Wasser aus Abwärme: AirJoule liefert aus Serverräumen
Rechenzentren gehören zu den wasserintensivsten Infrastrukturen der digitalen Wirtschaft: Ein mittelgroßes Datencenter verbraucht täglich mehrere Millionen Liter zur Kühlung seiner Server. Das US-Unternehmen AirJoule Technologies hat eine Anlage entwickelt, die genau diese Abwärme nutzt, um Trinkwasser aus der Umgebungsluft zu gewinnen. Das erste Vollskalasystem ist seit Januar 2026 in Betrieb. Im Sommer 2026 steht die erste Pilotinstallation bei einem europäischen Rechenzentrum an.
Wie Abwärme zu Trinkwasser wird
Luft enthält je nach Temperatur und Feuchtigkeit messbare Mengen Wasserdampf. Gewöhnliche atmosphärische Wassergewinner kondensieren diesen Dampf durch Abkühlung, was erhebliche externe Energie erfordert. AirJoule nutzt stattdessen sogenannte metallorganische Gerüstverbindungen (Metal-Organic Frameworks, MOF), ein hochporöses Material, das Wassermoleküle wie ein Schwamm aus der Luft zieht. Die Abwärme des Rechenzentrums, typischerweise zwischen 40 und 80 Grad Celsius, löst anschließend das gespeicherte Wasser aus den MOF-Strukturen heraus, das sich dann als flüssiges Destillat sammelt.

Das AirJoule-Prime-System, das erste Vollskalasystem des Unternehmens, produziert laut der Pressemitteilung vom 14. Mai 2026 rund 2.000 Liter Wasser pro Tag. Es ist am Standort Newark im US-Bundesstaat Delaware fertiggestellt. Das kleinere AirJoule-Core-System ist auf rund 250 Liter täglich ausgelegt und soll laut Unternehmensplanung ab dem vierten Quartal 2026 kommerziell verfügbar sein. AirJoule gibt an, der Core-Betrieb benötige bis zu 40 Prozent weniger Energie als herkömmliche Trocknungsrad-Technologien, die ebenfalls zur Entfeuchtung eingesetzt werden.
Auszeichnung und Partnerschaft mit Google und Microsoft
AirJoule gewann 2025 einen offenen Wettbewerb des Net Zero Innovation Hub for Data Centers, an dem Google, Microsoft, Data4, Vertiv, Schneider Electric und Danfoss beteiligt waren. Das Programm suchte gezielt nach Technologien, die den Wasser- und Energieverbrauch von Rechenzentren senken. Seit Januar 2026 arbeitet AirJoule im Rahmen dieses Programms mit den sechs Unternehmen zusammen, die Pilotinstallation am Standort Fredericia in Dänemark ist für Sommer 2026 geplant. Im April 2026 wurde AirJoule von den CleanTech Breakthrough Awards als Water Tech Innovation of the Year ausgezeichnet.
Hinter AirJoule steht kein klassisches Startup allein: Das Unternehmen ist ein 50-50-Joint-Venture mit GE Vernova, dem Energietechnikkonzern, der aus General Electric hervorgegangen ist. Diese Partnerschaft gibt AirJoule Zugang zu Fertigungskapazitäten und Industriekundennetzwerken, die ein reines Startup kaum aufbauen könnte. Die Liquiditätsreserve des Unternehmens lag Ende März 2026 bei 31,1 Millionen Dollar, nach einer Kapitalerhöhung im Januar mit Erlösen von 22,1 Millionen Dollar.
Im Vergleich: Rechenzentren als Wasserverbraucher und das Skalierungsproblem
Der Wasserkonsum von Rechenzentren ist lange kaum öffentlich thematisiert worden, hat sich aber zu einem strukturellen Ressourcenproblem entwickelt. Google gab in seinem Nachhaltigkeitsbericht 2024 an, im Jahr 2023 weltweit rund 24 Milliarden Liter Wasser verbraucht zu haben, davon 17 Prozent in Regionen mit Wasserknappheit. Microsoft veröffentlichte ähnliche Größenordnungen. Die International Energy Agency schätzt, dass Rechenzentren weltweit bis 2030 rund 660 Terawattstunden Strom benötigen werden, mit proportional wachsendem Wasserverbrauch.

Vergleichbare Technologien zur atmosphärischen Wassergewinnung existieren bereits. Das israelische Unternehmen Watergen produziert Wasser aus Luft ohne externe Abwärmequelle, benötigt dafür aber mehr externe Energie pro Liter. SOURCE Global (früher Zero Mass Water) setzt Solarpaneele mit integrierter Wassergewinnung in trockenen Regionen ein, ist jedoch auf direkte Sonneneinstrahlung angewiesen und nicht auf Abwärme ausgelegt. Der strukturelle Vorteil von AirJoule ist das Koppelproduktprinzip: Die Abwärme, die ein Rechenzentrum ohnehin loswerden muss, wird nicht einfach in die Umgebung abgegeben, sondern in einen Rohstoff verwandelt.
Das Skalierungspotenzial ist vorhanden, aber noch nicht belegt. Ein einzelnes AirJoule-Prime-System produziert 2.000 Liter täglich. Ein Rechenzentrum der Hyperscaler-Klasse verbraucht je nach Klimazone und Kühlkonzept zwischen 500.000 und mehreren Millionen Litern täglich. Um einen nennenswerten Teil dieses Verbrauchs zu ersetzen, wären Dutzende bis Hunderte solcher Systeme pro Standort nötig. Ob und wie schnell das wirtschaftlich darstellbar ist, wird die Dänemark-Erprobung zeigen.
Kommerzieller Start 2026 und 2027: Was die nächsten Schritte zeigen werden
AirJoule Core soll ab dem vierten Quartal 2026 kommerziell verfügbar sein. Eine zweite Core-Variante mit unterschiedlichem Produktprofil ist für 2027 geplant. Das Prime-System soll nach Abschluss der Dänemark-Erprobung in eine breitere Vermarktungsphase eintreten. Preise hat das Unternehmen bislang nicht öffentlich kommuniziert.
Wie schnell die Technologie tatsächlich Verbreitung findet, hängt vom Verhältnis von Anschaffungskosten zu eingesparten Wasserkosten ab. In Regionen mit akuter Wasserknappheit und gleichzeitigem KI-Rechenzentrumsausbau, etwa im US-amerikanischen Südwesten, in den Golfstaaten oder in Nordafrika, ist der wirtschaftliche Anreiz besonders groß. Genau dort, wo Wasser teuer und knapp ist, könnte die Verbindung von Abwärmeverwertung und Wasserproduktion am schnellsten rentabel werden.
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