Ukraine-Drohnen zwingen Kreml zu veraltetem Benzin
Auf der Krim gibt es Benzin nur noch per Bezugsschein, maximal 20 Liter pro Woche. Das ist die konkrete Folge einer Drohnenkampagne, die acht der zehn größten russischen Raffinerien schwer beschädigt und ihre Kapazität drastisch reduziert hat. Am 2. Juli reagierte Premierminister Michail Mischustin mit einem Notstandsdekret: Raffinerien dürfen nun Kraftstoff mit fünfzehnmal höherem Schwefelgehalt produzieren als bisher erlaubt, eine Qualitätsstufe, die Russland 2016 abgeschafft hatte. Zuvor hatte die Regierung intern sogar erwogen, auf Euro-2-Standard zu wechseln, der seit 2013 verboten ist.
Acht von zehn Raffinerien getroffen
Seit März 2026 hat die ukrainische Drohnenkampagne acht der zehn größten russischen Raffinerien mindestens einmal getroffen. Die tägliche Ölverarbeitung sank auf unter vier Millionen Barrel, den niedrigsten Stand seit mehr als zwanzig Jahren. Die Benzinproduktion brach um 25 Prozent ein. Aktuell verlassen täglich rund 85.000 Tonnen Benzin die verbliebenen Anlagen, gefragt sind 110.000 Tonnen; das Defizit beträgt 25.000 Tonnen pro Tag. Von Russlands zehn größten Raffinerien arbeiten nur noch zwei ohne Einschränkungen und diese liegen östlich des Urals, außerhalb der Reichweite ukrainischer Langstreckendrohnen.
Besonders hart traf es Anlagen in der Nähe der Hauptstadt. Die Kapotnja-Raffinerie, die 15 bis 20 Prozent des Kerosinbedarfs der Moskauer Flughäfen Scheremetjewo, Domodedowo, Wnukowo und Schukowski deckt, wurde im Juni zweimal getroffen und wird nach russischen Angaben bis Jahresende außer Betrieb bleiben. Die Lukoil-Anlage in Wolgograd, auf die mehr als fünf Prozent der gesamten russischen Verarbeitungskapazität entfallen, wurde mehr als zehnmal angegriffen. Anfang Juli trafen ukrainische Drohnen Raffinerien in Rjasan, rund 180 Kilometer südöstlich von Moskau; russische Behörden meldeten drei Tote und zwölf Verletzte.
Krim: Kraftstoff per Bezugsschein
Die Versorgungslage auf der Krim ist das greifbarste Symptom der Raffinerienkrise. Nach ukrainischen Angaben gibt es Kraftstoff nur noch per Bezugsschein, maximal 20 Liter pro Woche. Das entspricht einem Tank für einen Kleinwagen, einmal. Einen regulären Arbeitsweg lässt das kaum zu. Putin räumte am 28. Juni öffentlich ein, dass Kraftstoff an manchen Tankstellen nicht verfügbar sei und Landwirte wegen des Mangels in Schwierigkeiten gerieten.
Die geografische Reichweite der Drohnenkampagne erklärt, warum eine Stabilisierung schwierig ist. Angegriffene Anlagen liegen von der Ostseeküste bis zu den Schwarzmeerhäfen, von Moskaus Umland bis zu den Wolgastädten: in Krasnodar, Jaroslawl, Kstowo, Sysran und Tuapse. Drei der Pipelineabschnitte, die Moskau mit Kraftstoff versorgen, über Jaroslawl, Rjasan und Kstowo, sind bereits getroffen worden. Die Krim ist besonders exponiert, da die beschädigte Tschonhar-Brücke auch den Landweg vom russischen Festland erschwert.
Was das Notdekret über die russische Wirtschaft verrät
Das Euro-3-Dekret ist sprachlich vorsichtig formuliert: Es soll laut offizieller Begründung die Versorgungszuverlässigkeit verbessern und als Vorbeugungsmaßnahme gegen eine Destabilisierung des Kraftstoffmarktes wirken. Was das Dokument verschweigt: Euro-3-Kraftstoff darf bis zu 150 Milligramm Schwefel pro Kilogramm enthalten; beim bisherigen Euro-5-Standard gilt ein Maximum von zehn Milligramm. Der Schwefelgehalt ist also fünfzehnmal höher. Katalysatoren reagieren empfindlich auf schwefelreichen Kraftstoff; für neuere Fahrzeuge mit sensiblen Einspritzsystemen können Schäden entstehen. Dass die Regierung diesen Schritt dennoch vollzieht, zeigt den Druck, unter dem sie steht.
Die wirtschaftlichen Folgen der Raffinerienkrise gehen weit über den Kraftstoffmarkt hinaus. Die russische Regierung senkte ihre Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 auf 0,4 Prozent. Das Haushaltsdefizit erreichte in den ersten fünf Monaten des Jahres sechs Billionen Rubel, entsprechend 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 60 Prozent über dem Jahresziel. Alexej Zabotkin, stellvertretender Gouverneur der russischen Zentralbank, räumte ein, dass ein Kraftstoffsektor, der monatelang unter voller Kapazität arbeite, wahrscheinlich etwas aus dem diesjährigen BIP-Wachstum herausnehmen werde. Eine Gallup-Umfrage vom 30. Juni zeigt, dass 60 Prozent der Russen eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage berichten.
Indien als Notlösung, Dezember als Hoffnung
Als Überbrückung bezieht Russland Kraftstoff aus Indien, verbunden nach Berichten russischer Regionalmedien mit stundenlangen Wartezeiten an Tankstellen. Die Regierung verhängte einen Exportstopp für Benzin, um Inlandsvorräte zu schützen. Mischustins Notfallregelung gilt bis Ende 2026; die Kalkulation dahinter ist, dass beschädigte Raffinerien bis dahin repariert sein könnten. Doch zwei Faktoren erschweren diesen Plan: Erstens führt die Ukraine ihre Drohnenangriffe unvermindert fort. Zweitens fehlen nach westlichen Sanktionen und Exportkontrollen Spezialteile und Industrieausrüstung für schnelle Reparaturen.
Das Centre for European Policy Analysis (CEPA) berechnet ein tägliches Defizit von 25.000 Tonnen Benzin gegenüber dem Spitzenbedarf. Der Kraftstoffmangel und das Euro-3-Dekret sind damit kein Zeichen von Routine, sondern das Produkt einer Notlage, die sich über Monate aufgebaut hat und nach aktuellem Stand noch Monate andauern wird.
Aktualisierungen
Update 22. Juli, 13:00 Uhr: In der Nacht zum 12. Juli schlugen FP-1-Drohnen in die Rosneft-Raffinerie in Syzran ein, rund 800 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Analysten identifizierten Treffer auf beide primären Rohöldestillationsanlagen des Werks, AVT-5 und AVT-6 mit zusammen rund 8,9 Millionen Tonnen Jahreskapazität, sowie auf die Anlage zur Produktion von Hochoktankraftstoff. Die gesamte Primärverarbeitung der Anlage fiel damit aus. Der ukrainische Generalstab meldete Anfang Juli, die Drohnenangriffe hätten insgesamt 42,74 Prozent der russischen Gesamtdestillationskapazität außer Betrieb gesetzt. Alle elf der größten Raffinerien des Landes wurden demnach mindestens einmal getroffen. Die kumulativen Schäden am russischen Raffineriesektor belaufen sich nach Schätzungen auf 13,5 Milliarden Dollar seit August 2025.
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