WM-Pflichtpause: Fußball wartet erstmals auf TV-Werbung
Gesellschaft

WM-Pflichtpause: Fußball wartet erstmals auf TV-Werbung

FIFA führte bei der WM 2026 erstmals verpflichtende Spielpausen ein, offiziell zum Hitzeschutz, tatsächlich auch als kommerzielles Werbefenster. Beim Eröffnungsspiel mussten Spieler auf dem Rasen warten, weil FOX Sports noch Werbung ausstrahlte.

3. Juli 2026, 15:04 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Beim Eröffnungsspiel der WM 2026 zwischen Mexiko und Südafrika gab es einen Moment, der als Symbol für dieses Turnier taugt: Rund um die 22. Spielminute pfeift der Schiedsrichter eine dreiminütige Pflichtpause an. Als die Zeit abgelaufen ist, stehen die Spieler bereit. Der Wiederpfiff muss warten, weil FOX Sports, der US-Übertragungsrechteinhaber, noch Werbung ausstrahlte. Erstmals in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft wartet ein Schiedsrichter auf ein Fernsehsignal, nicht umgekehrt.

Eine Regel, zwei Begründungen

Die FIFA führte zur WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA verpflichtende Spielunterbrechungen in allen 104 Partien ein. Offiziell heißen sie Cooling Breaks und sollen Spieler vor der Hitze in nordamerikanischen Stadien schützen. Die Unterbrechung erfolgt rund um die 22. Spielminute jeder Halbzeit und dauert drei Minuten. In Dallas und anderen Spielorten mit Temperaturen über 38 Grad Celsius ist der Hitzeschutz real.

Gleichzeitig öffnet die Regelung ein kommerzielles Fenster, das im Livefußball bislang nicht existierte. TV-Sender können während dieser Pausen erstmals Werbung während eines laufenden WM-Spiels schalten. Sie haben dabei die Wahl zwischen Vollbild und Splitscreen, wobei Vollbild laut FIFA-Regularien nur offiziellen Sponsoren vorbehalten ist. Werbeanzeigen müssen frühestens 20 Sekunden nach dem Pfiff starten und spätestens 30 Sekunden vor dem Wiederpfiff enden. Daraus ergibt sich ein nutzbares Werbefenster von rund zwei Minuten und zehn Sekunden. In einem Turnier mit 104 Spielen bedeutet das 208 solcher Fenster, die vor der WM 2026 nicht existierten.

Deschamps: Diese drei Minuten verändern den Fußball

Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps formulierte die Kritik scharf: „Das ist gut für TV-Sender und ihre Werbeblöcke, aber diese drei Minuten verändern den Fußball komplett.” Seine Sorge gilt dem Spielfluss. Eine angreifende Mannschaft könne ihren Schwung verlieren, ohne dass ein sportlicher Grund wie eine Verletzung oder ein VAR-Eingriff vorliegt. Anders als bei anderen Unterbrechungen ist die Pflichtpause vom Spielgeschehen vollständig entkoppelt. Sie trifft auch dann, wenn ein Team gerade im Angriff ist oder ein Konter läuft.

Nicht alle Sender nutzen das Fenster gleich. Der britische Privatsender ITV verzichtet bei seinen WM-Übertragungen auf Werbung in den Pausen. Die BBC, die ohnehin werbefrei sendet, hat das Problem strukturell nicht. In den USA, wo FOX und Telemundo die Übertragungsrechte halten und in Lateinamerika ist die kommerzielle Nutzung dagegen nahezu flächendeckend.

Gleichzeitig treten bei der WM 2026 weitere Regeländerungen in Kraft. Der VAR darf künftig auch die Vergabe der zweiten Gelben Karte (Gelb-Rote Karte) überprüfen. Ein ehemaliger WM-Schiedsrichter aus dem Jahr 1998, den die Fachseite Fußballnationalmannschaft.net zitiert, kritisierte: „In diesem Sommer kommt zu vieles auf einmal auf die Unparteiischen zu.” Sieben neue Regelinterpretationen gleichzeitig in einem Turnier, das erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragen wird.

Nagelsmann: 42 Stunden zwischen Gruppenabschluss und Anpfiff

Die Pflichtpause lässt sich nicht trennen von der größten Strukturentscheidung dieses Turniers: dem Wechsel von 32 auf 48 Mannschaften. Mit zwölf Vierergruppen, einem neuen Sechzehntelfinale und acht qualifizierten Gruppendritten hat die WM 2026 einen Modus, der neue Planungsprobleme produziert.

Bundestrainer Julian Nagelsmann kritisierte nach Deutschlands Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Paraguay die Ansetzungslogik: „Man gerät unter großen Zeitdruck und wird bestraft, dass man Gruppenerster geworden ist.” Konkret lagen zwischen dem Abpfiff von Deutschlands letztem Gruppenspiel und dem Anpfiff gegen Paraguay weniger als 42 Stunden, zu kurz, um einen vollständigen Matchplan gegen einen zunächst unbekannten Gegner zu entwickeln, weil in der neuen Formatlogik die Setzung der Gruppendrittplatzierten erst nach dem letzten Gruppenspieltag feststeht. DFB-Sportdirektor Rudi Völler sah das anders: „Dann müssen die Co-Trainer halt mal eine Stunde mehr arbeiten abends.”

Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß hatte das Format vor dem Turnier als „Fiasko für den Fußball” bezeichnet: Qualität leide, wenn Rangnationen neben den stärksten Teams spielen und das Risiko von Schonungspartien sei höher. Die Gruppenphase hat diese Befürchtung teilweise widerlegt: Kap Verde und Ägypten überraschten positiv. Ob das am Format liegt oder trotz ihm, ist im Rückblick schwer zu trennen.

Bis zum Finale: 32 weitere Werbefenster für FOX

Das Achtelfinale hat gerade begonnen. Bis zum Finale in New York am 19. Juli spielen 16 Teams weitere 16 Partien. In jeder davon wird der Schiedsrichter zweimal für drei Minuten unterbrechen. FOX Sports, Telemundo sowie ihre internationalen Partner erhalten jeweils zweimal ein Werbefenster, das vorher nicht existierte.

Ob die FIFA das System als dauerhafte Regeländerung einführt oder als Sonderlösung für die WM 2026 behandelt, hat der Weltverband öffentlich noch nicht entschieden. Die WM 2030 findet auf drei Kontinenten statt (Spanien, Portugal, Marokko sowie einzelne Spiele in Argentinien, Uruguay und Paraguay). Die logistischen Herausforderungen werden größer. Ob die kommerziellen Rahmenbedingungen des Turniers damit Schritt hält oder vorauseilt, ist die eigentliche Frage, die WM 2026 aufgeworfen hat.

Quellen (8)

Kommentare