TB-Vakzin M72: Erste neue Impfung seit hundert Jahren
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TB-Vakzin M72: Erste neue Impfung seit hundert Jahren

Jedes Jahr sterben mehr als 1,25 Millionen Menschen an Tuberkulose, obwohl die Welt seit 1921 eine Impfung dagegen hat. Der BCG-Impfstoff schützt Kleinkinder, versagt aber bei Erwachsenen gegen Lungentuberkulose. Im April 2025 hat die Phase-3-Studie für M72/AS01E alle 20.000 Probanden rekrutiert, elf Monate früher als geplant.

5. Juli 2026, 9:15 Uhr 703 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der Kampf gegen Tuberkulose hat ein Paradox: Seit 1921 gibt es eine Impfung dagegen und die Krankheit tötet trotzdem jedes Jahr mehr als 1,25 Millionen Menschen. Das liegt daran, dass der BCG-Impfstoff Kleinkinder vor schweren Verlaufsformen schützt, gegen Lungentuberkulose bei Erwachsenen aber kaum etwas ausrichtet. Im April 2025 erreichte die Phase-3-Studie für M72/AS01E, den ersten ernsthaften Kandidaten für eine grundlegend neue TB-Impfung, ein unerwartetes Ziel: alle 20.000 Probanden rekrutiert, elf Monate früher als geplant.

Was M72/AS01E von BCG unterscheidet

BCG (Bacille Calmette-Guérin) ist der meistverabreichte Impfstoff der Welt: Rund vier Milliarden Impfungen wurden seit 1921 verabreicht. Kleinkinder sind damit gegen miliare Tuberkulose und tuberkulöse Hirnhautentzündung weitgehend geschützt. Gegen pulmonale Tuberkulose, die Lungenform, die den weitaus größten Teil aller Fälle ausmacht und durch Atemluft übertragen wird, bietet BCG bei Erwachsenen kaum Schutz. Das ist der Grund, warum TB trotz eines Jahrhunderts Impfung weiterhin jedes Jahr über eine Million Menschen tötet.

tuberkulose

M72/AS01E setzt an einem anderen Mechanismus an. Der Impfstoff enthält ein synthetisches Fusionsprotein aus zwei Tuberkulose-Antigenen (daher das M72 im Namen) und wird mit dem Adjuvans AS01E kombiniert, das zwei Immunrezeptoren aktiviert und eine deutlich stärkere T-Zell-Antwort auslöst als BCG. Das AS01-Adjuvans-System ist kein Neuland: Dieselbe Formulierung (AS01E) steckt im zugelassenen Malaria-Impfstoff Mosquirix, der bei Kindern in Subsahara-Afrika eingesetzt wird. Ursprünglich von GSK entwickelt, wird M72/AS01E seit einigen Jahren vom Gates Medical Research Institute vorangetrieben, finanziert von der Bill und Melinda Gates Foundation und dem Wellcome Trust.

Was die Phase-2b-Studie zeigte

Die ersten Wirksamkeitsdaten kamen aus einer placebokontrollierten Phase-2b-Studie mit 3.575 HIV-negativen Erwachsenen mit latenter Tuberkulose in Kenia, Sambia und Südafrika. Das New England Journal of Medicine veröffentlichte 2018 die primären Ergebnisse: 54,0 Prozent Wirksamkeit nach 24 Monaten Follow-up. Die finale Analyse nach 36 Monaten (NEJM 2019) ergab 49,7 Prozent.

Im Vergleich mit Covid-Impfstoffen oder Masernimpfstoffen, die über 90 Prozent Wirksamkeit erreichen, klingt das mäßig. Der Kontext macht den Unterschied: Rund 1,7 Milliarden Menschen sind laut WHO-Schätzungen weltweit latent mit Mycobacterium tuberculosis infiziert, was etwa einem Viertel der Weltbevölkerung entspricht. In Ländern mit hoher TB-Last könnte eine 50-prozentige Reduktion aktiver Erkrankungen Hunderttausende Leben pro Jahr retten. Für die 1,25 Millionen TB-Toten aus dem Jahr 2023 gilt das nicht mehr. Für die Generationen danach könnte es entscheidend sein.

Phase 3: 54 Standorte, fünf Länder, 20.000 Probanden

Die laufende Phase-3-Studie (NCT06062238) ist erheblich größer. 20.000 Jugendliche und Erwachsene wurden an 54 Standorten in Indonesien, Kenia, Malawi, Südafrika und Sambia eingeschlossen. Die Auswahl zeigt Kalkül: Das sind Länder, in denen TB endemisch ist und Impfstoffwirksamkeit unter realen epidemiologischen Bedingungen gemessen werden kann.

impfstoff

Im April 2025 meldete das Gates Medical Research Institute die vollständige Rekrutierung, elf Monate vor dem ursprünglichen Termin. Das ist in der klinischen Forschung ungewöhnlich: Studien leiden strukturell unter Rekrutierungsproblemen, Standorte fallen aus, Protokolländerungen verzögern den Zeitplan. Elf Monate Vorsprung zeigt, dass die lokale Infrastruktur und die Netzwerke in den fünf Ländern funktionieren. Kritiker wie Ärzte ohne Grenzen weisen darauf hin, dass selbst bei positivem Phase-3-Ergebnis die Preisgestaltung darüber entscheiden wird, ob Länder mit hoher TB-Last tatsächlich Zugang bekommen. Diese Frage ist noch vollständig offen.

Im Vergleich: Wie lange andere Impfstofferfolge dauerten

Der Weg von Phase-3-Ergebnissen zur Marktzulassung braucht bei Impfstoffen typischerweise mehrere Jahre. Der Malaria-Impfstoff RTS,S/AS01 (Mosquirix): Phase-3-Daten 2011, WHO-Empfehlung Oktober 2021. Zehn Jahre. Beim oralen Polioimpfstoff, 1961 zugelassen, dauerte es drei Jahrzehnte, bis klar war, dass attenuierte Viren gelegentlich zu virulenten Formen zurückmutieren können. Heute ist Polio dank Nachfolgeimpfstoffen um 99,9 Prozent zurückgegangen und gilt nur noch in zwei Ländern als endemisch (WHO Stand 2024).

TB ist schwieriger als Polio. Mycobacterium tuberculosis überdauert jahrzehntelang in latenten Infektionen, ist resistenter gegen Immunantworten als Polioviren und überträgt sich über Atemluft statt fäkal-oral. Eine Impfung, die latente Infektion nicht verhindert, sondern nur die Reaktivierung zu aktiver Erkrankung reduziert, ist das Ziel. Kein vollständiger Schutz, sondern ein deutlicher.

April 2028: Das Datum, auf das alles zuläuft

Die Primäranalyse der Phase-3-Studie ist für April 2028 geplant. Falls M72/AS01E die nötige Wirksamkeitsschwelle erreicht und das Sicherheitsprofil bestätigt wird, folgen regulatorische Einreichungen bei WHO, FDA und gegebenenfalls EMA. Parallel laufen Verhandlungen über Beschaffung und Preisgestaltung mit Gavi und dem Global Fund, beides internationale Finanzierungsmechanismen, über die Impfstoffe in einkommenschwache Länder gelangen.

Ein wesentliches Risiko bleibt: Die 49,7 Prozent Wirksamkeit aus Phase 2b sind kein garantiertes Ergebnis für Phase 3. Wenn die größere Studie eine niedrigere Wirksamkeit zeigt, könnten regulatorische Hürden steigen. Das Ergebnis von April 2028 wird nicht nur über M72/AS01E entscheiden. Es wird zeigen, ob der Wissenschaft gelungen ist, was seit einem Jahrhundert aussteht: eine Impfung zu entwickeln, die Erwachsene wirksam vor der tödlichsten bakteriellen Infektionskrankheit der Welt schützt.

Quellen (10)

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