Windkraft: Rekordzulassungen, aber Netzengpässe bremsen den Bau
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Windkraft: Rekordzulassungen, aber Netzengpässe bremsen den Bau

Bundesweit hat der Windkraftausbau im ersten Halbjahr 2026 Fahrt aufgenommen, doch in Brandenburg wurden genau so viele Turbinen gebaut wie abgerissen. Das Netzanschlusspaket der Bundesregierung gefährdet weitere 32 Gigawatt bereits genehmigter Projekte.

23. Juli 2026, 19:01 Uhr 788 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Deutschland hat im ersten Halbjahr 2026 so viele Windkraftgenehmigungen ausgestellt wie in keinem vergleichbaren Zeitraum zuvor. In Brandenburg wurden in denselben sechs Monaten genau so viele Turbinen gebaut wie abgerissen: 22 zu 22. Der Netzanschluss hat das Genehmigungstempo längst nicht mehr mitgehalten.

Die nationalen Zahlen und das 2030-Problem

Im ersten Quartal 2026 wurden bundesweit 228 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 1.533 Megawatt neu in Betrieb genommen, nach Angaben des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) ein Plus von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im gesamten ersten Halbjahr 2026 gingen Anlagen mit 2.363 Megawatt ans Netz. Am 30. Juni zählte Deutschland 29.248 Windräder mit einer installierten Kapazität von knapp 70.000 Megawatt.

Das reicht nicht. Um das im Erneuerbaren-Energien-Gesetz festgeschriebene Ausbauziel von 115.000 Megawatt bis 2030 zu erreichen, müssen jährlich mindestens 8.000 Megawatt netto hinzukommen. Die Branchenverbände BWE und VDMA prognostizieren für 2026 bei unverändertem Implementierungstempo rund 8.000 bis 8.500 Megawatt Brutto-Zubau. Nach Abzug der Rückbauten bleiben deutlich weniger als 8.000 Megawatt netto. Kein Jahr seit Einführung des EEG hat diesen Wert erreicht.

Brandenburgs Nettobilanz: null

Brandenburg ist das emblematische Beispiel für das Missverhältnis zwischen Genehmigung und Bau. Im ersten Halbjahr 2026 wurden im Land 171 Windenergieanlagen mit einer Kapazität von 1.131 Megawatt neu genehmigt, laut dem Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) Berlin-Brandenburg fast doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2025. Gleichzeitig kamen in denselben sechs Monaten genau 22 Turbinen neu ans Netz und 22 wurden abgerissen. Netto: null neue Windturbinen in einem Land, das mehr genehmigte Windprojekte hat als fast jeder andere Bundesstaat.

Der LEE Berlin-Brandenburg nennt zwei Hauptursachen. Erstens fehlen Netzanschlusskapazitäten. Die Übertragungsnetzbetreiber können genehmigten Anlagen keinen Zeitplan für einen Anschluss anbieten, weil die Leitungskapazitäten erschöpft sind. Zweitens sinken die erzielten Preise in den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur. Wenn ein Windpark keinen rentablen Erlös erzielen kann, wird er auch bei vorliegender Genehmigung nicht gebaut. Eine Genehmigung ist notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für ein neues Windrad.

Hessen am unteren Ende und das Netzpaket als nächste Bremse

Von 25 deutschen Windrädern steht statistisch nur eines in Hessen, obwohl das Land zu den wirtschaftsstarken Bundesländern zählt. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen nach Daten von windbranche.de rund 5,5 Prozent des bundesweiten Zubaus auf Hessen. Die Mindestabstandsregel von 1.000 Metern zu Wohngebäuden, in Waldgebieten auf 500 Meter reduziert, schränkt die verfügbaren Flächen erheblich ein. Zudem ist rund 40 Prozent der hessischen Landesfläche bewaldet und Bauten in Wäldern stoßen regelmäßig auf Naturschutzwidersprüche.

Auf Bundesebene warnen Branchenverbände vor einer weiteren regulatorischen Bremse. Das geplante Netzanschlusspaket der Bundesregierung sieht umfangreiche Einschränkungen bei Einspeisevergütungen für Wind- und Solaranlagen vor. Nach einer Studie des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) könnten die Regelungen 32.000 Megawatt bereits genehmigter Projekte gefährden und Investitionen in Höhe von 45 Milliarden Euro blockieren. BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser sagte, das Paket erinnere an die Solarförderungskürzungen von 2012, die den Ausbau um Jahre zurückgeworfen hatten. Der solarserver.de zufolge weiteten sich Verbände und Netzbetreiber am 23. Juli in einer gemeinsamen Stellungnahme grundlegend gegen die geplanten Regelungen aus.

Was sich bis Jahresende entscheiden muss

Das Bundeswirtschaftsministerium hat angekündigt, den Netzausbau zu beschleunigen und Genehmigungsverfahren für Übertragungsleitungen zu verkürzen. Doch neue Hochspannungsleitungen dauern selbst bei optimiertem Verfahren mindestens fünf bis sieben Jahre bis zur Inbetriebnahme. Kurz- bis mittelfristig ändert das nichts am Anschlussengpass.

Die erste belastbare Messung kommt Ende 2026 mit den Jahreszahlen des BWE. Wenn der Brutto-Zubau unter acht Gigawatt bleibt, was bei aktuellem Halbjahrstempo rechnerisch möglich ist, wäre das 2030-Ziel von 115 Gigawatt nur noch mit einem dramatischen Beschleunigungsschub erreichbar. Bisher hat Deutschland in keinem einzelnen Jahr mehr als 5,5 Gigawatt netto zugebaut. Das Windkraft-Paradox lautet: Noch nie wurde so viel genehmigt. Und der Abstand zwischen Papier und Landschaft ist noch nie größer gewesen.

Quellen (7)

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