FCAS gescheitert: Was die Bundeswehr jetzt fliegen soll
Politik

FCAS gescheitert: Was die Bundeswehr jetzt fliegen soll

Nach neun Jahren und rund drei Milliarden Euro Entwicklungsarbeit haben Deutschland und Frankreich ihr gemeinsames Kampfjetprogramm FCAS beendet. Kernproblem: Frankreichs Rüstungskonzern Dassault wollte technologisches Knowhow nie wirklich teilen. Jetzt hat die Bundeswehr ein Problem ohne einfache Lösung.

12. Juni 2026, 2:39 Uhr 777 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Frankreichs Rüstungskonzern Dassault Aviation hat neun Jahre lang ein gemeinsames europäisches Kampfjetprogramm mitgetragen, ohne wesentliche Patente oder Schlüsseltechnologien zu teilen. Am 6. Juni 2026 erklärten Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron das Projekt offiziell für beendet. Rund drei Milliarden Euro Entwicklungskosten sind verloren. Für die Bundeswehr bedeutet das: Spätestens ab 2040 braucht sie einen Nachfolger für den Eurofighter und es gibt noch keinen Plan.

Warum Dassault FCAS scheitern ließ

FCAS wurde 2017 von Deutschland und Frankreich gestartet; Spanien trat 2019 als dritter Partner bei. Das Future Combat Air System sollte nicht nur ein Flugzeug liefern, sondern ein vernetztes Kampfsystem der sechsten Generation, das Eurofighter und Rafale ab etwa 2040 ablöst. Das Gesamtbudget für Entwicklung und Beschaffung wurde auf mehr als 100 Milliarden Euro geschätzt.

Der Konflikt war kein technischer, sondern ein wirtschaftspolitischer. Airbus, der deutsche Hauptauftragnehmer und Dassault Aviation, das französische Pendant, stritten jahrelang darüber, wem die entwickelten Patente gehören würden. Militärexperte Christian Mölling, früher stellvertretender Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und heute Leiter der Sicherheitsinitiative Edina, formulierte es klar: Für Dassault sei FCAS nie ein Geschäftsmodell gewesen. Das Unternehmen verlässt sich auf staatliche französische Exportförderung, um seine Kampfjets günstig an andere Länder zu verkaufen. Ein gemeinsames deutsch-französisches Entwicklungsprojekt bedeutete für Dassault vor allem das Risiko, eigenes Knowhow preiszugeben, ohne gleichwertiges zu erhalten.

Dassault-Chef Éric Trappier weigerte sich bis zuletzt, Patente mit Airbus zu teilen. Bundeskanzler Merz soll persönlich mit Trappier gesprochen haben, ohne ihn überzeugen zu können. Mölling betont, der eigentliche Verlust sei nicht das Flugzeug selbst, sondern die Fähigkeit, mit der Software moderner Kampfjets autonom zu operieren: Wer die Systemsoftware nicht kontrolliert, kontrolliert auf Dauer auch nicht die Einsatzfähigkeit der eigenen Luftwaffe.

Warum die Entscheidung schnell fallen muss

Die Bundeswehr fliegt heute zwei Kampfjettypen. Den Eurofighter für Luftverteidigung und Luftkampf sowie die F-35A, die ab 2027 den Tornado als Trägersystem für US-Nuklearwaffen in Deutschland ablösen soll. Der Eurofighter wurde in den 1990er Jahren entwickelt. Ab den frühen 2040er Jahren wird er seine technologische Grenze erreichen und ohne FCAS gibt es für diesen Zeitraum keinen konkreten Nachfolger.

Luftwaffenchef Generalleutnant Holger Neumann machte die Dringlichkeit deutlich: Deutschland brauche Kampfplattformen der nächsten Generation spätestens ab 2035 in Dienst — damit Beschaffung und Einführung nicht erst 2040 abgeschlossen werden müssen. Ein vollständig neu entwickeltes System braucht erfahrungsgemäß 15 bis 20 Jahre von der Konzeptphase bis zur Einsatzreife. Wer jetzt nicht entscheidet, schließt die günstigsten Optionen aus.

Drei Optionen, keine ohne Risiko

Verteidigungsminister Boris Pistorius nannte drei Hauptoptionen. Keine ist einfach.

Mehr F-35: Die F-35A ist bereits in Deutschland im Dienst und technisch erprobt. Weitere Beschaffungen wären schnell umsetzbar. Aber Berlin würde technologisch vollständig abhängig von einem amerikanischen Konzern und einer US-Regierung bleiben, die zuletzt mit Strafzöllen drohte, US-Truppen aus Deutschland reduzierte und NATO-Verpflichtungen infrage stellte. Wer Systemsoftware und Ersatzteile aus Washington bezieht, kann seinen Jet nicht ohne Zustimmung Washingtons einsetzen.

GCAP-Beitritt: Großbritannien, Italien und Japan entwickeln seit 2022 gemeinsam das Global Combat Air Programme, kurz GCAP. Der damalige Leonardo-Chef Roberto Cingolani erklärte, Deutschland wäre ein starker Partner. Bundeskanzler Merz hatte das Thema beim deutsch-italienischen Gipfel im Januar 2026 mit Premierministerin Giorgia Meloni besprochen, die positiv reagierte. Die Risiken: Deutschland käme als Juniorpartner in ein laufendes Programm und hätte weniger Einfluss als die Gründungsstaaten auf Systemarchitektur und Arbeitsverteilung. Zudem belastet eine britische Haushaltskrise im Verteidigungsbereich das Projekt und der geplante Einführungstermin 2035 gilt als ambitioniert.

Team Gen 6: Am 11. Juni unterzeichneten acht deutsche Unternehmen auf der ILA Berlin ein strategisches Positionspapier unter Führung von Airbus Defence and Space. Dem Bündnis gehören Hensoldt, Autoflug, Diehl Defence, Liebherr, MBDA Deutschland, MTU Aero Engines und Rohde & Schwarz an. Spanische Partner wie Indra, ITP Aero und Sener haben sich angeschlossen. Das Konsortium fordert Berlin auf, noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 Verträge zu vergeben. Pistorius bezeichnete den Plan als „denkbar” und „eine der Möglichkeiten.” Das Risiko: Ein rein europäisches Programm ohne Frankreich würde milliardenschwere Investitionen erfordern und müsste genau die Fähigkeiten von Grund auf aufbauen, die FCAS in neun Jahren nicht geliefert hat.

Berlin entscheidet bis Ende 2026

Pistorius rechnet mit einer Grundsatzentscheidung innerhalb von drei bis sechs Monaten. Team Gen 6 hat Berlin aufgefordert, noch vor der Jahreswende Verträge zu vergeben. Im Juli 2026 findet das nächste deutsch-französische Verteidigungstreffen statt. Ob Paris an einem neuen gemeinsamen Rüstungsprojekt interessiert ist, da Dassault das erste Projekt scheitern ließ, bleibt offen.

Für die Rüstungsindustrie stehen erhebliche Summen auf dem Spiel. Airbus, Hensoldt und MTU legten an der Börse zu, als die ILA-Präsentation bekannt wurde. Die drei Milliarden Euro Verlust aus neun Jahren FCAS kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Deutschland seinen Verteidigungshaushalt auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochfährt. Das Geld ist vorhanden. Welchen Weg es nimmt, ist die eigentliche Frage.

Quellen (11)

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