Argentinien gegen Schweiz: Der zweite Stern wartet
Sechs Weltmeisterschaften lang hat Lionel Messi gespielt. Er war 18, als er beim Turnier 2006 in Deutschland sein erstes WM-Tor schoss. Am Sonntag um 3 Uhr MESZ trifft der 39-Jährige in Kansas City auf die Schweiz, mit 21 WM-Toren in seiner Bilanz und einem einzigen noch offenen Ziel: der erste Titelverteidiger seit Brasilien 1962 zu werden.
21 Tore in sechs Weltmeisterschaften
Messis Bilanz in der WM-Geschichte ist ohne Vergleich. Mit 21 Turniertoren hält er den Rekord in der 96-jährigen Geschichte des Wettbewerbs. Acht dieser Tore erzielte er allein im laufenden Turnier 2026, mehr als jeder andere Spieler im Feld, womit er die Torschützenwertung der WM 2026 anführt. ESPN wies nach dem Achtelfinale gegen Ägypten darauf hin, dass Messi in WM-Knockout-Spielen nun mit 14 Torbeteiligungen (7 Tore, 7 Vorlagen) den Rekord hält, den er zuvor mit Kylian Mbappé geteilt hatte.
Die Entwicklung über sechs Turniere macht das Ausmaß greifbar. 2006 in Deutschland traf Messi einmal. 2010 in Südafrika blieb er torlos, während Argentinien im Viertelfinale 0:4 gegen Deutschland unterlag. 2014 in Brasilien erzielte er vier Tore. 2018 in Russland eines. 2022 in Katar erzielte er sieben Tore und gewann den ersten WM-Titel, den er in vier Anläufen nie hatte gewinnen können. In Nordamerika 2026 setzt er fort, was kaum ein Beobachter noch für möglich gehalten hätte: acht Tore in sechs Spielen, mit 39 Jahren.
Beim Achtelfinale gegen Ägypten zeigte sich beides: der vergebene Elfmeter früh im Spiel und die drei Tore in 13 Minuten, die das 0:2 in ein 3:2 drehten. Messi ist bei dieser WM nicht unfehlbar, aber entscheidend, wenn es zählt.
Was seit Brasilien 1962 immer schiefging
Vier der letzten sechs Weltmeister schieden beim darauffolgenden Turnier bereits in der Vorrunde aus. Frankreich, Sieger 1998, schied 2002 in der Vorrunde aus, ohne ein Tor erzielt zu haben. Italien, Weltmeister 2006, scheiterte 2010 in der Gruppenphase. Spanien, Weltmeister 2010, schied 2014 nach zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen aus. Deutschland, Weltmeister 2014, belegte 2018 den letzten Platz einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea. Das Muster ist so zuverlässig, dass Sportjournalisten ihm einen Namen gegeben haben: der Titelverteidiger-Fluch.
Am nächsten an einem Doppelsieg kam bisher Frankreich. Der Weltmeister von 2018 erreichte als Titelhalter das Finale der WM 2022 in Katar und unterlag dort Argentinien im Elfmeterschießen. Das ist die engste Annäherung an eine erfolgreiche Titelverteidigung, die eine Mannschaft seit Brasilien 1962 schaffte. Brasilien selbst holte den Titel 1994 in den USA und erreichte 1998 das Finale gegen Frankreich, verlor aber ebenfalls. Seit 1962 hat kein Team den Titel behalten.
Argentinien hat mit dem Erreichen des Viertelfinals bereits mehr geschafft als vier der letzten sechs Titelhalter überhaupt an Knockout-Spielen absolviert haben. Die Albiceleste ist dort, wo Titelverteidiger selten hinkommen. Ob das reicht, ist eine andere Frage.
Die Schweiz und ihr erstes Viertelfinale seit 1954
Argentiniens Gegner ist ein Überraschungsgast in der Runde der letzten acht. Die Schweiz stand zuletzt 1954 im WM-Viertelfinale, beim Turnier in der eigenen Heimat. Im Heimturnier verloren die Eidgenossen 5:7 gegen Österreich, in einem Spiel das bis heute das torreichste in der WM-Geschichte geblieben ist. 72 Jahre später hat die Mannschaft von Trainer Murat Yakin diesen Makel getilgt: Im Achtelfinale in Vancouver gegen Kolumbien endeten 120 Minuten torlos, dann parierte Torhüter Gregor Kobel im Elfmeterschießen den entscheidenden Versuch von Cucho Hernández und Rubén Vargas traf als Fünfter für die Schweiz. Ergebnis: 4:3 im Elfmeterschießen, erstes WM-Viertelfinale seit 72 Jahren.
Die Schweizer Mannschaft agiert im Turnier mit strukturierter Defensivarbeit. In sechs Spielen kassierten sie laut Sportschau drei Gegentore, eines der besten Abwehrergebnisse aller verbliebenen Teams. Granit Xhaka, dem Kapitän, unterlief gegen Kolumbien ein Fehler, der beinahe zur Niederlage geführt hätte. Gegen Argentinien gibt es keine Fehlermargen: Die Albiceleste schoss im Achtelfinale drei Tore in 13 Minuten.
Sonntag, Kansas City, 3 Uhr MESZ
Der Test am Sonntag unterscheidet sich fundamental vom Achtelfinale. Ägypten war ein historischer Debütant im K.-o.-Bereich und stand mit dem Achtelfinale bereits besser da als je zuvor. Die Schweiz verteidigt kompakter, wartet länger auf Fehler und braucht keine Führung um gefährlich zu bleiben. Ein 0:0 nach 90 Minuten würde für die Eidgenossen als Erfolg gelten.
Für Argentinien ist der Druck umgekehrt verteilt. Ein Ausscheiden im Viertelfinale würde die 64-jährige Erzählung über die Unmöglichkeit der Titelverteidigung um ein weiteres Kapitel verlängern. Messi, der in drei von sechs WM-Turnieren kaum in Erscheinung getreten ist und bei einem torlos blieb, hat seit 2022 den Lauf seines WM-Lebens. Ob das am Sonntag in Kansas City reicht, entscheidet nicht nur das Schicksal des Turniers, sondern was von diesem letzten WM-Kapitel eines 39-Jährigen in Erinnerung bleibt.
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