Siri AI: Apples Neustart läuft auf Googles KI
Tech & Wissen

Siri AI: Apples Neustart läuft auf Googles KI

Apple hat auf der WWDC 2026 Siri von Grund auf neu entwickelt: Die Assistentin bekommt eine eigene App, Google Gemini als KI-Kern und eine Fünf-Modell-Architektur aus On-Device und Cloud. Der öffentliche Release kommt mit iOS 27 im Herbst.

24. Juni 2026, 10:40 Uhr 795 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Apples Server für die anspruchsvollsten KI-Anfragen stehen nicht in Apple-Rechenzentren, sondern laufen auf NVIDIA-Grafikprozessoren in Google Cloud. Das ist der überraschende Kern der dritten Generation von Apples Foundation Models, die auf der WWDC 2026 am 8. Juni vorgestellt wurden. Der neue Siri AI sendet komplexe Anfragen an Googles Gemini-Modell und macht Datenschutz damit zur Vertragsklausel statt zu einem technischen Grundsatz.

Fünf Modelle, drei Schichten

Im Kern des neuen Apple Intelligence steht die dritte Generation der Apple Foundation Models (AFM 3), eine Familie aus fünf Modellen, die Apple nach eigenen Angaben gemeinsam mit Google entwickelt hat. Die Architektur folgt dem Prinzip der drei Schichten: Gerät, Private Cloud, Gemini.

Zwei Modelle laufen direkt auf dem iPhone oder Mac: AFM 3 Core ist ein kompaktes Modell mit rund drei Milliarden Parametern für schnelle, einfache Anfragen. AFM 3 Core Advanced ist technisch anspruchsvoller: ein spärlich aktiviertes Modell mit 20 Milliarden Parametern, das für eine gegebene Anfrage nur ein bis vier Milliarden Parameter tatsächlich aktiviert. Apple nennt das Verfahren "Instruction-Following Pruning". Das Ergebnis ist ein Modell mit dem Energieverbrauch eines kleinen Systems, das schwierige Aufgaben wie ein deutlich größeres Modell löst.

Drei weitere Modelle laufen auf Servern unter Apples Private Cloud Compute: AFM 3 Cloud für anspruchsvolle Textaufgaben, ein gesondertes Modell für Bildgenerierung und AFM 3 Cloud Pro, das laut Apples Machine-Learning-Forschern auf NVIDIA-Grafikprozessoren innerhalb von Google Cloud betrieben wird. Apple betont, dass selbst diese Server-Variante unter den Datenschutzgarantien von Private Cloud Compute läuft: Anfragen werden nicht gespeichert, kein Mitarbeiter hat Zugriff auf Nutzerdaten.

Siri AI: der Neustart

Siri AI ist das Kernprodukt, das Apple auf der WWDC-Keynote am 8. Juni in den Vordergrund stellte. Die neue Assistentin bekommt eine eigenständige App statt einer ausschließlich systemgebundenen Oberfläche, anpassbare Stimmgeschwindigkeit und natürlichere Stimmen. Mit der Kamera-Funktion kann ein iPhone auf ein Gericht gerichtet werden, um Nährwertschätzungen zu erhalten. In der Telefonapp greift Siri während eines Anrufs auf Kontext aus Mail und Nachrichten zu, ohne dass der Nutzer den Anruf unterbrechen muss. Wer anschließend zu Safari wechselt, bekommt denselben Sitzungskontext mitgenommen.

Im Hintergrund der anspruchsvollsten Anfragen steht Googles Gemini. Die beiden Unternehmen haben nach Angaben von Branchenanalysten einen mehrjährigen Lizenzvertrag geschlossen. Apples Software-Chef Craig Federighi nannte Privacy bei der Keynote "nicht verhandelbar" und beschrieb die Architektur als schrittweises System: erst das Gerät, dann Private Cloud Compute, dann Gemini. Einfache Anfragen verlassen laut Apple nie das Gerät. Erst wenn die lokalen Modelle an ihre Grenzen stoßen, wird die Anfrage eskaliert.

Das Privacy-Dilemma der Dreistufenarchitektur

Die Kritik hat zwei Dimensionen. Die erste ist technisch: Sobald eine Anfrage das Gerät verlässt, sind die Datenschutzgarantien an das Verhalten eines Drittanbieters geknüpft. AFM 3 Cloud Pro läuft auf NVIDIA-Servern in Google Cloud. Apple hat vertraglich versichert, dass keine Anfragedaten für Training genutzt werden. Googles Kerngeschäft bleibt die Auswertung von Nutzerdaten für Werbezwecke, über die europäische Datenschutzbehörden seit Jahren streiten. Welchen datenschutzrechtlichen Status eine Private-Cloud-Compute-Anfrage erhält, die technisch über Google Cloud läuft, ist für den europäischen Markt noch nicht regulatorisch geklärt.

Die zweite Dimension ist strategisch. Apple hat seine KI-Strategie mit dem Versprechen der On-Device-Verarbeitung aufgebaut, explizit als Gegenmodell zu Cloud-First-Ansätzen. Jetzt liefert Google den Motor des wichtigsten KI-Produkts. Wenn Google das Modell verändert oder der Vertrag endet, hat Apple kein gleichwertiges eigenes Modell in der Hinterhand. Die Marktforscher von IDC beschrieben WWDC 2026 als "Glaubwürdigkeitstest" für Apple. Das Unternehmen habe auf der WWDC 2024 Versprechen über personalisierte KI-Funktionen gemacht, von denen viele bis heute nicht vollständig ausgeliefert wurden. Angestellte Apples bestätigten mehrfach, dass der Entwicklungsplan hinter dem ursprünglichen internen Zeitplan zurücklag.

Microsoft Copilot in Windows 11 und Googles eigene Geräte mit Gemini Nano arbeiten ebenfalls mit dreischichtigen Cloud-Architekturen. Apple ist damit nicht das erste Unternehmen, das KI-Anfragen extern verarbeitet. Der Unterschied liegt im Versprechen: Apple hat Privacy seit Jahren als strategisches Differenzierungsmerkmal positioniert und dabei auf Distanz zu denselben Cloud-Plattformen gesetzt, auf denen Siri AI nun aufbaut. Diese Distanz ist nun strukturell verringert.

iOS 27 im September, Siri-Versprechen erst danach

Siri AI wird nicht für alle iPhones verfügbar. Apple setzt als Mindestanforderung 12 Gigabyte Arbeitsspeicher voraus: iPhone Air, iPhone 17 Pro und iPhone 17 Pro Max sowie iPad ab M4-Chip und Mac ab M3-Chip. Das iPhone 16 und ältere Modelle gehen leer aus. Damit adressiert Apple mit dem neuen Siri einen verhältnismäßig kleinen Teil seiner installierten Basis, schafft aber einen konkreten Kaufanreiz für den Herbst.

Die Entwickler-Beta ist seit dem 8. Juni verfügbar. iOS 27 und macOS 27 erscheinen öffentlich im September 2026. Die vollständige Siri-AI-Erfahrung, einschließlich der komplexeren Gemini-Funktionen, folgt schrittweise nach dem ersten öffentlichen iOS-27-Update. Das ist das Muster aus den vergangenen zwei WWDC-Zyklen: Die Ankündigung kommt im Juni, der tatsächliche Funktionsumfang kommt Monate später. Apples Fähigkeit, das strukturelle Glaubwürdigkeitsproblem zu lösen, wird sich nicht im Juni entscheiden, sondern wenn iOS 27.1 ausgeliefert wird.

Quellen (9)

Kommentare