfish-Arten (Küstenbarsche), Lachs und Kabeljau. Wenn der Wald wegfällt, fallen auch die Fischgründe weg.
Der wirtschaftliche Schaden ist bezifferbar. Die kommerzielle Fischereiindustrie auf Roten Seeigel verlor 3 Millionen Dollar jährliche Einnahmen durch den Bestandseinbruch. Die Abalone-Fischerei, eine der historisch wichtigsten Küstenfischereien Nordkaliforniens, ist seit dem Kollaps vollständig geschlossen. Ihr wirtschaftlicher Wert lag vor dem Einbruch bei 44 Millionen Dollar pro Jahr.
Was die Taucher jetzt tun
Seit 2024 arbeitet die Greater Farallones Association mit kommerziellen Taucherinnen und Tauchern, die Seeigel buchstäblich per Hand aus dem Meer holen. An einem einzigen Standort, Timber Cove nördlich von San Francisco, entfernte ein einzelner Taucher innerhalb einer Saison rund 7.700 Kilogramm Seeigel und erfasste damit 90 Prozent der Seeigel an diesem Standort. In den entstehenden Lücken wurden Tangpflanzen auf drei verschiedene Arten eingesetzt: auf Betonblöcken mit kultivierten Setzlingen, in Netzbeuteln mit Tangsporen und an verankerten Schnüren mit jungen Tangpflanzen.
Seetang wächst unter günstigen Bedingungen bis zu 25 Zentimeter am Tag. Das ist das Tempo, mit dem dieser Unterwasserwald theoretisch zurückkehren kann.
9,5 Millionen Dollar Fördergelder sind bisher gesichert, darunter 4,9 Millionen Dollar aus dem US-amerikanischen Bipartisan Infrastructure Law, vergeben über NOAA. Das Ziel: rund 11 Hektar (27 Acres) Tangwald in fünf prioritären Buchten entlang der Küste Sonoma Countys wiederherzustellen. Für die nächsten fünf Jahre werden noch 7 Millionen Dollar gesucht.
Im Vergleich: Tasmanien zeigt, was möglich ist
Ein ähnlicher Kollaps wurde auf der anderen Seite des Pazifiks bereits erfolgreich bekämpft. Tasmanien erlebte durch Ozeanerwärmung einen 95-prozentigen Rückgang seiner Riesentangwälder (Macrocystis pyrifera), im selben Jahrzehnt wie Nordkalifornien. Ab 2024 lief ein 3,5-Millionen-Dollar-Projekt unter Leitung des Institute for Marine and Antarctic Studies (IMAS) der Universität Tasmanien. Taucher entfernen Seeigel, Hummer werden als biologische Kontrollinstanz an die Küste umgesiedelt, um langfristig den Seeigeldruck ohne menschliche Eingriffe zu regulieren. Das Ergebnis: An mehreren Standorten wächst Riesentang erstmals seit einer Dekade wieder bis an die Wasseroberfläche.
Die Parallelen zwischen Tasmanien und Nordkalifornien sind deutlich: Ein natürlicher Räuber fällt aus, ein Pflanzenfresser explodiert, ein Wald verschwindet. Die Restaurierungsmethode ist in beiden Fällen dieselbe: zuerst den Überdruck aus dem System nehmen, dann Pflanzen zurückbringen.
Drei Bedingungen für eine dauerhafte Rückkehr
Eine vollständige Erholung der Tangwälder vor Greater Farallones ist nicht garantiert. Drei Bedingungen müssen zusammenkommen.
Erstens muss der Seeigeldruck konstant niedrig gehalten werden. Eine einzige Saison ohne aktives Taucherteam genügt, um das Gleichgewicht wieder kippen zu lassen. Das Projekt braucht Finanzierung über Jahre, nicht über Saisons. Dass derzeit noch 7 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre fehlen, ist der kritischste Punkt im gesamten Restaurierungsplan.
Zweitens darf die Wassertemperatur nicht dauerhaft steigen. Seetang benötigt kaltes, nährstoffreiches Wasser. Wenn der Klimawandel Meereswärmewellen häufiger und intensiver macht, müssen Restaurierungsarbeiten in Perioden natürlicher Abkühlung gebündelt werden. Das setzt genaues Monitoring voraus.
Drittens muss der Sonnenblumenseestern als natürlicher Räuber zurückkehren. Ohne ihn bleibt die Seeigelpopulation langfristig nur durch menschliche Eingriffe in Schach. Mehrere Institutionen, darunter NOAA und die California Ocean Protection Council, haben 2024 Wiederansiedlungsprogramme für den Sonnenblumenseestern gestartet. Wie lange es dauert, bis er wieder als Ökosystemfaktor wirksam ist, können Wissenschaftler noch nicht vorhersagen.
Bis das alles greift, ist die Taucherin mit dem Netz das Scharnier zwischen Kollaps und Rückkehr.
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