Doppelbeben in Venezuela: 32 Tote, Tausende befürchtet
International

Doppelbeben in Venezuela: 32 Tote, Tausende befürchtet

Zwei Erdbeben mit den Stärken 7,2 und 7,5 haben am Mittwochabend den Norden Venezuelas getroffen. Die stärksten Beben seit mehr als 125 Jahren haben mindestens 32 Menschen das Leben gekostet, die US-Erdbebenwarte warnt vor Tausenden weiteren Opfern.

25. Juni 2026, 10:41 Uhr 1170 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Noch während Rettungsteams in Caracas in Trümmern nach Überlebenden suchten, erklärte Interimspräsidentin Delcy Rodríguez den Notstand für den Bundesstaat La Guaira und nannte ihn eine „wahre Tragödie“. Dabei sind in den offiziell genannten 32 Todesopfern die Opfer aus La Guaira noch nicht einmal enthalten. Zwei Erdbeben mit den Stärken 7,2 und 7,5, mit nur 39 Sekunden Abstand, haben am Mittwochabend den Norden Venezuelas getroffen. Es sind die stärksten Beben in Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert.

39 Sekunden, zwei Beben, Stärke 7,5

Das erste Beben ereignete sich um 22:04 Uhr UTC (18:04 Uhr Ortszeit) im Bundesstaat Yaracuy, rund 24 Kilometer ostnordöstlich von San Felipe, in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. 39 Sekunden später folgte das zweite, stärkere Beben südöstlich von Yumare, in nur zehn Kilometern Tiefe. Die US-Erdbebenwarte USGS klassifizierte das Hauptbeben mit Stärke 7,5 als das mächtigste, das Venezuela seit dem San-Narciso-Beben von 1900 getroffen hat, das damals eine Stärke von 7,6 bis 7,7 erreichte.

Die Epizentren liegen rund 160 Kilometer westlich von Caracas, doch die Erschütterungen erfassten weite Teile Nordvenezuelas. Gebäude stürzten in den Bundesstaaten Carabobo, Aragua, Miranda, Trujillo und La Guaira ein, schwere Schäden wurden auch aus der Hauptstadt Caracas selbst gemeldet. Der internationale Flughafen Simón Bolívar bei Maiquetía, der Hauptstadthafen und die einzige direkte Verbindung zur Küstenregion, wurde beschädigt und vorerst geschlossen. Der Metroverkehr in Caracas wurde eingestellt, Schulen blieben bis auf Weiteres geschlossen.

Geophysikalisch liegt Venezuela im Kollisionsbereich der Karibischen Platte und der Südamerikanischen Platte, die sich mit einer Geschwindigkeit von rund 20 Millimeter pro Jahr gegeneinander verschieben. An dieser Grenze verlaufen mehrere bedeutende Verwerfungssysteme, darunter die Boconó-Verwerfung, die Oca-Ancón-Verwerfung und das San-Sebastián-System. Historische Beben an der Boconó-Verwerfung haben Venezuela bereits 1610 und 1894 schwer getroffen.

Warum Venezuelas Gebäude besonders anfällig sind

Die USGS begründet ihre hohen Opferschätzungen ausdrücklich mit der Bausubstanz in der betroffenen Region. Weite Teile Nordvenezuelas bestehen aus unbewehrtem Ziegelmauerwerk und Adobebauten aus Lehmziegeln, die bei starken Beben zusammenfallen statt die Kräfte zu absorbieren. Erdbebensichere Bauweise erfordert regulatorische Durchsetzungskraft und wirtschaftliche Mittel, beides fehlt in Venezuela seit Jahren.

Hintergrund ist der wirtschaftliche Kollaps des Landes. Die venezolanische Armutsstudie ENCOVI beziffert die Armutsquote auf rund 73 Prozent der Haushalte, die Infrastruktur ist nach jahrelanger Vernachlässigung in weiten Teilen marode. Nicolás Maduro, der Venezuela seit 2013 regiert hatte, sitzt seit Januar 2026 in US-Gewahrsam und wartet in New York auf seinen Prozess wegen Drogenhandels und Narkoterrorismus. Delcy Rodríguez führt das Land seitdem als Interimspräsidentin, die staatlichen Katastrophenschutzbehörden sind nach Jahren chronischer Unterfinanzierung strukturell geschwächt.

Im Bezirk Chacao im Osten von Caracas teilte der Bürgermeister mit, Rettungsteams hätten in den ersten Stunden nach dem Beben 23 Menschen lebend aus Trümmern geborgen. Gleichzeitig seien weiterhin Stimmen Verschütteter zu hören. Im Bundesstaat La Guaira, wo sich auch der Tiefseehafen Maiquetía befindet, nannte Rodríguez die Lage ein Katastrophengebiet. Opferzahlen aus diesem Bundesstaat stehen noch aus.

Was die USGS-Risikomodelle zeigen

Die USGS veröffentlichte nach den Beben eine Wahrscheinlichkeitsschätzung zur Gesamtzahl der Todesopfer. Das Modell ergibt eine 39-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Zahl zwischen 1.000 und 10.000 liegt und eine 37-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie zwischen 10.000 und 100.000 liegt. Beide Szenarien gelten damit als nahezu gleich wahrscheinlich. Ausschlaggebend sind die Bauqualität, die Bevölkerungsdichte in Caracas und La Guaira sowie die geringe Tiefe des Hauptbebens: Flachere Epizentren verstärken die Schüttelwirkung an der Oberfläche erheblich.

Vergleichswerte aus ähnlichen Konstellationen zeigen, wie stark die Bauqualität das Ausmaß einer Erdbebenkatastrophe prägt. Das Erdbeben in Marokko 2023 (Stärke 6,8) tötete rund 2.900 Menschen, das Kahramanmaraş-Beben in der Türkei im gleichen Jahr (Stärke 7,8) forderte über 50.000 Todesopfer. In beiden Fällen war mangelhaftes Baurecht in Erdbebengebieten der entscheidende Verstärker. In Venezuela kommen politischer Verfall und wirtschaftlicher Kollaps hinzu.

Nach den Beben wurde zunächst eine Tsunamiwarnung für Puerto Rico und die Amerikanischen Jungferninseln ausgelöst, die später wieder aufgehoben wurde. Die USA haben einen Krisenstab eingerichtet, um Rettungsteams sowie humanitäre und medizinische Hilfe zu entsenden. US-Präsident Trump bot Venezuela Unterstützung an.

72 Stunden: Die kritische Frist für Verschüttete

Rettungsorganisationen gehen davon aus, dass die Überlebenschancen von Verschütteten nach etwa 72 Stunden stark sinken. Die Zeit läuft gegen die Teams, die in der Nacht zum Donnerstag in Caracas und La Guaira im Einsatz sind. Dass der internationale Flughafen Simón Bolívar vorerst geschlossen bleibt, erschwert die Anlieferung spezialisierter Ausrüstung und ausländischer Rettungsteams erheblich.

Wann der Flughafen wieder öffnet, ist unklar. Weitere Nachbeben sind zu erwarten, nach Großbeben typischerweise in den ersten 48 bis 72 Stunden. Die offiziell bestätigten 32 Todesopfer schließen La Guaira nicht ein. Wie viele Menschen das Erdbeben insgesamt das Leben gekostet hat, dürfte sich in den nächsten Tagen zeigen, wenn Rettungskräfte auch entlegenere Teile des Küstenstaats erreichen.

Update 25. Juni, 17:00 Uhr: Die offiziell bestätigte Opferzahl hat sich im Laufe des Tages auf 164 Tote und 971 Verletzte erhöht, nun einschließlich der zunächst ausgeklammerten Bundesstaaten La Guaira und Carabobo. Allein in La Guaira sind nach UN-Angaben mehr als 100 Gebäude eingestürzt, Strom und Wasser sind vollständig ausgefallen. Der Flughafen Simón Bolívar bleibt wegen eines gerissenen Rollfelds geschlossen und verzögert damit die Ankunft ausländischer Rettungsteams. Erste Hilfe ist dennoch unterwegs: Die USA entsandten Spezialteams für Such- und Rettungsoperationen, El Salvador schickt 300 Rettungskräfte mit 50 Tonnen Material, Deutschland bot bis zu sechs Militärflugzeuge an und die UNO hat zertifizierte Rettungsteams mobilisiert.

Update 25. Juni, 21:00 Uhr: Nationalversammlungspräsident Jorge Rodríguez bestätigte am Abend 188 Tote und 1.520 Verletzte; rund 200 Menschen sind nach Behördenangaben noch in Trümmern eingeschlossen. Die Regierung meldete zudem etwa 10.000 Vermisste, die in schwer zugänglichen Bergregionen rund um La Guaira und Carabobo bislang nicht erreicht werden konnten. Zur Finanzierung des Wiederaufbaus kündigte Interimspräsidentin Rodríguez an, Venezuela werde zunächst 200 Millionen US-Dollar aus seinen beim Internationalen Währungsfonds hinterlegten Sonderziehungsrechten freisetzen, von einem Gesamtbestand von rund 4,5 Milliarden Dollar.

Update 26. Juni, 03:04 Uhr: Die Opferzahl ist auf rund 235 Tote angestiegen, mehr als 4.300 weitere Menschen wurden verletzt. Eine von venezolanischen Oppositionspolitikern geteilte Vermissten-Datenbank listet über 41.000 Menschen als nicht erreichbar auf, weit mehr als die offiziell gemeldeten rund 10.000 Personen in den Bergregionen. Das US-Militär verlegte das Amphibientransportschiff USS Fort Lauderdale und das Küstenkampfschiff USS Billings in die Region, dazu C-17- und C-130-Transportflugzeuge sowie spezialisierte Such- und Rettungsteams aus Fairfax County in Virginia und aus Los Angeles. Der Flughafen Simón Bolívar bleibt wegen eines gerissenen Rollfelds weiterhin geschlossen und verzögert die Ankunft schwerer Ausrüstung. Die Hauptstelle des Venezolanischen Roten Kreuzes wurde durch das Beben schwer beschädigt, Rettungsteams sind dennoch im Einsatz.

Quellen (21)

Kommentare