Selenskyj entlässt Syrskyj: Drapatyj wird Militärchef
Am 11. Mai 2024 übernahm Mychajlo Drapatyj die Verteidigung der Region Charkiw, nachdem russische Truppen in 24 Stunden mehrere Ortschaften überrannt hatten. Er stabilisierte die Front. Zwei Jahre später übernimmt er das höchste militärische Kommando der Ukraine, weil sein Vorgänger Oleksandr Syrskyj einen offenen Strategiestreit verloren hat.
Syrskyjs Erbe: 29 Monate an der Militärspitze
Oleksandr Syrskyj übernahm das Amt des Oberbefehlshabers im Februar 2024, als Selenskyj seinen damaligen Heerführer Walerij Saluschnyj nach wachsenden internen Spannungen ablöste. Es war der erste Führungswechsel an der Militärspitze seit Kriegsbeginn. Syrskyj galt als Architekt entscheidender Gegenoffensiven: Im September 2022 befreite seine Planung weite Teile des Charkiwer Gebiets, im November 2022 folgte Cherson. Diese Erfolge machten ihn zum natürlichen Nachfolger Saluschnyjs.
Die Kritik folgte seiner Karriere wie ein Schatten. Wegen der verlustreichen Entscheidung, die ostukrainische Stadt Bachmut trotz enormer Opferzahlen über Monate zu halten, nannten ihn Teile der ukrainischen Armee „Schlächter“. Ihm wurde eine zentralisierte, aus sowjetischen Ausbildungsstrukturen stammende Führungskultur vorgeworfen: zu langsame Entscheidungen, zu viele Opfer, zu wenig Bereitschaft, moderne Kriegsführung zu übernehmen. Als Mychajlo Drapatyj nun das Kommando übernimmt, ist er 43 Jahre alt, in der postsowjetischen ukrainischen Armee aufgewachsen und soll für einen anderen Führungsstil stehen.
Der Drohnenstreit als eigentlicher Auslöser
Die Proteste, die Syrskyjs Entlassung erzwangen, richteten sich zunächst nicht gegen ihn, sondern gegen eine andere Entscheidung: Am 15. Juli hatte Selenskyj Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen. Der damals 35-jährige Fedorow war die zentrale Figur hinter Ukraines Drohnenprogramm. Er baute über 500 Produktionsfirmen auf, organisierte internationale Beschaffungskanäle, entwickelte Bodenroboter für den Fronteinsatz und trieb die Sperrung russischer Starlink-Nutzung voran. Drohnenangriffe sind laut ukrainischen Militärangaben für rund 90 Prozent der russischen Verluste verantwortlich. Dieses Programm trug Fedorows Handschrift.
Zwischen Fedorow und Syrskyj hatte es seit Monaten einen grundlegenden Strukturkonflikt gegeben. Fedorow wollte das Drohnenprogramm dezentral unter seiner Verantwortung behalten. Syrskyj bestand auf vollständiger Integration in die reguläre militärische Kommandokette. Selenskyj entschied im Juli zunächst zugunsten Syrskyjs und unterschätzte dabei offenbar, wie viel politische Bedeutung Fedorow in der Bevölkerung hatte.
In der Nacht auf den 18. Juli versammelten sich nach ZDF-Angaben 5.000 bis 7.000 Menschen vor dem Präsidentenpalast in Kiew. Sechs Tage lang gingen in mehreren ukrainischen Städten Menschen auf die Straße, mit klaren Forderungen: Syrskyj entlassen, Fedorow zurückholen. Selenskyj kündigte an, Fedorow eine „würdige Position“ im Bereich der technologischen Entwicklung des Landes anzubieten. Am Dienstag, dem 21. Juli, entließ er Syrskyj.
Was Drapatyj von seinem Vorgänger unterscheidet
Mychajlo Drapatyj wurde am 21. November 1982 in Kamjanez-Podilskyj geboren und studierte an der Charkiwer Panzertruppen-Hochschule. Seine erste Frontbewährung war Mariupol 2014, als er in der 72. Mechanisierten Brigade kämpfte. 2024 zeigte er, was ihn von Syrskyj unterscheidet: Als russische Truppen am 10. Mai innerhalb von 24 Stunden mehrere Ortschaften im Charkiwer Gebiet überrannten, übernahm Drapatyj am Folgetag die Koordination der Verteidigung. Innerhalb von Wochen stabilisierte er die Lage und ermöglichte ukrainische Gegengewinne im Bereich Lyptsi. Seit Juni 2025 leitete er die vereinigten Streitkräfte und war damit mit der Gesamtstruktur des Militärs vertraut, bevor er das höchste Kommando übernahm.
In Militärkreisen gilt Drapatyj als reformorientiert und beweglich. Er steht nicht für die Zentralisierungslogik, die Syrskyj zum Vorwurf gemacht wurde. Das ist zunächst ein Versprechen, kein Beweis.
Fedorows nächster Schritt entscheidet
Die eigentliche Frage beantwortet Drapatyjs Berufung nicht: Wie geht es mit dem Drohnenprogramm weiter? Fedorow baute über Jahre Strukturen auf, die nicht mit ihm stehen und fallen. Die Produktionsfirmen existieren, die Logistikketten auch. Was fehlt, ist eine Führungsfigur mit direkter operativer Verantwortung für diesen Teil des Krieges.
Selenskyj hat Fedorow eine neue Funktion versprochen, ohne sie zu benennen. Ob Fedorow in einem Amt landet, das ihm wieder direkte Verantwortung über das Drohnenprogramm gibt oder ob er in einer Beraterrolle ohne Entscheidungsbefugnisse landet, wird in den nächsten Wochen sichtbar. Drapatyj kann die militärische Führung stabilisieren. Das Drohnenprogramm braucht mehr als das.
Der amtierende Verteidigungsminister Jewhenij Chmara, derzeit noch aktiver Generalmajor, muss seinen Militärstatus in einen Zivilstatus umwandeln, bevor das Parlament ihn formal bestätigen kann. Die Übergabe ist nicht vollständig abgeschlossen. Wenn Chmara bestätigt wird und Fedorow eine Funktion mit realem Gewicht übernimmt, wird sich innerhalb von Wochen zeigen, ob dieser Wechsel an der Militärspitze einen strategischen Kurswechsel einleitet oder nur eine Reaktion auf die Straße ist.
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