Trump nennt Deutschlands NATO-Ausgaben ‘lächerlich’
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Trump nennt Deutschlands NATO-Ausgaben ‘lächerlich’

Trump stützt seine Kritik an Deutschland auf elf Jahre aufaddierte Verteidigungszahlen und spart dabei aus, dass Berlin 2024 erstmals seit 1991 die Zwei-Prozent-Marke überschritten hat. Der Streit ist tiefer als Haushaltsziffern: Er geht um Gefolgschaft.

2. Juli 2026, 22:37 Uhr 1270 Wörter · 7 Min. Lesezeit

Am 2. Juli veröffentlichte Donald Trump auf Truth Social eine Aufstellung der NATO-Ausgaben seiner Bündnispartner. Die USA hätten zwischen 2014 und 2025 zusammen 999 Milliarden Dollar aufgewendet, Großbritannien 90,5 Milliarden, Frankreich 66,5 Milliarden, Italien 48,8 Milliarden, Polen 44,3 Milliarden. Dann der Satz über Deutschland: „Others, including Germany, are MUCH LOWER (2014-2025) Ridiculous!“ Fünf Tage vor dem NATO-Gipfel in Ankara unterstellt Trump damit, Berlin leiste seinen fairen Anteil nicht. Dabei hatte Deutschland bereits im Jahr 2024 erstmals seit 33 Jahren mehr als zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgegeben.

Eine Liste, die 2022 nicht kennt

Trumps Aufstellung ist rechnerisch korrekt, aber so gewählt, dass die entscheidende Verschiebung unsichtbar bleibt. Deutschland lag über den meisten jener elf Jahre weit unterhalb der NATO-Zielmarke von zwei Prozent des BIP. 2021 waren es 1,35 Prozent, 2022 nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 1,44 Prozent. Erst nach der Zeitenwende-Erklärung und dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro beschleunigte sich der Aufbau grundlegend.

Der NATO-Jahresbericht 2025 dokumentiert die Wende: Deutschland rangiert beim Verteidigungshaushalt unter den NATO-Mitgliedern an zweiter Stelle und steigerte seine Ausgaben gegenüber 2024 um mehr als 20 Prozent auf 88,8 Milliarden Euro. Damit überschritt das Land zum zweiten Mal in Folge die Marke von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, erstmals hatte Deutschland diesen Wert 2024 überschritten. Für 2026 ist ein Rekordhaushalt von 108,2 Milliarden Euro eingeplant. Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Ziel ausgegeben, Deutschland bis 2039 zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Diese Dynamik erscheint in kumulativen Zahlen von 2014 bis 2025 nicht.

Der eigentliche Streitpunkt: Gefolgschaft, nicht Geld

Dass Trumps Kritik über Haushaltsziffern hinausgeht, zeigte sich in den Wochen vor dem Ankara-Gipfel. Im April hatte Bundeskanzler Merz öffentlich angemerkt, Iran „demütige“ die USA in den Verhandlungen über die Straße von Hormus. Trump antwortete auf Truth Social, Merz „weiß nicht, wovon er redet“ und drohte mit dem Abzug amerikanischer Soldaten. Wenige Tage später ordnete Verteidigungsminister Pete Hegseth den Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an, etwa 14 Prozent der dort stationierten Truppen.

Deutschland versucht, die Verstimmung durch wirtschaftliche Angebote zu überbrücken: Berliner Regierungskreisen zufolge sondiert die Bundesregierung mit Washington eine Vereinbarung zur Produktion amerikanischer Waffen auf deutschem Boden. Verteidigungsminister Boris Pistorius setzte dennoch eine klare Grenze. „Die NATO ist kein Ort für blinden Gehorsam“, sagte er im Vorfeld des Gipfels. „Entscheidungen werden im freien Konsens aller Mitgliedsstaaten getroffen, nicht nach dem Diktat einzelner.“ Bloomberg berichtete am 2. Juli unter der Überschrift „Germany Rejects Trump's Demands for NATO Loyalty to Washington“.

Im Hintergrund steht die Weigerung Berlins, den USA bei der Sicherung der Straße von Hormus im Iran-Konflikt zur Seite zu stehen. Für Trump ist das eine Frage politischer Loyalität. Für Berlin ist es eine Frage eigenständiger Außenpolitik.

Sechs Nationen, acht Projekte: ELSA als strukturelle Antwort

Hinter dem öffentlichen Schlagabtausch entwickelt sich eine strukturelle Verschiebung, die mittelfristig größere Bedeutung haben könnte als die aktuelle Ausgabenrhetorik. Am 18. Juni 2026 unterzeichneten die Verteidigungsminister Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Polens und Schwedens die Neuorganisation der European Long-Range Strike Approach Initiative, ELSA, in acht eigenständige Implementierungsgruppen, jeweils von einer Führungsnation verantwortet.

Die Initiative zielt auf den koordinierten Aufbau europäischer Präzisionswaffen in drei Reichweitenbändern: 300 bis 500 Kilometer, 500 bis 2.000 Kilometer und über 2.000 Kilometer. Dazu kommt ein kostengünstiges Einsatzsegment einseitig fliegender Drohnen mit Reichweiten über 500 Kilometer für Angriffe auf feindliche Luftabwehr und Logistikknoten. Deutschland bringt in diese Initiative vor allem Finanzierungskapazität und industrielle Tiefe ein. Pistorius hatte im Mai 2026 öffentlich die „Lücke“ angesprochen, die sich durch das angekündigte Herausziehen US-amerikanischer Fähigkeiten aus dem NATO-Kommandobereich ergibt. ELSA ist die europäische Antwort auf diese Lücke. Ob sie rechtzeitig operative Kapazitäten liefert, hängt davon ab, ob die sechs Nationen die Finanzierung koordiniert hochfahren und gemeinsame Produktionslinien aufbauen.

Fünf Tage bis zum Ankaraer Kommuniqué

Am 7. und 8. Juli treffen sich die 32 NATO-Staats- und Regierungschefs im Beştepe-Komplex in Ankara. NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat bestätigt, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilnehmen wird. Auf der Agenda stehen die Ukraine-Unterstützung, für 2026 bereits auf 60 Milliarden Dollar reaffirmiert, sowie das Fünf-Prozent-Ziel des BIP für Verteidigungsausgaben bis 2035, das beim Haager Gipfel beschlossen wurde und 3,5 Prozent für Kernverteidigung sowie 1,5 Prozent für sicherheitsbezogene Ausgaben vorsieht. Einige Alliierte haben das Ziel bereits vor dem Zeitplan erreicht. Spanien lehnt die Verpflichtung bisher ab.

Für Deutschland ist die Lage in Ankara paradox: Es bringt einen Rekordhaushalt mit, hat gerade die Zwei-Prozent-Marke überschritten, plant 650 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre und bekommt von Washington trotzdem den Vorwurf, zu wenig zu tun. Hinter dieser Scheinparadoxie steckt Trumps eigentliche Frage. Sie lautet nicht: Wie viel Geld gibt Deutschland für die NATO aus? Sie lautet: Für wen gibt Deutschland es aus?

Update 3. Juli, 01:15 Uhr: Vier Tage vor dem Gipfeltreffen in Ankara zeichnet sich der eigentliche Konfliktpunkt ab: Italiens Premierministerin Giorgia Meloni blockiert eine bindende Fortführung der jährlichen Ukraine-Unterstützung von 70 Milliarden Euro über 2026 hinaus. Die entsprechende Passage im Entwurf der Abschlusserklärung steht noch in eckigen Klammern. Spanien lehnt das Fünf-Prozent-BIP-Ziel für Verteidigung weiterhin ab. Im Hintergrund steht eine strukturelle Finanzierungslücke: Für den PURL-Mechanismus, über den Kiew gezielt Rüstungsgüter bestellt, benötigt die Ukraine jährlich 13,95 bis 18,6 Milliarden Euro. Die bisherigen Zusagen reichen dafür nicht aus.

Update 4. Juli, 15:00 Uhr: Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf Trumps Kritik mit einer offiziellen Ankündigung geantwortet. Deutschland werde sein Verteidigungsbudget innerhalb von vier Jahren verdoppeln und die NATO-Zielmarke von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits 2029 erreichen, sechs Jahre früher als der in Den Haag vereinbarte Termin 2035. Merz rahmte das nicht als Trump-Konzession, sondern als strategisches Eigeninteresse: Europa müsse seine Verteidigung unabhängig von der Verlässlichkeit der USA aufbauen. Was die Verdoppelung konkret bedeutet, ist noch offen: Das Verteidigungsbudget 2026 umfasst 108,2 Milliarden Euro, davon 25,5 Milliarden aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Ein verdoppelter Haushalt würde mehr als 3,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entsprechen und müsste im Rahmen des Bundeshaushalts finanziert werden, ohne dass Merz bisher einen konkreten Finanzierungsplan vorgelegt hat.

Update 8. Juli, 20:00 Uhr: Der NATO-Gipfel in Ankara endete nach zwei Tagen mit einem Kommuniqué, das die Ukraine-Hilfe von 70 Milliarden Euro auch für 2027 absichert. Deutschland meldete der NATO offiziell Verteidigungsausgaben von 124,7 Milliarden Euro für 2026, rund 16 Milliarden mehr als der Bundesverteidigungshaushalt, weil die NATO-Quote zusätzliche sicherheitsrelevante Ausgaben aus anderen Ressorts einbezieht. Das entspricht 2,69 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Parallel wurde der TKMS-Milliarden-Deal mit Kanada bestätigt: Ottawa kauft zwölf U-Boote für rund 20 Milliarden Euro, womöglich der größte Rüstungsauftrag in der Geschichte der Bundesrepublik. Trump hatte bei seiner Ankunft in Ankara erklärt, er sei 'sehr enttäuscht' von der NATO, mit Verweis auf Grönland und die Weigerung europäischer Verbündeter, die USA im Iran-Konflikt zu unterstützen.

Quellen (21)

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