Nigeria: Luftwaffe bombardiert Grenzmarkt, 56 bis 200 Tote, Regierung besteht auf Terrorziel
Am Samstag, dem 11. April 2026, feuerte die nigerianische Luftwaffe im Rahmen der Operation HADIN KAI auf den Jilli-Markt im Grenzgebiet zwischen Borno und Yobe State im Nordosten des Landes. Was seitdem feststeht: Viele Menschen sind tot. Was strittig bleibt: wer sie waren.
Die Zahlen und ihre Quellen
Ein UN-Sicherheitsbericht zählt mindestens 56 Tote und 14 Verletzte. Amnesty International spricht von über 100 Toten und beruft sich auf Zeugenaussagen von Überlebenden. Ein lokaler Bezirksvorsteher berichtete gegenüber internationalen Medien von bis zu 200 Todesopfern und Verletzten zusammengerechnet. Die nigerianische Regierung nennt keine eigene Opferzahl für Zivilisten, weil sie die Kategorie ablehnt: Der Angriff sei ein gezielter, geheimdienstgestützter Schlag auf ein Logistikzentrum der Terrorgruppe ISWAP gewesen, nicht auf einen zivilen Markt.
Das Bundesministerium für Information erklärte in einer offiziellen Stellungnahme, der Jilli-Markt sei ein bekannter Umschlagpunkt für Waffen, Lebensmittelversorgung und Steuereinnahmen der Terrorgruppe. Der Angriff sei weder indiskriminat noch ein Fehler gewesen.
Was der Gouverneur sagt und was das bedeutet
Babagana Zulum, Gouverneur von Borno State, unterstützt das Militär öffentlich. Sein Argument ist dabei aufschlussreich: Die Borno-Staatsregierung habe den Jilli-Markt vor fünf Jahren geschlossen, als Teil einer Sicherheitsmaßnahme gegen insurgente Nutzung. Dass dort noch Handel stattfand, sei auf die illegale Weiternutzung durch Insurgenten zurückzuführen. Zulum warnte Bewohner ausdrücklich, keine logistische Unterstützung an Boko Haram oder ISWAP zu leisten.
Das ist die Kernfrage. Wenn der Markt seit fünf Jahren offiziell geschlossen war, wer handelte dort tatsächlich? Lokale Zeugen und internationale Medien beschreiben einen belebten Wochenmarkt, auf dem Bauern und Händler aus der Region Lebensmittel, Vieh und Haushaltswaren verkauften. Die Grenzregion zwischen Borno und Yobe State ist chronisch unterversorgt; Märkte wie Jilli sind für die Zivilbevölkerung wirtschaftlich unverzichtbar. Dass ein geschlossener Markt faktisch als aktiver Markt weiterfunktionierte, ist in diesen Regionen keine Ausnahme, sondern Alltag.
Ein Muster, keine Ausnahme
Die nigerianische Luftwaffe hat in der Vergangenheit mindestens sieben weitere Male Zivilisten bei Angriffen getötet, die als Antiterroroperationen deklariert waren. Im Januar 2025 starben bei einem ähnlichen Angriff 16 Menschen, im Dezember 2023 bei einem Angriff auf eine Hochzeitsfeier in Kaduna State 85. In keinem dieser Fälle wurden Verantwortliche strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen. Die Untersuchungen endeten mit dem Befund menschlichen Versagens oder unzureichender Aufklärung, ohne Konsequenzen für beteiligte Einheiten.
Diesmal hat die Luftwaffe ihre Civilian Harm Accident and Investigation Cell, kurz CHAI-Cell, eingesetzt. Das klingt nach unabhängiger Kontrolle, ist es aber strukturell nicht. Die CHAI-Cell ist eine interne Einheit der Luftwaffe, die sich selbst untersucht. Amnesty International und mehrere UN-Sonderberichterstatter fordern eine unabhängige externe Untersuchung.
Strukturelle Straflosigkeit
Was diesen Fall über den Einzelfall hinaus bedeutsam macht, ist die Frage nach dem System. Nigerias Sicherheitskräfte operieren im Nordosten des Landes seit über einem Jahrzehnt gegen Boko Haram und dessen Ableger ISWAP. Über 35.000 Menschen sind in diesem Konflikt getötet worden, die meisten davon Zivilisten. Internationale Beobachter dokumentieren seit Jahren, dass nigerianische Sicherheitskräfte kaum zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung unterscheiden, sobald eine Region als Insurgentenhochburg klassifiziert ist.
Für die Bevölkerung in Borno und Yobe State bedeutet das eine doppelte Bedrohung: durch Terrorgruppen, die Steuern erheben und Dörfer überfallen und durch staatliche Kräfte, die Märkte als militärische Ziele behandeln. Weder die eine noch die andere Seite schützt sie.
Solange interne Untersuchungen ohne externe Aufsicht bleiben und Strafverfolgung ausbleibt, gibt es für die Luftwaffe keinen Anreiz, ihre Targeting-Verfahren zu ändern. Das ist kein Versagen der Untersuchung im Fall Jilli. Es ist das Ergebnis eines Systems, das genau so gebaut ist.