300 Wissenschaftler: Wildschutz muss in die Klimapläne
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300 Wissenschaftler: Wildschutz muss in die Klimapläne

Bei der UN-Klimakonferenz in Bonn haben 300 Wissenschaftler aus sechs Kontinenten eine ungewöhnliche Forderung gestellt: Wildtiere gehören in nationale Klimapläne. Eine Studie der Yale University zeigt, dass restaurierte Tierpopulationen jährlich 6,4 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich binden könnten.

14. Juli 2026, 9:16 Uhr 745 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wälder, Moore und Ozeane stehen in nationalen Klimaplänen als Kohlenstoffspeicher. Wildtiere kommen darin so gut wie nicht vor. Das wollen 300 Wissenschaftler aus sechs Kontinenten ändern: Beim 64. Treffen der UN-Klimarahmenkonventions-Hilfsorgane (SB64) in Bonn präsentierten sie am 11. Juni 2026 ein gemeinsames Konsensstatement, das fordert, Wildtiere explizit in nationale Klimastrategien aufzunehmen. Der Hintergrund ist eine wachsende Forschungslage, die zeigt: Was Tiere mit dem globalen Kohlenstoffkreislauf tun, wird systematisch unterschätzt.

Wie Tiere das Klima beeinflussen

Der Kohlenstoffkreislauf funktioniert nicht nur über Photosynthese und Boden. Tiere greifen aktiv ein. Weidende Bisons und Elefanten treten Samen in den Boden und bereiten damit Nistplätze für kohlenstoffspeichernde Pflanzen vor. Wale transportieren Nährstoffe aus der Tiefsee an die Oberfläche, wo Phytoplankton davon profitiert und beim Absinken Kohlenstoff auf den Meeresgrund trägt. Wölfe und andere Prädatoren regulieren Beutetierpopulationen so, dass Wälder sich erholen, weil Überbeweidung verhindert wird.

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Eine im Jahr 2023 in Nature Climate Change veröffentlichte Studie unter Leitung von Yale-Ökologe Oswald Schmitz und 15 Forscherinnen aus acht Ländern hat neun solcher Mechanismen quantifiziert. Die untersuchten Arten: Meeresfische, Wale, Haie, Graue Wölfe, Gnus, Seeotter, Moschusochsen, Afrikanische Waldelefanten und Amerikanische Bisons. Ergebnis: Wenn diese Populationen auf ein biologisch gesundes Niveau restauriert würden, könnten sie zusammen jährlich 6,41 Milliarden Tonnen CO2 zusätzlich binden. Das entspricht laut den Studienautoren rund 95 Prozent der jährlichen Kohlenstoffelimination, die nötig wäre, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen.

287 Forscher, sechs Kontinente, eine Forderung

Das Konsensstatement, das beim SB64 in Bonn vorgestellt wurde, startete mit 287 Unterzeichnenden und hat inzwischen über 300 erreicht. Vertreten sind Forschende aus Indien, Ruanda, Chile, Finnland, Nordamerika und Ozeanien. Die Disziplinen reichen von Wildtierbiologie über Klimawissenschaft bis hin zu Ökosystemökonometrie.

Die Kernbotschaft des Statements ist präzise formuliert: Es sei wissenschaftlich unvollständig, naturbasierte Klimamaßnahmen zu bewerten, ohne die Rolle wild lebender Tiere in Ökosystemen einzubeziehen. Die Forscher fordern konkret, dass Wildtiere und ihre ökologischen Funktionen in Nationale Klimabeiträge (NDCs) und internationale Rahmenprogramme wie das Pariser Abkommen explizit aufgenommen werden.

Das Statement betont ausdrücklich, was es nicht ist: ein Ersatz für Emissionsreduktionen bei fossilen Brennstoffen. Wildschutz ist demnach eine Ergänzung, kein Ausweichangebot. „Wir reden nicht davon, Tiere als Ablasshandel zu benutzen“, sagte eine der beteiligten Forscherinnen gegenüber Mongabay. „Wir reden davon, eine Lösung sichtbar zu machen, die in Klimaplänen nicht einmal erwähnt wird.“

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Im Vergleich: Was bisher in Klimaplänen steckt und was nicht

Aktuelle nationale Klimapläne rechnen mit naturbasierten Lösungen vor allem über zwei Kanäle: Wälder (durch Programme wie REDD+, das entwaldungsbedingte Emissionen reduzieren soll) und Küstenökosysteme wie Mangrovenwälder und Seegraswiesen. Gemeinsam binden diese Systeme jährlich mehrere Milliarden Tonnen CO2.

Tiere tauchen in dieser Rechnung nicht auf. Das liegt nicht daran, dass ihre Wirkung als gering gilt, sondern daran, dass Tiere in bestehenden Klimamodellen methodisch schwer zu erfassen sind. Die Kohlenstoffbindung eines Waldes lässt sich per Satellit messen. Den Beitrag eines Wolfes, der eine Hirschpopulation reguliert und damit verhindert, dass Bäume kahl gefressen werden, muss man über mehrere Ökosystemschritte ableiten.

Zum Größenvergleich: Die jährlichen globalen CO2-Emissionen lagen 2024 bei rund 37 Milliarden Tonnen. Die 6,41 Milliarden Tonnen, die das Yale-Team berechnet hat, entsprechen damit etwa 17 Prozent der Jahresemissionen. Das ist erheblich und gleichzeitig kein Ersatz für strukturelle Dekarbonisierung.

Zur COP31 in der Türkei: Wer als nächstes handelt

Die UN-Klimakonferenz COP31 findet im November 2026 in Antalya, Türkei, statt. Organisationen wie der International Fund for Animal Welfare (IFAW) und WWF bereiten Briefings für Regierungsdelegationen vor. Das Konsensstatement soll dabei als wissenschaftliche Grundlage dienen. Konkrete NDC-Formulierungen, die Wildtiere explizit einschließen, gibt es bisher in keinem der großen Klimapläne.

Die EU hat im Rahmen des Nature Restoration Law bereits einen rechtsverbindlichen Rahmen für Ökosystemwiederherstellung geschaffen. Ob er auf Wildtiere ausgeweitet wird und in Klimapläne einfließt, hängt davon ab, ob die Europäische Union das Konsensstatement als Grundlage für konkrete NDC-Klauseln nutzen will.

Quellen (8)

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