Deutschland verdoppelt Gasimporte aus Aserbaidschan
Ilham Aliyev landete am 21. Juli 2026 zu seinem ersten Staatsbesuch in Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz empfing ihn im Berliner Kanzleramt. Beide unterzeichneten eine strategische Partnerschaftserklärung und gründeten einen gemeinsamen Wirtschaftsrat. Im Zentrum steht Energie: Aserbaidschanisches Gas soll in größeren Mengen nach Deutschland fließen. Bis 2027 könnte Deutschland rund drei Milliarden Kubikmeter jährlich aus Aserbaidschan beziehen, doppelt so viel wie 2025.
Zehn Jahre SOCAR: die Grundlage vor dem Handschlag
Die politische Erklärung in Berlin setzt eine vertragliche Grundlage fort, die bereits ein Jahr zuvor gelegt worden war. Im Juni 2025 schlossen SOCAR, die staatliche Ölgesellschaft Aserbaidschans und SEFE Securing Energy for Europe einen Zehnjahresvertrag über Gaslieferungen. SEFE soll schrittweise bis zu 1,5 Milliarden Kubikmeter jährlich erhalten, das entspricht rund 15 Terawattstunden. Ein ähnliches Volumen bezieht auch Uniper aus Aserbaidschan. Zusammengenommen soll Deutschland bis 2027 rund drei Milliarden Kubikmeter aserbaidschanisches Gas jährlich beziehen.
Das Gas fließt über den Südlichen Gaskorridor und die Trans-Adriatische Pipeline (TAP), eine 878 Kilometer lange Leitung, die aserbaidschanisches Gas durch Griechenland und Albanien unter dem Adriatischen Meer hindurch nach Süditalien bringt. Von dort gelangt es über europäische Gasnetzwerke Richtung Norden. Seit Januar 2026 liefert Aserbaidschan erstmals direkt an Deutschland und Österreich. Im selben Monat trat die erste Ausbaustufe der TAP in Kraft: Eine neue Kompressorstation in Griechenland bringt zusätzliche 1,2 Milliarden Kubikmeter Jahreskapazität.
Wer SEFE ist, lohnt einen Blick zurück: Der Konzern ist das 2022 vom deutschen Staat verstaatlichte ehemalige Tochterunternehmen von Gazprom in Deutschland. Aus Gazprom Germania wurde SEFE. Deutschland hat die Abhängigkeit von russischem Gas damit nicht nur durch neue Quellen ersetzt, es nutzt teilweise dieselbe Infrastruktur weiter.
Was die Berliner Erklärung enthält
Die am 21. Juli unterzeichnete "Gemeinsame Erklärung über die strategische Agenda der bilateralen Partnerschaft" enthält keine neuen konkreten Liefermengen. Daneben gründeten beide Seiten einen deutsch-aserbaidschanischen Wirtschaftsrat, der künftig als institutioneller Rahmen für Handelsgespräche dienen soll. Aliyev signalisierte, Aserbaidschan könne sowohl Gas als auch Öl in größerem Umfang liefern. Merz lobte Aserbaidschan als interessantes Partnerland mit Energieüberschuss. Der eigentliche kommerzielle Kern ist die SEFE-SOCAR-Vereinbarung von 2025, die Berliner Erklärung ist ihre politische Bekräftigung.
25 Journalisten im Gefängnis, 100.000 Vertriebene
Aserbaidschan ist kein demokratischer Rechtsstaat. Reporter ohne Grenzen listet 25 inhaftierte Medienschaffende, viele davon nach Recherchen zur Korruption in der politischen Elite. Dokumentiert sind Folterfälle in der Haft, medizinische Vernachlässigung und sexuelle Übergriffe auf inhaftierte Journalisten.
Im September 2023 übernahm Aserbaidschan die Region Bergkarabach in einer Militäroffensive. Mehr als 100.000 ethnische Armenier flohen oder wurden vertrieben. Eine kulturelle Autonomie für die verbliebene armenische Bevölkerung verweigert Baku seither.
NGOs kritisierten nach dem Berliner Treffen, dass Deutschland die Chance nicht genutzt habe, das Wirtschaftsabkommen an Grundrechtsbedingungen zu knüpfen. Die Schwäbische Post titelte, Merz verpasse "beim Deal eine Chance". Das IPG-Journal hatte bereits früher analysiert, dass die strategische EU-Aserbaidschan-Partnerschaft Menschenrechte strukturell ausklammere. Der Vorwurf ist nicht neu: Beim EU-Aserbaidschan-Gipfel 2022 war die Energiepartnerschaft ohne Menschenrechtsbedingungen unterzeichnet worden.
Reicht die Pipeline für mehr?
Die Liefermengen-Ambitionen haben einen Engpass: die Kapazität der TAP-Pipeline. Die Leitung hat derzeit eine Jahreskapazität von rund zehn Milliarden Kubikmeter und soll auf bis zu 20 Milliarden Kubikmeter ausgebaut werden. Dieser Schritt ist für 2027 geplant. Bis dahin bleibt die Pipeline der entscheidende Flaschenhals für höhere Liefermengen nach Deutschland.
Hinzu kommt eine strukturelle Frage: SOCAR ist nicht nur Produzent, sondern auch Handelsintermediär am internationalen Gasmarkt. Im vernetzten europäischen Gassystem lässt sich nicht lückenlos belegen, dass das in Deutschland ankommende Gas tatsächlich aus aserbaidschanischen Quellen stammt und kein russisches Gas beigemengt ist. Die EU hat 2026 begonnen, strengere Kontrollen für russische Gasimporte einzuführen. Neue Regeln sehen einen Ausstieg aus russischen Importen bis Ende 2027 vor. Wie das mit den wachsenden Aserbaidschan-Liefermengen zusammenpasst, ist regulatorisch noch nicht abschließend geregelt.
Für Deutschland bleibt das Fazit ambivalent: Mehr Versorgungssicherheit durch einen Lieferanten, der Journalisten inhaftiert, Ethnien vertreibt und möglicherweise russisches Gas durchleitet. Der Preis für Energiesicherheit wird selten in Kilowattstunden gezahlt.
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