USA greifen Irans Radar an: 70 Prozent Arsenal intakt
Trump sagt, der Iran sei militärisch geschlagen. Seine eigenen Geheimdienste sehen das anders: 70 Prozent des iranischen Raketenarsenals sind nach mehr als drei Monaten Krieg und 29 Milliarden Dollar US-Kriegskosten noch intakt, 30 von 33 Abschussstellungen entlang der Straße von Hormus sind wieder betriebsbereit. Am Wochenende griffen die USA trotzdem erneut an: Radaranlagen und Drohnenkontrollzentren auf Qeshm Island und Goruk Island wurden zerstört, Iran schoss auf eine US-Luftwaffenbasis zurück.
Qeshm, Goruk und Sirik: Drei Standorte, drei Ziele
Am Wochenende, 31. Mai und 1. Juni 2026, feuerte das US-Militär auf drei iranische Stützpunkte im Persischen Golf. Auf Goruk Island zerstörten US-Streitkräfte ein JY-27A-Langstreckenradar chinesischer Herkunft sowie HQ-9-Flugabwehrsysteme. Das JY-27A gilt als eines der wenigen Radargeräte, die schwer erfassbare Flugzeuge erkennen können; seine Ausschaltung reduziert Irans Frühwarnkapazität erheblich. Auf Qeshm Island, der größten iranischen Insel in der Meerenge, trafen die Angriffe Drohnenkontrollzentren. Ein drittes Ziel auf Sirik war ein Telekommunikationsturm für die Drohnenkommunikation.
Das US-Zentralkommando begründete die Schläge mit Selbstverteidigung nach dem Abschuss einer amerikanischen MQ-1-Drohne über internationalen Gewässern. Über solchen Drohnen laufen Überwachungseinsätze, die für Navigationsunterstützung von Handelsschiffen und Echtzeitlagebilder in der Meerenge eingesetzt werden. Iran antwortete mit einem Angriff der Revolutionsgarden auf eine US-Luftwaffenbasis in der Golfregion; die genaue Lage der Basis wurde in offiziellen Berichten nicht benannt. Beide Seiten bestätigen die Angriffe, beide Seiten behaupten, die Waffenruhe vom 8. April einzuhalten.
Das Geheimdienstparadox: Trumps Sieg und die Zahlen
Trump hat seit Kriegsbeginn Ende Februar 2026 mehrfach erklärt, die USA hätten den Iran militärisch dezimiert. Die Zahlen seiner eigenen Geheimdienste widerlegen das. Laut einer von der Washington Post im Mai zitierten Analyse für den US-Kongress behielt Iran nach dem Großangriff vom 28. Februar 70 Prozent seines vorkrieglichen Raketenarsenals. Von den 33 iranischen Abschussstellungen entlang der Straße von Hormus sind 30 wieder operativ. 90 Prozent der unterirdischen Lageranlagen und Abschussanlagen, die in den ersten Schlagwellen teilweise getroffen wurden, sind nach Geheimdienstbewertung wieder zugänglich.
Das Pentagon bezifferte die US-Kriegskosten am 12. Mai 2026 in einer Anhörung vor dem Kongress auf 29 Milliarden Dollar, ein Aufschlag von vier Milliarden gegenüber der Schätzung vom April. Darin enthalten sind Munitionskosten, Reparaturen an Schiffen und Flugzeugen sowie der laufende Betrieb im Persischen Golf. Die Diskrepanz zwischen offizieller Siegesrhetorik und geheimdienstlicher Lageeinschätzung ist für die amerikanische Verhandlungsposition folgenreich: Wer davon ausgeht, das iranische Arsenal sei weitgehend vernichtet, überschätzt den eigenen Druck auf Teheran und unterschätzt die Kosten einer weiteren Eskalation.
Formale Waffenruhe, faktischer Krieg
Die Waffenruhe vom 8. April gilt offiziell noch. In der Praxis bezeichnete US-Vizepräsident JD Vance die regelmäßigen Zwischenfälle als "kleine Aufflackerer", das Weiße Haus nannte die jüngsten US-Schläge "sehr begrenzte Selbstverteidigung". Iran brach am 1. Juni alle indirekten Gespräche mit Washington ab, als Reaktion auf israelische Angriffe im Libanon. Das Memorandum zur Verlängerung der Waffenruhe, das nach Berichten von Axios kurz vor der Unterzeichnung stand, ist damit gegenstandslos. Trumps anschließend vorgelegtes überarbeitetes Memorandum enthielt nach Berichten von Euronews und CNBC verschärfte Forderungen: die Übergabe von 400 Kilogramm angereichertem Uran und den Abbau aller Anreicherungskapazitäten bis auf eine einzige Anlage.
Für Jochen von Bernstorff, Völkerrechtsprofessor und Autor im Verfassungsblog, sind die US-Angriffe auf iranisches Territorium rechtlich eindeutig: Die Selbstverteidigungsargumentation Washingtons sei "offenkundig völkerrechtswidrig", da keine dokumentierte unmittelbare Bedrohung einer konkreten US-Einrichtung vorliege, die solche Präventivschläge gegen Radarstationen auf iranischem Hoheitsgebiet rechtfertige. Das Verhältnismäßigkeitsprinzip werde durch den Umfang der Angriffe verletzt. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, der den Revolutionsgarden nahesteht, nannte die neuen amerikanischen Bedingungen "jenseits jeder Verhandlungsgrundlage".
G7 in Évian: Nächster diplomatischer Ankerpunkt
Der G7-Gipfel in Évian-les-Bains am 15. bis 17. Juni gilt nach dem Verhandlungsabbruch als nächste realistische Gelegenheit für eine diplomatische Kurskorrektur. Trump behauptet auf Truth Social, Gespräche liefen "in rasantem Tempo". Iran bestreitet das. Im diplomatischen Zwischenraum liegt das überarbeitete US-Memorandum, das Teheran die Übergabe von 400 Kilogramm angereichertem Uran abverlangt, sowie Irans Forderung nach einem vollständigen israelischen Rückzug aus Gaza und Libanon als Vorbedingung für jede weitere Gesprächsrunde. Die Straße von Hormus bleibt faktisch blockiert: Täglich passieren laut Internationaler Energieagentur nur noch rund zwei Tanker die Meerenge, vor dem Konflikt waren es täglich mehr als 60. Brent-Rohöl notiert bei rund 97 Dollar, ein Plus von knapp sieben Prozent gegenüber dem Stand vor dem Verhandlungsabbruch.
Irans Drohung, zusätzlich Bab al-Mandab am Ausgang des Roten Meeres zu sperren, was eine Doppelblockade von täglich rund 26 Millionen Barrel Rohöl bedeuten würde, ist nicht zurückgenommen worden. Die Sperrung beider Meerengen gleichzeitig würde auch den Großteil des europäisch-asiatischen Containerverkehrs treffen. Wie stark die Schläge auf Qeshm und Goruk Irans militärische Kapazitäten tatsächlich geschwächt haben, wird erst die nächste Geheimdienstbewertung zeigen, die für die Zeit nach den Angriffen noch aussteht.
Kommentare