Lehramtsresidency: 93 Prozent bleiben im Beruf
In knapp jedem achten amerikanischen Klassenzimmer steht heute jemand, der nicht vollständig zertifiziert ist oder dessen Stelle gar nicht besetzt wurde. Rund 411.500 Positionen sind laut Learning Policy Institute für das Schuljahr 2024/25 betroffen. Ein Programm im Schuldistrikt Winston-Salem/Forsyth County in North Carolina zeigt, wie das strukturell geändert werden kann: mit einer Verbleibquote von 93 Prozent hält das Teacher Residency-Programm nahezu alle Absolventen dauerhaft im Schuldienst.
Was eine Teacher Residency ist
Das Modell überträgt eine Logik aus der Medizin auf die Lehrerausbildung. Wie ein Arzt nach dem Studium eine klinische Residency absolviert, bevor er eigenverantwortlich behandelt, verbringen angehende Lehrkräfte bei einer Teacher Residency ein volles Schuljahr als intensive Praxisphase im Klassenzimmer. Eine erfahrene Mentorlehrkraft begleitet sie dabei kontinuierlich. Parallel absolvieren die Residenten Studienmodule, die direkt an die Unterrichtspraxis angebunden sind.

Das Programm in Winston-Salem/Forsyth County wurde 2023 vom Bundesstaat North Carolina genehmigt und richtet sich bewusst an Quereinsteiger: Lehrerassistenten, Vertretungslehrkräfte und Berufswechsler, die eine vollständige Zertifizierung anstreben. Programmleiterin Karen Morris berichtete, drei Jahre nach dem Start seien noch 93 Prozent der Absolventen im Distrikt tätig. Die Bestehensrate beim staatlichen Leistungsnachweis lag zuletzt bei 100 Prozent gegenüber einem landesweiten Durchschnitt von 85 Prozent.
Was nationale Vergleichsdaten zeigen
Winston-Salem ist kein Ausreißer. Das Learning Policy Institute hat Residency-Programme systematisch ausgewertet. Ergebnis: Residency-Absolventen verbleiben zu 80 bis 90 Prozent im selben Distrikt nach drei Jahren, verglichen mit rund 66 Prozent bei traditionell ausgebildeten Lehrkräften. Die Dreijahresabbrecherquote liegt bei 16 Prozent gegenüber 33 Prozent im nationalen Durchschnitt. Rund 440 Residency-Programme existieren heute in 26 Bundesstaaten und Washington D.C.
Die entscheidende Variable dabei: Rund 90 Prozent des jährlichen Lehrerbedarfs in den USA entstehen durch Abgänge, nicht durch neue Stellen. Wer verhindert, dass ausgebildete Lehrkräfte in den ersten Berufsjahren aufhören, bekämpft den Lehrermangel an der Wurzel effizienter als jede Nachwuchswerbekampagne.
Warum Lehrkräfte früh aufhören und wie Residencies das adressieren
Die häufigsten Gründe für den frühen Berufsausstieg sind Forschungsdaten zufolge: unzureichende Vorbereitung auf reale Unterrichtssituationen, fehlendes Mentoring im ersten Berufsjahr und schwache Bindung an den spezifischen Schuldistrikt. Residency-Programme adressieren alle drei Faktoren gleichzeitig. Absolventen kennen die Schule bereits aus einem Jahr Praxisphase, haben eine Mentorenbeziehung aufgebaut und hatten Zeit, Disziplinprobleme und Elterngespräche unter Begleitung zu bewältigen, bevor sie allein dafür verantwortlich sind.

Auffällig ist auch das Diversitätsprofil: 45 Prozent der Residency-Absolventen sind laut Learning Policy Institute People of Color, mehr als doppelt so viele wie im nationalen Lehrerdurchschnitt von 19 Prozent. Schulen in Distrikten mit hohem Anteil an Schülern aus einkommensschwachen Haushalten haben überproportional viele offene Stellen und rekrutieren überproportional stark aus Residency-Programmen, weil diese Ausbildungswege in genau diesen Regionen verankert sind.
Wer als Nächstes nachzieht: England und das ungelöste Deutschland-Problem
Australien, Kanada und Teile des Vereinigten Königreichs haben bereits Residency-Modelle nach US-Vorbild eingeführt oder erprobt. In England startete 2021 das Teaching School Hubs-Programm, das Berufseinsteiger über mehrere Jahre strukturiert begleitet und schulbasiertes Mentoring in den Mittelpunkt stellt. Belastbare Langzeitdaten zur Verbleibquote liegen noch nicht vor; erste Evaluationen des Department for Education deuten auf verbesserte Begleitung im ersten Berufsjahr hin.
In Deutschland gibt es kein direktes Äquivalent. Das Referendariat erfüllt eine ähnliche Funktion, kommt aber nach dem Vollstudium statt begleitend dazu und dauert 18 bis 24 Monate. Was fehlt, ist nicht die Idee einer Praxisphase, sondern ihre Einbettung: intensive Begleitung durch Mentorinnen und Mentoren, enge Verzahnung von Theorie und Praxis und eine finanzielle Vergütung, die Quereinsteigern ermöglicht, die Ausbildung durchzuhalten.
Einzelne Bundesländer erproben Seiteneinsteiger-Routen, aber ein systematisch evaluiertes Residency-Modell nach dem Muster Winston-Salems gibt es hierzulande nicht. Das Muster des deutschen Lehrermangels ist strukturell ähnlich wie in den USA: Die meisten Vakanzen entstehen durch Frühfluktuation, nicht durch fehlenden Nachwuchs. Eine Lösung, die 93 Prozent der Ausgebildeten im Beruf hält, wäre auch hier eine Antwort wert.
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