EU und Ukraine starten gemeinsame Drohnenproduktion
Die Ukraine produziert seit mehr als vier Jahren Drohnen unter aktiven Kampfbedingungen und hat dabei eine Expertise aufgebaut, die kein europäisches Land besitzt: Erprobung, Modifikation und Neufertigung innerhalb von Tagen, unter dem ständigen Druck russischer Angriffe auf die Produktionsstätten. Bislang kauften EU-Staaten dieses Know-how ein, ab heute wird es gemeinsam entwickelt. Ursula von der Leyen und Wolodymyr Selenskyj unterzeichneten am Mittwoch in Kyiv das erste Abkommen zur gemeinsamen Drohnenproduktion, das für die gesamte Europäische Union gilt, nicht nur für einzelne Mitgliedstaaten.
Vier Jahre Krieg als Entwicklungslabor
Die Ukraine produzierte laut Regierungsangaben im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Drohnen und plant, diese Zahl auf 20 Millionen zu verdoppeln. Damit ist sie der weltgrößte Produzent nach reiner Stückzahl. Was diesen Anstieg antreibt, ist nicht bloß Kapazitätsaufbau, sondern ein einzigartiger Optimierungszyklus: Drohnen, die im Gefecht scheitern, werden innerhalb von Tagen modifiziert. Wer in der Ukraine eine Drohne baut, weiß innerhalb von Wochen, warum das Modell versagt hat und hat die Nachfolgeversion bereits im Einsatz.
Auf EU-Seite liegt die Schwäche genau spiegelverkehrt: Industrielle Infrastruktur, Kapital und Logistik sind vorhanden, aber keine Kampferfahrung. Deutsche, französische und polnische Rüstungsbetriebe fertigen nach NATO-Standards und Beschaffungszyklen, die in Friedenszeiten auf Jahre ausgelegt sind. Das Abkommen zielt darauf ab, beide Stärken zu verbinden.
Was das Abkommen konkret vorsieht
Das am 15. Juli unterzeichnete Abkommen schafft einen Rahmen für gemeinsame Produktionsvorhaben zwischen ukrainischen und europäischen Unternehmen. Der entscheidende Unterschied zu früheren bilateralen Vereinbarungen, der Ukraine gelang es bislang, mit einzelnen EU-Ländern separate Deals abzuschließen, liegt in seiner EU-weiten Geltung: Zum ersten Mal ist nicht ein Mitgliedstaat, sondern die gesamte Union als Kooperationspartner definiert.
Die technisch entscheidende Klausel betrifft die Produktions- und Lagerstandorte. Drohnen müssen nicht mehr zwingend in der Ukraine gefertigt und deponiert werden, sondern können auf dem gesamten Territorium der EU-Mitgliedstaaten produziert und eingelagert werden. Von der Leyen bezeichnete das als Kombination "ukrainischen Erfindungsgeistes mit Europas industriellem Maßstab". Konkret bedeutet das: Ein in Lodz oder Düsseldorf gefertigtes Gerät steht innerhalb von zwei bis drei Monaten zur Lieferung in die Ukraine bereit, ohne das Risiko einzugehen, vorher bei einem russischen Luftangriff auf eine ukrainische Fabrik zerstört zu werden.
Diese dezentrale Lagerung ist die direkte Antwort auf eine russische Strategie: Seit Kriegsbeginn greift Russland systematisch ukrainische Rüstungsbetriebe an. Wer Drohnen auf EU-Boden lagert, entzieht sie diesem Zugriff.
Regierungsumbildung parallel zur Einigung
Gleichzeitig vollzieht sich in Kyiv eine größere Regierungsumbildung. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gab seinen Rücktritt bekannt, er ist seither nur noch geschäftsführend im Amt. Fedorow, der zuvor Minister für digitale Transformation war und maßgeblich an der ukrainischen Drohnenstrategie beteiligt gewesen ist, hatte das Amt erst im Januar 2026 übernommen. Medienberichten zufolge gilt Innenminister Ihor Klymenko als möglicher Nachfolger.
Der Hintergrund liegt in der ukrainischen Verfassung: Als Premierministerin Julija Swyrydenko Mitte Juli zurücktrat, löste das nach ukrainischem Recht die Entlassung des gesamten Kabinetts aus. Der designierte neue Premierminister Serhij Koretskyj, bisheriger Vorstandschef des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz, wird ein neues Kabinett aufstellen. Beobachter in Kyiv hatten auch auf Spannungen zwischen Fedorow und Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi über Ressourcenpriorisierung hingewiesen.
Für die Drohnenpartnerschaft mit der EU ist der Zeitpunkt bemerkenswert: Der Verteidigungsminister, der die ukrainische Drohnenstrategie maßgeblich geprägt hat, verlässt das Amt exakt in dem Moment, in dem die Ukraine eine ihrer wichtigsten Kooperationsvereinbarungen seit Kriegsbeginn abschließt.
Bis 2028: Erweiterung auf Luftabwehrraketen
Das Drohnenabkommen ist als erste Stufe einer breiteren Industriepartnerschaft konzipiert. Die EU-Kommission plant, die Kooperation bis 2028 auf die gemeinsame Produktion von Luftabwehrraketen auszuweiten. Das wäre ein qualitativer Sprung: Während Drohnen mit vergleichsweise kurzen Produktionszyklen gefertigt werden können, erfordert Raketentechnologie eine tiefere industrielle Integration sowie multilaterale Genehmigungsverfahren.
In der EU ist der Schritt nicht ohne Vorbehalt. Ministerpräsident Viktor Orbán hat EU-weite Militärhilfe für die Ukraine seit Kriegsbeginn wiederholt blockiert oder verzögert. Ob Budapest das neue Abkommen mitträgt, war zunächst nicht bestätigt. Das Abkommen findet im EU-Mainstream breite Zustimmung, mit Ungarn als einzigem lautstarken Widerstand.
Für die Ukraine kommt das Abkommen zu einem Moment, an dem die Drohnenkapazität eine der wenigen Ressourcen ist, in der Kyiv Russland klar übertrifft. Das Abkommen mit der EU könnte genau diese Überlegenheit verstetigen und gleichzeitig den Grundstein für eine Rüstungsarchitektur legen, die über diesen Krieg hinausweist.
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