Londoner Gipfel: Europa sucht Platz am Tisch
Zwei Tage nach Putins Ablehnung von Selenskyjs Gesprächsangebot trafen sich die drei europäischen Schwergewichte in der Diplomatie mit dem ukrainischen Präsidenten: Am Sonntagabend empfing der britische Premier Keir Starmer in der Downing Street Nummer 10 den Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und Wolodymyr Selenskyj. Es war das erste Treffen der vier seit Wochen und kam zu einem Zeitpunkt, an dem die Lage auf dem Schlachtfeld und am Verhandlungstisch gleichermaßen eskaliert. Europa will beim nächsten Anlauf für Friedensgespräche nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Warum London, warum jetzt
Der Hintergrund des Treffens reicht in drei Richtungen. Erstens hat Putin am Freitag, 5. Juni, Selenskyjs offenen Brief von Anfang der Woche endgültig abgelehnt. Der russische Präsident sagte, er sehe "derzeit keinen Sinn" in einem Treffen, verwies auf "Elemente von Unhöflichkeit" im Brief und erneuerte die russischen Maximalforderungen: vollständiger ukrainischer Rückzug aus Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson sowie dauerhafter NATO-Ausschluss. Selenskyj nannte die Antwort eine "schwache" Reaktion. Zweitens läuft am 8. Juni Trumps selbstgesetzte Frist für ein Atomabkommen mit Iran ab. Solange Washington dort gebunden ist, fehlt der US-Sondergesandte Steve Witkoff als Ukraine-Vermittler faktisch. Drittens steigen die militärischen Spannungen: Am Donnerstag tötete ein russischer Drohnenangriff drei Menschen an einer Bushaltestelle im Südosten der Ukraine. Die ukrainische Seite hatte zuvor mit Drohnenangriffen auf den Marinehafen Kronstadt und ein Ölterminal in St. Petersburg geantwortet.
Was besprochen wurde
Selenskyj, der kurz vor dem Treffen auf der Plattform X schrieb, "Europa muss Teil der Verhandlungen sein und sich stark zeigen", bekräftigte damit die ukrainische Grundlinie: Kein Friedensprozess ohne europäische Beteiligung. Das ist eine direkte Reaktion auf die zeitweilige Tendenz in Trumps Umfeld, Europa bei den Verhandlungen zu umgehen. Das Londoner Format, bekannt als E3-plus-Ukraine, ist kein neues Format, aber es gewinnt an Bedeutung, je länger die US-Führung abgelenkt ist.
Im Zentrum standen nach übereinstimmenden Berichten die Luftabwehr und die Frage der Sicherheitsgarantien. Die sogenannte "Coalition of the Willing", geführt von London und Paris, sieht vor, im Falle eines Waffenstillstands oder Friedensabkommens Sicherheitsgarantien für die Ukraine bereitzustellen. Diese würden nach dem Konzept der Pariser Erklärung vom Januar 2026 militärische Fähigkeiten, Geheimdienstkooperation und logistische Unterstützung umfassen. 35 Länder, darunter 27 Staats- und Regierungschefs, hatten beim Pariser Gipfel im Januar dieses Jahres verbindliche Sicherheitszusagen vereinbart. Ob und in welchem Umfang europäische Truppenpräsenz auf ukrainischem Boden Teil dieser Garantien wäre, blieb in früheren Gesprächen offen. Das Londoner Treffen sollte diesen Rahmen konkreter fassen. Macron und Merz verließen die Runde nach einigen Stunden, Starmer führte die Gespräche mit Selenskyj anschließend bilateral fort.
Die Positionierung vor dem nächsten Schritt
Der eigentliche Grund für das Treffen liegt in der Zeitrechnung. Wenn Trumps Iran-Deal gelingt oder scheitert, könnte Washington bald wieder Kapazitäten für Ukrainevermittlung freimachen. Die europäische Diplomatie nutzt die jetzige Pause, um eigene Positionen zu setzen, bevor die USA erneut die Führung übernehmen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen nicht in einer Situation enden, in der Washington und Moskau Fakten schaffen und Europa nur noch ratifizieren kann.
Das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld begünstigt diese Positionierung. Ukrainische Drohnenangriffe auf St. Petersburg Anfang Juni haben gezeigt, dass die Ukraine trotz anhaltender russischer Vorstöße auf eigenem Territorium in der Lage ist, weit ins russische Kernland vorzudringen. Das "Logistics Lockdown"-Programm, bei dem KI-gestützte Drohnen systematisch russische Versorgungsrouten auf der Krim-Route angreifen, zielt auf die russische Logistikbasis. Gleichzeitig hat das US-Repräsentantenhaus am 4. Juni mit 226 zu 195 Stimmen den Ukraine Support Act verabschiedet, der acht Milliarden Dollar Militärkredite vorsieht. Der Senat hat bislang nicht abgestimmt und Trump würde das Gesetz aller Voraussicht nach vetieren. Der Beschluss ist dennoch ein Signal: Selbst in Washington sind nicht alle der Ukraine gleichgültig. 18 republikanische Abgeordnete stimmten gemeinsam mit den Demokraten für das Paket und trotzten damit Sprecher Mike Johnson und dem Weißen Haus.
Bis zum NATO-Treffen am 18. Juni
Das nächste konkrete Datum ist der 18. Juni in Brüssel, wenn die NATO-Verteidigungsminister tagen. Dort soll unter anderem über weitere Luftverteidigungslieferungen für die Ukraine entschieden werden. Frankreich hatte bereits im Rahmen der Coalition of the Willing angekündigt, dass nach einem Abkommen mehrere tausend europäische Soldaten auf ukrainischem Boden stationiert werden könnten. Ob das Londoner Treffen diese Zusage konkretisierte, war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Das grundlegende europäische Interesse bleibt klar: Die Europäer wollen vor dem nächsten Verhandlungsanlauf sicherstellen, dass sie einen eigenen Platz am Tisch haben, nicht nur einen Sitzplatz auf der Zuschauertribüne. Für Merz ist das auch innenpolitisch relevant: Deutschland hat seit dem Regierungswechsel erhebliche Mittel für die Ukraine zugesagt und eine der größten europäischen Rüstungshilfen geleistet. Dass dieser Beitrag beim Friedensabschluss keine Stimme ergibt, wäre gegenüber der eigenen Bevölkerung schwer zu begründen.
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