Wie Russland Ukraines Abwehrlücke ausnutzt
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Wie Russland Ukraines Abwehrlücke ausnutzt

Am 12. Juli griff Russland die Ukraine erneut mit Raketen und Drohnen an. Mindestens neun Menschen starben, weil die Patriot-Systeme der Ukraine keine PAC-3-Abfangraketen mehr haben. Hinter dem Engpass steckt ein strukturelles Problem, das sich in den nächsten Monaten kaum lösen lässt.

13. Juli 2026, 19:07 Uhr 594 Wörter · 3 Min. Lesezeit

In Kyjiw wurden am 12. Juli in einem Wohngebiet zwölf Menschen verletzt, darunter zwei Kinder. In Krywyi Rih starben zwei Fabrikarbeiter, als eine Rakete in einen Industriebetrieb einschlug. In Cherson tötete eine Drohne eine 48-jährige Frau. Die Gesamtbilanz: mindestens neun Tote. Was diesen Angriff von vielen früheren unterscheidet, ist nicht die Stärke der russischen Welle, sondern die Schwäche der ukrainischen Antwort: Die Patriot-Systeme fingen diesmal nahezu nichts ab.

PAC-3: Abfangraketen, die niemand schnell genug produziert

Das Problem ist nicht die Hardware, sondern die Munition. Patriot-Systeme können ballistische Raketen nur mit PAC-3-Abfangraketen zuverlässig abwehren. Diese Munition kostet pro Stück rund vier Millionen Dollar und wird in einer einzigen US-amerikanischen Fabrik produziert, weltweit rund 52 Exemplare pro Monat. Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow, seit Januar 2026 im Amt, brachte das Missverhältnis auf den Punkt: "Weltweit werden pro Monat weniger solcher Raketen produziert als der Feind in diesem Zeitraum auf die Ukraine abschießt." Allein auf Kyjiw feuert Russland monatlich mehr als hundert Raketen ab.

Was den Vorrat zusätzlich erschöpft, ist der Krieg im Nahen Osten. Israels Luftverteidigung, US-amerikanische Abwehroperationen in Syrien und Jordanien sowie die laufende Hormus-Krise haben die westlichen Bestände an Luftabwehrraketen auf ein historisches Tief gesenkt. Für die Ukraine bedeutet das: Wer ihr PAC-3-Munition gibt, entzieht sie anderswo. Die globale Produktion kann den kombinierten Verbrauch nicht annähernd ausgleichen.

Was am 12. Juli passierte

Bei einem russischen Großangriff Anfang Juli lag die Abfangquote erstmals unter zwanzig Prozent. Am 12. Juli lag sie nahe null. Das Ergebnis war entsprechend verheerend: In Krywyi Rih schlugen Raketen in einen Industriebetrieb ein und töteten zwei Arbeiter. Im Chersoner Gebiet tötete eine Drohne eine 48-jährige Frau. In einem Wohngebiet in Kyjiw wurden zwölf Menschen verletzt, darunter zwei Kinder. Im Gegenzug griff die Ukraine russische Stellungen an; fünf russische Soldaten kamen dabei ums Leben.

Dass Russland den Engpass gezielt ausnutzt, zeigt sich im Muster der Angriffe. Seit Monaten lassen Berichte aus ukrainischen Militärkreisen erkennen, dass Moskau Informationen über erschöpfte ukrainische Luftabwehrkapazitäten sammelt und Angriffswellen entsprechend terminiert. Die Pausen dazwischen dienen offenbar dem Abwarten: Wochen ohne Großangriff, dann ein Schlag, wenn die Abfangrate am tiefsten ist. Der Angriff vom 6. Juli, bei dem 22 Menschen starben, folgte demselben Muster.

Russlands Oligarch warnt vor vier Szenarien

Dass der Krieg für Russland kaum gut ausgehen kann, darauf deutete in dieser Woche eine ungewöhnliche Stimme hin. Andrei Melnitschenko, Gründer des Düngemittelkonzerns EuroChem und einer der reichsten Russen, gab The Economist ein mehrstündiges Interview, das ausführlichste öffentliche Gespräch eines russischen Wirtschaftsführers mit einem westlichen Medium seit Kriegsbeginn. Der Economist veröffentlichte es am 9. Juli.

Sein Befund: Für Russland sieht er vier mögliche Szenarien, keines davon günstig. Ein gedemütigtes Russland am westlichen Rand würde Revanchismus produzieren. Ein Russland in chinesischer Abhängigkeit würde zum Rohstofflieferanten degradiert werden. Eine Fragmentierung des Landes würde die nukleare Kontrolle gefährden. Und ein nordkoreanisch abgeschlossenes Russland würde die eigene Bevölkerung in permanenter Mobilisierung aufreiben. Dass ein Insider der russischen Wirtschaftselite so öffentlich spricht, zeigt, wie tief die Verunsicherung in Moskau sitzt.

Bis ukrainische PAC-3-Raketen produziert werden

Im Mai 2026 vereinbarten 37 Partnerstaaten in Paris eine Produktionslizenz für Patriot-Systeme. Die Ukraine darf seitdem eigenständig PAC-3-Raketen herstellen. Das Problem: Bis eine Fabrik steht, Lieferketten aufgebaut sind und ausgebildetes Personal produziert, vergehen mindestens eineinhalb bis zwei Jahre. Militärisch relevant wird diese Kapazität frühestens Ende 2027. So lange bleibt die Ukraine auf Lieferungen angewiesen, die aber knapper werden, nicht mehr.

Im Weißen Haus laufen Berichten zufolge Gespräche über eine Notfreigabe von PAC-3-Raketen aus US-amerikanischen strategischen Reserven. Einen Zeitplan für eine solche Entscheidung gibt es nicht. Klar ist: Russland wird die nächste Angriffswelle nicht warten lassen, bis der Streit entschieden ist.

Quellen (9)

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