Selenskyj setzt Regierungschefin ab: Energieexperte als Nachfolger
Zwei tiefe Kabinettsumbauten in acht Monaten: Selenskyj hat am 12. Juli erneut die Spitze seiner Regierung ausgetauscht. Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko, erst seit Juli 2025 im Amt, weicht einem Energiefachmann. Die Logik dahinter ist direkter als sie klingt: Der dritte Kriegswinter naht, Russlands Infrastrukturangriffe haben die ukrainischen Stromnetze und Wärmenetze in zwei Wintern schwer beschädigt und Selenskyj will das Premierministeramt künftig mit jemandem besetzen, der täglich mit Pipelines, Kraftwerkskapazitäten und Importlogistik zu tun hat. Für Swyrydenko selbst ist es kein Abgang, sondern ein Wechsel: Sie soll Botschafterin in Washington werden.
Swyrydenkos Weg: Von Tschernihiw nach Kiew
Julija Swyrydenko, 40, kam nicht als Parteifrau in die Regierung, sondern als Verwaltungsexpertin und Investitionsspezialistin. Die gebürtige Tschernihiwerin begann ihre Karriere als regionale Beamtin und warb später im chinesischen Wuxi Investoren für ihre Heimatstadt an. 2019 wurde sie stellvertretende Wirtschaftsministerin, Dezember 2020 wechselte sie ins Präsidialamt. Am 17. Juli 2025 bestätigte die Werchowna Rada sie als Nachfolgerin von Denys Schmyhal an der Regierungsspitze.
Die Bilanz nach gut einem Jahr fiel in Selenskyjs eigener Einschätzung gemischt aus. Er lobte öffentlich ihre "klare, verlässliche und effektive Arbeit", ließ aber durchblicken, dass sie keine strukturellen Reformen durchgesetzt habe. Swyrydenko hatte sich stärker auf soziale Maßnahmen konzentriert: darunter die einmalige Auszahlung von umgerechnet rund 22 Euro an Haushalte als Winterhilfe. Für Selenskyj war das kein ausreichender Leistungsausweis für das Premierministeramt in einem Krieg ohne absehbares Ende.
Swyrydenko selbst dankte dem Präsidenten auf Social Media für sein Vertrauen und erklärte, sie sei bereit, dem ukrainischen Staat in jeder Aufgabe zu dienen. Dass diese Aufgabe die Botschaft in Washington sein wird, ist nach übereinstimmenden Berichten ukrainischer Medien und Oppositionsabgeordneter praktisch beschlossen. Die bisherige Botschafterin Olha Stefanischyna trat aus persönlichen Gründen zurück.
Energieresilienz als Kriegsstrategie
Hinter der Personalie steckt eine klare Prioritätensetzung. Russland hat die ukrainische Energieinfrastruktur in den beiden vorangegangenen Kriegswintern systematisch angegriffen: Kraftwerke, Umspannwerke und Fernwärmenetze wurden teils zerstört, teils schwer beschädigt. Die Patriot-Luftabwehr, die zuletzt Teilschutz bot, ist auf internationale Nachlieferungen angewiesen, die stockend eintreffen. Selenskyj formulierte die Priorität bei der Ankündigung unmissverständlich: Die Vorbereitung auf den Winter sei "an extremely important priority" und die Ukraine müsse auf jede Bedrohung vorbereitet sein.
Als Favorit für das Premierministeramt gilt nach Angaben des Oppositionsabgeordneten Yaroslav Zheleznyak Serhij Koretskyj, 48, Vorstandschef von Naftogaz und früherer Direktor von Ukrnafta, den beiden staatlichen Energiekonzernen. Damit wäre das Premierministeramt erstmals direkt mit dem Energiesektor verknüpft. Daneben ist Denys Schmyhal im Gespräch: Der 50-Jährige war bis Juli 2025 selbst Premierminister und ist seit Januar 2026 Energieminister. Er kennt beide Rollen, was seine Chancen stärkt.
Selenskyj führte persönliche Gespräche mit vier Kandidaten: neben Koretskyj und Schmyhal auch mit Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov und Charkiwer Bürgermeister Ihor Terekhov. Eine offizielle Nominierung stand am 13. Juli noch aus. Die Werchowna Rada soll in den kommenden Tagen abstimmen.
Selenskyj kündigte gleichzeitig eine außenpolitische Neustrukturierung an. Einzelne Fachleute sollen künftig je eine konkrete internationale Priorität verantworten: den EU-Beitrittsprozess, Rüstungskooperationen, die Beziehungen zu Polen und Ungarn sowie die Verbindungen in den Golfraum. Das ist weniger Partei- als Kriegslogik: Zuständigkeit folgt Fachkenntnis, nicht Hierarchie.
Zweiter Kabinettsumbau in acht Monaten
Die Juli-Umbildung ist nicht der erste große Einschnitt. Im November 2025 erschütterte der Korruptionsskandal um Selenskyjs langjährigen Vertrauten Tymur Minditsch die Regierung. Minditsch, Miteigentümer der Produktionsfirma Kwartal 95, soll ein Bestechungssystem im Energiesektor mit einem Volumen von rund 100 Millionen Dollar kontrolliert haben. Die Energieministerin und der Justizminister wurden entlassen, Präsidialamtschef Andrij Jermak trat zurück. Im Januar 2026 übernahm der frühere Geheimdienstchef Kyrylo Budanow das Präsidialamt.
Zwei tiefe Kabinettsumbauten innerhalb von acht Monaten zeichnen ein Bild einer Kriegsregierung unter Daueranpassungsdruck. Selenskyj versucht, die Staatsspitze auf einen Krieg ohne absehbares Ende auszurichten. Eine zivile Wirtschaftsexpertin an der Regierungsspitze ergibt in diesem Kontext weniger Sinn als ein Mann, der täglich mit Pipelines, Kraftwerkskapazitäten und Importlogistik zu tun hat.
Den Minditsch-Skandal hatte Swyrydenko ohne eigene Verstrickung überstanden. Der Druck, der zu ihrem Abgang geführt hat, kommt nicht aus einem Korruptionsvorwurf, sondern aus einer strategischen Neuausrichtung. Das ist keine Strafe, das ist eine Rochade.
Rada-Abstimmung in den nächsten Tagen: Koretskyj als Favorit
Die Werchowna Rada muss die Nominierung des neuen Premiers bestätigen. Einen formellen Widerstand gibt es bisher nicht. Das ukrainische Parlament hat Selenskyjs Personalentscheidungen seit Februar 2022 weitgehend bestätigt und ein anderes Muster zeichnet sich auch diesmal nicht ab.
Ob Koretskyj oder Schmyhal das Amt übernimmt, macht für die Richtung wenig Unterschied: Beide stehen für Energiekompetenz, keiner für einen diplomatischen Neuanfang. Den soll Swyrydenko in Washington leisten. In einer Zeit, in der die US-Unterstützung unter der Trump-Administration wechselhafter geworden ist und das republikanische Sanktionsprojekt gegen russische Ölkäufer nach dem Tod von Lindsey Graham ohne seinen wichtigsten Architekten dasteht, braucht Kyjiw in Washington jemanden, der Wirtschaft und Investitionsgespräche versteht.
Die Energiefrage indes duldet keinen Aufschub. Wenn Koretskyj oder Schmyhal das Premierministeramt übernehmen, haben sie weniger als vier Monate bis zum nächsten Kälteeinbruch.
Aktualisierungen
Update 16. Juli, 05:10 Uhr: Am 15. Juli entließ Selenskyj auch Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow nach sieben Monaten im Amt. Hintergrund waren anhaltende Konflikte mit Generalstabschef Oleksandr Syrskyj über die Umbaugeschwindigkeit des Ministeriums, das Fedorow als Technikexperte umzustrukturieren versucht hatte. Innenminister Ihor Klymenko wurde das Verteidigungsressort angeboten; das Parlament soll am 16. Juli abstimmen. Gleichzeitig nominierte Selenskyj offiziell Serhij Koretskyj für das Amt des Premierministers. Das Kandidatenfeld, das am 13. Juli noch vier Namen umfasst hatte, ist damit auf einen verengt. Die Parlamentsabstimmung über Koretskyj ist ebenfalls für den 16. Juli terminiert.
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