
USA stoppen Kanada-Zölle: Drei Tage für eine Einigung
Quellen (12)
- NPRnpr.org
- Bloomberg: Tariff Delaybloomberg.com
- Bloomberg: Steel/Aluminumbloomberg.com
- CNBCcnbc.com
- Handelsblatthandelsblatt.com
- Al Jazeeraaljazeera.com
- CP24cp24.com
- CBCcbc.ca
- Wiley Law: Section 338wiley.law
- BLG: Smoot-Hawleyblg.com
- Washington Postwashingtonpost.com
- Global News: CUSMAglobalnews.ca
28 Milliarden kanadische Dollar jährlich, rund 50.000 Jobs, ein Bundesstaat in Aufruhr: Das waren die Einsätze, als US-Präsident Donald Trump am Dienstag in letzter Minute seine 50-Prozent-Zölle auf ein breites Spektrum kanadischer Waren für drei Tage aussetzte. Bis Freitag, den 21. August, muss Ottawa eine Einigung liefern. Was das schwierig macht: Die rechtliche Grundlage, Section 338 des Tariff Act von 1930, gilt auch für Waren, die unter dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen CUSMA eigentlich zollfrei sind.
Section 338: Eine Depressions-Ära-Waffe gegen Ottawa
Die rechtliche Grundlage der Auseinandersetzung ist ungewöhnlich: Am 20. Juli 2026 berief sich Trump auf Section 338 des Tariff Act von 1930, ein Gesetz aus der Weltwirtschaftskrise, das dem Präsidenten erlaubt, Strafzölle von bis zu 50 Prozent auf Länder zu verhängen, die US-Handel diskriminieren. Das Gesetz operiert unabhängig von bestehenden Handelsabkommen und braucht keine Zustimmung des Kongresses. Handelsrechtskanzleien wie Wiley Law und BLG wiesen darauf hin, dass Section 338 frühere Gerichtsüberprüfungen überstanden hat, anders als Trumps universelle Zölle, die der Supreme Court im Februar 2026 für verfassungswidrig erklärt hatte. Section 338 ist damit die bislang rechtssicherste Grundlage im US-Zollarsenal.
Das USTR nannte drei konkrete Diskriminierungen: Kanadas Milchquotensystem blockiert US-Exporte systematisch, provinziale Alkoholregeln in Kanada benachteiligen amerikanische Weine und Spirituosen und die Automobilbranche wende nach US-Ansicht diskriminierende Praktiken an. Zusätzlich führte Washington Kanadas Gegenzölle als Begründung an. Kanada und China sind laut USTR die einzigen Länder, die auf Trumps Zölle von 2025 mit eigenen Gegenzöllen reagierten, statt Verhandlungen zu suchen.
Die Liste betroffener Waren zeigt die Reichweite der Maßnahme: Neben den drei genannten Sektoren wären Wein, Zement, Sperrholz, Möbel, Hockeyschläger, Kleidung, Angelruten, Samen, Schwimmbäder und Kosmetika erfasst worden. Der Gesamtwert beläuft sich auf rund 28 Milliarden kanadische Dollar jährlich. Das Besondere: Section 338 gilt auch für CUSMA-konforme Waren, die bisher zollfrei gehandelt werden. Premierminister Mark Carney bezeichnete das als „direkte CUSMA-Verletzung“.
Was bis Samstag ausgehandelt werden muss
Trump verkündete eine „sehr faire“ Einigung, die Verhandlungsskizze ist jedoch noch vage. Laut Bloomberg sollen Zölle auf Stahl und Aluminium von aktuell rund 50 Prozent auf 25 Prozent halbiert werden. Für Erzeugnisse aus Stahl und Aluminium sollen Tarife von 25 auf 15 Prozent sinken. Dazu kämen nach US-Darstellung Nullzölle auf alle US-Agrarexporte nach Kanada.
Im Gegenzug erwartet Washington von Ottawa Zugeständnisse in drei Bereichen: Öffnung der Milchmarktquoten für US-Produkte, Aufhebung der provinzialen Alkohol-Beschränkungen für amerikanische Waren sowie Reformen bei der öffentlichen Beschaffung. US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer nannte als Grundbedingungen: ein endgültiges Abkommen müsse „umfassenden Marktzugang für alle amerikanischen Güter, Wirtschaftssicherheitszusagen und digitale Handelsanpassungen“ umfassen.
Carneys öffentliche Stellungnahme blieb zurückhaltend: „Substantial progress has been made, although there is important work still to be done.“ Er nannte das sich abzeichnende Abkommen eines, das „Kanadas bilaterale Handelsvorteile aufbaut und stärkt.“ Auf Nachfragen der Medien blieb die kanadische Seite bei englischen Formulierungen, was Handelsanalysten als Signal werteten, dass der Text noch nicht final ist.
Ontario-Premier Doug Ford hatte vor der heutigen Einigung von einer „existenziellen Bedrohung“ für seine Provinz gesprochen und eine Dollar-für-Dollar-Vergeltung gefordert. Formale neue Gegenzölle Ottawas blieben aus; die bestehenden kanadischen Tarife auf US-Stahl, Aluminium und Autos gelten aber weiterhin und dienten Washington als wichtigste Rechtfertigung für Section 338.
50.000 Jobs und 1,5 Prozent weniger Wirtschaftsleistung
Der wirtschaftliche Druck hinter dem Drei-Tage-Waffenstillstand ist erheblich. Ökonomen bezifferten die durch die 50-Prozent-Zölle gefährdeten kanadischen Stellen auf rund 50.000. Die Royal Bank of Canada schätzte, dass rund 20 Prozent der Produktion und Beschäftigung in betroffenen Fertigungssektoren auf dem Spiel gestanden hätten. Die Bank of Canada geht davon aus, dass das kanadische BIP bis Ende 2026 rund 1,5 Prozent unter dem Niveau vom Januar 2025 liegt, einschließlich der bereits laufenden Handelsstreitigkeiten.
Am härtesten betroffen wäre die Holzwirtschaft gewesen, ohnehin geschwächt durch die Waldbrände in British Columbia. Hinzu kämen Wein, Bekleidung, Elektrogeräte und Autoteile. Kanadas Exporte von Stahl und Eisen sind nach Berechnungen von TD Economics bereits um rund 50 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau gefallen.
Der Handelsstreit hat eine komplizierte Vorgeschichte: Kanada reagierte auf Trumps erste Zölle von 2025 mit Gegenzöllen auf Phase-1-Konsumgüter und sonstige Waren, hob diese dann im September 2025 teilweise auf, behielt aber die Tarife auf US-Stahl, Aluminium und Autos bei. Genau diese aufrechterhaltenen Gegenzölle nutzte Washington als Hauptrechtfertigung für Section 338 und als Argument, Kanada sei unter den Handelspartnern ein Sonderfall.
Bis Freitagabend: Was fehlt und was folgt
Das zentrale Handelsabkommen ist noch nicht ausformuliert. Washington und Ottawa verhandeln über Milchquoten, Alkohol, Beschaffung, digitalen Handel und Wirtschaftssicherheit. Carney informierte noch am Dienstag Kabinett und Provinzpremiers, was auf einen koordinierten Verhandlungsrahmen hindeutet. Ob bis Freitag ein belastbarer Rahmenvertrag steht oder Trump erneut die Frist verlängert, ist offen.
Trump hat dieses Muster mehrfach angewandt: Zollandrohung, kurze Pause, schrittweise Verhandlung. Beim US-EU-Zollultimatum im Mai 2026 bekam Brüssel unter ähnlichem Zeitdruck eine neue Frist. Für Ottawa ist die Ausgangslage schwieriger, da Kanada einer der wenigen verbliebenen Handelspartner ist, der noch aktive Gegenzölle auf US-Waren unterhält. Das gibt Washington den Hebel, den es gegenüber der EU nicht mehr hat.
Handelsrechtsexperten halten ein umfassendes Abkommen bis Freitag für unwahrscheinlich. Das wahrscheinlichere Szenario ist ein Rahmenabkommen, das die sofortigen 50-Prozent-Zölle abwehrt, die Milch- und Alkoholfragen aber in Nachverhandlungen verschiebt. Ob Trumps Truth-Social-Formulierung einer „sehr fairen“ Einigung mit Carneys vorsichtigem „important work still to be done“ kompatibel ist, wird sich bis Freitagabend zeigen.
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