
Drohne tötet AKW-Mitarbeiter: IAEA warnt vor Atomunfall
Quellen (10)
- The Moscow Timesthemoscowtimes.com
- WHBL (IAEA-Bestätigung)whbl.com
- The Deep Divethedeepdive.ca
- Newsonair (IAEA Nuklearsicherheit)newsonair.gov.in
- PBS NewsHour (IAEA Unfallrisiko)pbs.org
- GRS (Reaktorstatus, Stromversorgung)grs.de
- BASE Bundesamtbase.bund.de
- Deutschlandfunk (Drohnenangriffe Ukraine/Russland)deutschlandfunk.de
- Deutschlandfunk (Kallas Sanktionen)deutschlandfunk.de
- Euronews (Kallas Interview)de.euronews.com
Eine Drohne hat heute Morgen eine Bushaltestelle auf dem Gelände des besetzten Kernkraftwerks Saporizhzhia getroffen und einen Kraftwerksmitarbeiter getötet. Fünfzehn weitere Beschäftigte wurden verletzt, drei davon schwer, wie die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bestätigte. IAEA-Chef Rafael Grossi verurteilte den Angriff scharf und forderte militärische Befehlshaber zum sofortigen Stopp solcher Attacken auf: Die Nuklearsicherheitslage am größten Kernkraftwerk Europas verschlechtere sich weiter.
Ein Kraftwerk, das nicht abschalten darf
Das Kernkraftwerk Saporizhzhia liegt im Südosten der Ukraine, am Ufer des Dniprostausees. Mit sechs Reaktorblöcken und einer installierten Leistung von 5.700 Megawatt ist es das größte Kernkraftwerk Europas. Russische Truppen besetzten die Anlage im März 2022, wenige Wochen nach dem Beginn des Angriffskriegs. Seit September 2022 sind alle sechs Reaktoren abgeschaltet, formal aus Sicherheitsgründen, faktisch weil der Frontbetrieb einen kontrollierten Leistungsbetrieb unmöglich macht.
Abschalten bedeutet im Kernkraftwerk nicht dasselbe wie Ausschalten. Die Brennstäbe geben auch nach einer Schnellabschaltung noch über Monate Nachwärme ab. Ohne kontinuierliche Kühlung überhitzen sie, das Kühlmittel siedet und es droht die Kernschmelze. Saporizhzhia braucht deshalb dauerhaft externe Stromversorgung, um seine eigenen Kühlpumpen zu betreiben, auch wenn keine Energie mehr erzeugt wird.
Genau diese Versorgung ist seit dem 24. März 2026 unterbrochen. Laut der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) steht seither keine externe Hochspannungsleitung mehr zur Verfügung. Das Kraftwerk betreibt seitdem Dieselaggregate, um die Kühlsysteme in Betrieb zu halten. Der Kraftstoff dafür wird regelmäßig durch eine aktive Konfliktzone angeliefert.
Vier Angriffe in vier Monaten
Der heutige Angriff ist kein Einzelfall, sondern der bisher schwerste in einer Reihe eskalierender Attacken. Am 3. Mai traf eine Drohne das External Radiation Control Laboratory (ERCL) des Kraftwerks und beschädigte meteorologische Geräte zur Echtzeitüberwachung der Umgebungsstrahlung. Knapp vier Wochen später, am 30. Mai, wurde die Turbinenhalle von Reaktorblock 6 durch eine Drohne getroffen und ein Loch in eine Außenwand gerissen. Mitte Juli starb Alexander Jakowlew, der Chefingenieur des Kraftwerks, als eine Drohne das Fahrzeug traf, mit dem er zwischen Kraftwerk und der Stadt Enerhodar unterwegs war.
Heute, am 18. August, traf eine Drohne gegen 6 Uhr morgens eine Bushaltestelle, die Kraftwerksmitarbeiter auf dem Weg zur Frühschicht nutzten. Einer von ihnen starb. Fünfzehn wurden verletzt. Der Werksdirektor bezeichnete es nach Angaben der IAEA als „the worst event the plant has faced". IAEA-Experten, die permanent vor Ort stationiert sind, haben den Einschlagsbereich umgehend untersucht. Die Drohne traf nach ihren Angaben eine Straßenfläche nahe der Kühlwasserbecken, also in unmittelbarer Nähe kritischer Infrastruktur.
Grossis Appell und das Rätsel der Zuschreibung
IAEA-Chef Rafael Grossi reagierte mit einem öffentlichen Appell, den er bewusst ohne Schuldzuweisung formulierte. Er forderte „military commanders responsible for these actions as well as all others aiming at nuclear power plants and/or their staff to put an immediate stop to these unacceptable actions." Wer für den heutigen Angriff verantwortlich ist, ließ die IAEA offen: Die Drohne konnte weder dem russischen noch dem ukrainischen Militär eindeutig zugeordnet werden.
Dieses Attribuierungsproblem ist strukturell. Russland wirft der Ukraine seit Kriegsbeginn vor, das Kraftwerk als Schutzschild zu nutzen oder gezielt anzugreifen. Die Ukraine nennt russische Aktionen rund um das Kraftwerk „nukleare Erpressung" und weist Vorwürfe, ukrainische Drohnen hätten die Anlage getroffen, als Propaganda zurück. Die IAEA-Experten vor Ort dokumentieren in ihren wöchentlichen Berichten „häufige Explosionen, wiederholtes Maschinengewehr- und Gewehrfeuer sowie Artillerie in verschiedenen Entfernungen vom Kraftwerk". Wem die Waffen gehören, können auch sie nicht verlässlich feststellen.
Was ein Kühlversagen bedeuten würde
Die Brennstäbe in Saporizhzhia sind abgeschaltet, aber nicht inaktiv. Ihre Nachwärme ist nach fast vier Jahren deutlich geringer als kurz nach der Abschaltung, aber immer noch ausreichend, um bei einem Ausfall der Dieselaggregate innerhalb von Stunden zu einem Problem zu werden. Eine unkontrollierte Erwärmung in den Abklingbecken, in denen verbrauchte Brennelemente gelagert werden, kann Dampf und radioaktives Material freisetzen.
Das Szenario unterscheidet sich von Tschernobyl 1986, bei dem ein Reaktor explodierte. Aber die geografische Lage im bevölkerungsreichen Südosten der Ukraine, die Abhängigkeit von Dieselgeneratoren und die anhaltenden Kampfhandlungen erzeugen ein Risikoprofil, das die IAEA seit 2022 als „ohne Präzedenz" beschreibt. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) beobachtet die Lage und stellt fest, dass bislang keine radiologischen Auswirkungen für Deutschland messbar sind. Die Lage werde aber eng weiterverfolgt.
EU-Antwort: Das größte Sanktionspaket seit 2022
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte am Montag, dem 17. August, im Interview mit der Welt an, im Herbst die „bislang umfassendsten Sanktionslisten" gegen Russland vorzulegen. Das neue Paket würde die Zahl der sanktionierten russischen Personen, Unternehmen und Organisationen um ein Drittel erhöhen, sofern die EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Die 21 bisherigen Sanktionspakete hätten Russlands Kriegsmaschinerie bereits mehr als eine Billion Euro gekostet, sagte Kallas. Sie begründete die Eskalation damit, dass Russlands Armee auf dem Schlachtfeld nicht vorankomme und deshalb verstärkt Raketen gegen ukrainische Zivilisten und Infrastruktur einsetze. Kallas äußerte die Hoffnung, dass USA und Europa bei den Sanktionen wieder „näher zusammenrücken".
Ob Sanktionsdruck die Intensität der Angriffe auf Saporizhzhia beeinflusst, ist offen. Das Kraftwerk liegt in einem Gebiet, das beide Seiten militärisch bestreiten. Solange kein Waffenstillstand gilt, werden die IAEA-Experten vor Ort unter Beschuss ihren Dienst fortsetzen, die Kühlsysteme mit Dieselkraftstoff versorgt und der nächste Drohnenangriff auf das größte Kernkraftwerk Europas unberechenbar bleiben.
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