AfD in Brandenburg stärker als SPD und CDU zusammen
Politik

AfD in Brandenburg stärker als SPD und CDU zusammen

Laut einer neuen rbb-Umfrage von Infratest dimap steht die AfD in Brandenburg bei 37 Prozent, allein stärker als SPD und CDU zusammen. Nur 28 Prozent stützen die Landesregierung, zwei Drittel glauben nicht an Fortschritte bei Bildung und Sicherheit.

24. Juni 2026, 20:37 Uhr 718 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In Brandenburg verschiebt sich die Machtarithmetik, wo sie kaum noch zu verschieben schien. Die neue rbb-Umfrage von Infratest dimap zeigt: Die AfD steht bei 37 Prozent. SPD und CDU, die seit März 2026 gemeinsam regieren, kommen addiert auf 34 Prozent. Die Partei, gegen die beide eine Brandmauer errichtet haben, ist allein stärker als die gesamte Koalition. Für das Bundesland, das seit 1990 ununterbrochen von der SPD geführt wird, ist das eine neue Qualität der Schwäche.

Was der neue rbb-Trend zeigt

Infratest dimap befragte zwischen dem 18. und 22. Juni 2026 insgesamt 1.159 wahlberechtigte Brandenburgerinnen und Brandenburger im Auftrag von rbb24 Brandenburg aktuell und Antenne Brandenburg. Die Ergebnisse: AfD 37 Prozent (plus 2 Punkte gegenüber Dezember 2025, höchster je in Brandenburg gemessener Wert), SPD 22 Prozent, CDU 12 Prozent (minus 2), Linke 12 Prozent (plus 3), Grüne 6 Prozent (plus 1), BSW 4 Prozent (minus 3).

Das BSW läge damit unterhalb der Fünfprozenthürde und würde bei einer hypothetischen Neuwahl aus dem Landtag ausscheiden. Sahra Wagenknechts Bündnis hatte die vorherige Koalition mit der SPD mitgetragen, bis interne Konflikte zwischen Landesfraktion und Bundesführung sie zerbrachen. Seitdem hat das BSW in Brandenburg fast die Hälfte seiner Umfragewerte verloren.

Eine Mehrheit im Landtag, keine in der Bevölkerung

Im Landtag verfügt die SPD-CDU-Koalition über eine knappe rechnerische Mehrheit von einer Stimme. Sie wurde durch den Wechsel des ehemaligen BSW-Abgeordneten Robert Crumbach zur SPD-Fraktion ermöglicht. In Umfragen existiert diese Mehrheit nicht: 62 Prozent der Brandenburgerinnen und Brandenburger sind mit der Koalition unzufrieden, nur 28 Prozent zeigen sich zufrieden.

Noch konkreter wird das Misstrauen bei Sachthemen. Zwei Drittel glauben nicht, dass die Regierung Fortschritte in der Bildung erzielen wird. Bei innerer Sicherheit, Migration und Wirtschaft äußern Mehrheiten ähnliche Skepsis. Die Koalition regiert mit einem parlamentarischen Mandat, das ihre tatsächliche Wählerakzeptanz erheblich übersteigt.

Drei mögliche Koalitionen, alle unbequem

CDU-Landeschef Jan Redmann hat eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen. Damit bleiben bei einer hypothetischen Neuwahl wenige rechnerisch tragfähige Bündnisse: SPD, CDU und Linke kämen zusammen auf 46 Prozent, SPD, CDU und Grüne auf 40 Prozent. Beide Varianten wären arithmetisch möglich, doch keine ist politisch unkompliziert.

Die Linke, die mit 12 Prozent drei Punkte gewonnen hat, würde in einer Dreierkoalition faktisch die Rolle des Mehrheitsbeschaffers spielen. Das wäre in Brandenburg politisches Neuland. Die Grünen kämen mit 6 Prozent als Juniorpartner in strukturell schwacher Position. Und das BSW, das einst als dritte Kraft galt, scheidet rechnerisch aus.

Woidke persönlich beliebt, seine Koalition nicht

Das auffälligste Paradox der Erhebung: Ministerpräsident Dietmar Woidke steht persönlich deutlich besser da als seine Regierung. 57 Prozent der Befragten wollen, dass er bis 2029 im Amt bleibt. Seine persönliche Zustimmungsrate liegt bei 46 Prozent, leicht gesunken von 48 Prozent im Dezember.

Woidke hatte nach dem BSW-Bruch im Herbst 2025 Neuwahlen ausgeschlossen: "Was sollen Neuwahlen jetzt bringen, außer dass wir ein ähnliches Ergebnis haben werden?" Die Umfrage gibt ihm in der Lagebeschreibung recht. Für Woidke, der seit 2013 Ministerpräsident ist, wird die Frage drängender, was sein politisches Erbe sein soll: Stabilisierung in einer Phase struktureller Schwäche der SPD oder Brücke zu einem Neustart.

Die Brandmauer und was sie kostet

Auf Bundesebene zeigt die Affäre um Martin Reichardt, warum die Brandmauer trotz allem notwendig bleibt. Sachsen-Anhalts AfD-Chef und Bundesvorstandsmitglied wird vorgeworfen, auf einem Foto aus dem Jahr 2020 den Hitlergruß gezeigt zu haben. Reichardt bestreitet das und spricht von einem "angedeuteten Ritterschlag". Zwei Zeugen bestätigten dem Podcast "Inside AfD" das Gegenteil. Die Grünen fordern seinen Rücktritt.

In Brandenburg selbst kostet die Brandmauer ihren Preis: Die demokratischen Parteien regieren mit parlamentarischer Mehrheit, aber ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Die AfD bleibt ausgegrenzt, aber wächst. Ob die Brandmauer ein Instrument der Stabilisierung ist oder die eigene Erosion beschleunigt, ist eine Frage, auf die Potsdam noch keine Antwort gefunden hat.

2029: Ob 35 Jahre SPD-Führung in Brandenburg enden

Die reguläre Wahlperiode läuft bis 2029. Vier Jahre mit einer Regierung, die in Umfragen schwächer ist als die stärkste Oppositionspartei, sind möglich, aber selten ohne politische Folgen. Ein Plus von zwei Punkten für die AfD seit Dezember 2025 ist kein Ausreißer. Es ist ein Trend.

1990 wurde Brandenburg als demokratische Neuschöpfung gegründet. Alle bisherigen Landesregierungen seither wurden von der SPD angeführt. Ob das nach 2029 so bleibt, entscheidet sich nicht in Parteistrategie-Runden. Es entscheidet sich daran, ob SPD und CDU gemeinsam beweisen können, dass sie mehr sind als die Summe ihrer Umfragetiefs.

Quellen (8)

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