Beck sieht Parallelen zu Weimar: Was dahintersteckt
Kurt Beck, von 2006 bis 2008 SPD-Vorsitzender und 18 Jahre lang Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, hat gegenüber der Funke Mediengruppe eine ungewöhnlich direkte Warnung ausgesprochen: Er sehe in der aktuellen politischen Lage viele Parallelen zur Weimarer Republik. Drei Landtagswahlen im September geben diesem Satz eine konkrete Grundlage.
Die Wahlen, die alles entscheiden könnten
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Zwei Wochen später, am 20. September, folgen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gleichzeitig. Die Umfragen sind bemerkenswert.
In Sachsen-Anhalt liegt die AfD laut einer Infratest-dimap-Erhebung vom Mai 2026, die für Magdeburger Volksstimme, Mitteldeutsche Zeitung und MDR durchgeführt wurde, bei 41 Prozent. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze kommt auf 26 Prozent, die Linke auf 12 Prozent und die SPD auf 7 Prozent. In einer Direktwahl-Simulation führt Schulze vor AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund mit 36 zu 32 Prozent, aber eine stabile Regierungsmehrheit ohne die AfD ist nur mit einer Drei-Parteien-Koalition möglich.
In Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Lage für Ministerpräsidentin Manuela Schwesig noch deutlicher verschlechtert. Laut NDR-Umfrage vom Mai ist die SPD von 39 auf 27 Prozent gefallen, die AfD liegt bei 36 Prozent. Die rot-rote Mehrheit, auf der die Landesregierung seit 2021 beruht, ist nicht gesichert.
Laut einer YouGov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur rechnen 53 Prozent der Deutschen damit, dass die AfD nach einer der kommenden Landtagswahlen einen Ministerpräsidenten stellt. Das wäre ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Beck sagte, er fühle sich "sehr unwohl" mit Blick auf diese Wahlen. "Keine der demokratischen Parteien hat bisher ein Mittel gefunden gegen den Zulauf zur AfD, ich auch nicht", sagte er.
Wie weit der Weimarer Vergleich trägt
Die Weimarer Republik scheiterte nicht plötzlich. Die NSDAP lag bei der Reichstagswahl im Mai 1928 bei 2,6 Prozent. Im Juli 1932 war sie mit 37,3 Prozent die stärkste Partei im Reichstag. Zwischen diesen Daten lagen vier Jahre wirtschaftlicher Verelendung und die Unfähigkeit demokratischer Parteien, stabile Mehrheiten zu bilden. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Die strukturelle Parallele, die Beck benennt, bezieht sich auf den mittleren Punkt: Die demokratische Mitte verliert an Bindungskraft, während eine radikale Partei wächst und keine der etablierten Kräfte eine überzeugende Antwort findet. In Sachsen-Anhalt kommen CDU und SPD zusammen auf 33 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die SPD, die das Land seit 1998 führt, neun Prozentpunkte hinter der AfD.
Gleichzeitig hat der Vergleich klare Grenzen. Deutschland 2026 verfügt über das Grundgesetz und ein Bundesverfassungsgericht, das in mehr als sieben Jahrzehnten eine robuste demokratische Schutzarchitektur aufgebaut hat. Die Fünfprozenthürde verhindert die Parlamentszersplitterung. Die EU und die NATO binden Deutschland in multilaterale Strukturen ein, die auch politischen Wandel einschränken. Ein Systemsturz nach dem Muster von 1933 ist strukturell erheblich schwieriger. Was Beck meint, ist feiner: nicht die Katastrophe als Endpunkt, sondern den Prozess des Legitimationsverlusts als Anfang eines Weges, dessen weiterer Verlauf ungewiss ist.
Die Diagnose hinter dem historischen Vergleich
Beck richtete seine Warnung nicht an den politischen Gegner, sondern an seine eigene Partei. Das unterscheidet sie von Standardrhetorik. "Wir müssen diskutieren, was uns unsere Demokratie wert ist", sagte er. Und: Die Gefahr komme zwar auch von links, aber "die Gefahr von rechts ist unendlich viel größer".
In Mecklenburg-Vorpommern zeigt das Problem Kontur. Schwesig gilt als erfahrene Landeschefin, die SPD regiert das Land seit 1998. Der Absturz von 39 auf 27 Prozent in einer Legislatur ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Signal: Die Partei erreicht Wählerinnen und Wähler im Nordosten nicht mehr, die soziale Sicherheit und staatliche Ordnung wünschen, aber das Gefühl haben, weder das eine noch das andere ausreichend zu bekommen.
Die Abgrenzungspolitik gegenüber der AfD, die CDU und SPD gemeinsam verfolgen, hat ein inhaltliches Problem. Sie zieht eine Grenze, aber formuliert keine überzeugende Alternative. Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler, die im Rahmen des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Ostdeutschland untersuchen, beschreiben AfD-Unterstützung dort nur zum Teil als ideologisch gebunden. Größer ist der Anteil derjenigen, die keine der demokratischen Parteien mehr als repräsentativ für ihre Interessen wahrnehmen. Das ist ein anderes Problem als Radikalisierung. Es ist ein Vertrauensproblem.
Elf Wochen bis Sachsen-Anhalt: Was auf dem Spiel steht
Bis zum 6. September bleiben elf Wochen Wahlkampf. CDU-Ministerpräsident Schulze hat ausgeschlossen, mit der AfD zu koalieren. Rechnerisch ist eine stabile Regierung ohne die AfD nur mit einer Drei-Parteien-Koalition möglich, was angesichts der Umfragen ein sehr enges Fenster ist.
Im Herbst 2026 werden drei Fragen beantwortet, die nächsten Jahre prägen: Kann die CDU in Sachsen-Anhalt eine Mehrheit ohne AfD bilden? Kann die SPD in Mecklenburg-Vorpommern die Führung behalten? Und wie reagieren die demokratischen Parteien, wenn eine der Antworten nein lautet?
Beck hat keine dieser Antworten. Was er formuliert, ist die Frage selbst. Und die, das macht sein historischer Vergleich deutlich, ist dieselbe, die demokratische Gesellschaften schon einmal stellen mussten und nicht immer befriedigend beantwortet haben.
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