
Weniger befristete Jobs: Koalition will ausweiten
Quellen (5)
- Destatis: 2,2 Millionen Menschen befristet beschäftigtdestatis.de
- nw.de: Weniger befristete Jobs, Junge trifft es häufigernw.de
- onvista: Junge Menschen finden oft nur befristete Jobsonvista.de
- DGB: Befristungen abschaffen, nicht ausweitendgb.de
- t-online: Befristeter Arbeitsvertrag, Änderungen 2027t-online.de
Der deutsche Arbeitsmarkt hat ein jahrzehntelanges Problem auf eigene Faust gelöst, zumindest teilweise: Befristete Beschäftigung ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren gesunken. Laut einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts vom 13. August 2026 sind von den rund 36,5 Millionen Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 64 Jahren noch 2,2 Millionen befristet beschäftigt, das entspricht 6,0 Prozent. 2015 lag die Quote bei 7,0 Prozent, im Spitzenjahr 2018 sogar bei 8,3 Prozent. Dass die Zahlen sinken, hat nichts mit gesetzlichen Reformen zu tun. Und die Bundesregierung plant ausgerechnet jetzt, den Rahmen für Befristungen zu erweitern.
Warum der Rückgang passiert
Der Rückgang ist kein politischer Erfolg, sondern eine Marktreaktion. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in seinen Erhebungen festgestellt, dass der wachsende Arbeitskräftemangel Unternehmen zwingt, attraktivere Vertragsbedingungen anzubieten. Wer als Arbeitgeber nur befristete Stellen anbietet, verliert den Wettbewerb um qualifizierte Bewerber. In Branchen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel, etwa in der IT oder im Handwerk, ist befristete Beschäftigung heute faktisch kein Instrument mehr.
Der Anteil befristeter Verträge bei Neueinstellungen lag laut IAB im Jahr 2025 noch bei 26 Prozent. Das bedeutet: Mehr als jede vierte Neueinstellung ist immer noch befristet. Der Rückgang des Gesamtanteils erklärt sich auch dadurch, dass langjährig Beschäftigte mit festen Verträgen die wachsende Basis bilden.
Junge Menschen: Ausnahme von der Verbesserung
Die sinkende Durchschnittsquote verdeckt eine strukturelle Benachteiligung junger Arbeitnehmer. In der Altersgruppe 15 bis 25 Jahre arbeiteten laut Destatis 18,3 Prozent der Erwerbstätigen befristet. Bei den 25- bis 35-Jährigen lag die Quote bei 10,2 Prozent, also noch deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 6,0 Prozent.
Besonders stark betroffen sind Branchen, in denen der öffentliche Dienst oder projektbezogene Finanzierung dominieren: In Bildung und Erziehung waren 11,2 Prozent der Beschäftigten befristet, im Gastgewerbe 8,8 Prozent und in Kunst und Unterhaltung 8,2 Prozent. Die Befristungsquoten in diesen Bereichen sind strukturell bedingt: Universitäten und Schulen sind auf Haushaltsmittel angewiesen, die oft nur für ein oder zwei Jahre genehmigt werden. Junge Wissenschaftler und Erzieherinnen zahlen den Preis für Haushaltsplanung, die keine langfristigen Personalentscheidungen zulässt.
Hauptgründe für Befristungen nach Angaben der Arbeitgeber: Die Vertretung anderer Mitarbeiter (34 Prozent der Fälle) und temporäre Budgetfinanzierung (17 Prozent). Planungsunsicherheit im öffentlichen Sektor ist damit der eigentliche Treiber, nicht ein struktureller Bedarf der Wirtschaft.
Was die Koalition plant
Während der Arbeitsmarkt die Befristungsquote organisch senkt, plant die Koalition eine Gesetzesänderung, die in die entgegengesetzte Richtung wirken würde. Geplant ist nach Informationen aus Koalitionskreisen die Verlängerung sachgrundloser Befristungen von derzeit 24 auf 48 Monate. Sachgrundlose Befristung bedeutet: Ein Arbeitgeber kann einen Mitarbeiter bis zu einer bestimmten Zeit befristet einstellen, ohne dafür einen konkreten Grund angeben zu müssen.
Die Gewerkschaften lehnen das einhellig ab. DGB-Vizechef Stefan Körzell fordert die vollständige Abschaffung sachgrundloser Befristungen: "Befristungen abschaffen, nicht ausweiten." Verdi-Chef Frank Werneke nannte die geplante Ausweitung "nicht akzeptabel." DGB-Chefin Yasmin Fahimi bezeichnete die Pläne als "unnötigen Einschnitt" in die Rechtssicherheit von Beschäftigten.
Die Bundesregierung hat die Ausweitung mit dem Argument begründet, dass Unternehmen mehr Flexibilität bräuchten, um Personalentscheidungen langfristig vorzubereiten. Die Gewerkschaften kontern: Wer fast vier Jahre als Mitarbeiter dabei ist, hat bewiesen, dass er dauerhaft gebraucht wird. Eine 48-monatige Befristung ist faktisch eine Probezeit, die fast so lang ist wie ein Studium.
Was Beschäftigte und Markt riskieren
Ökonomen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung weisen darauf hin, dass Befristungen tendenziell zu niedrigeren Löhnen und weniger Weiterbildungsinvestitionen führen. Wer nicht weiß, ob der Vertrag verlängert wird, kann sich kaum auf ein Unternehmen einlassen und Unternehmen investieren wenig in befristet Beschäftigte.
Für den Arbeitsmarkt wäre eine gesetzliche Lockerung ein Signal, das dem bisherigen Trend entgegenwirkt: Wenn Unternehmen wieder leichter befristete Verträge auf 48 Monate verlängern könnten, würde der Druck, unbefristete Stellen anzubieten, abnehmen. Die Marktkorrektur, die der Arbeitskräftemangel ausgelöst hat, würde durch eine Gesetzesänderung zumindest teilweise rückgängig gemacht.
Abstimmung geplant für Frühjahr 2027
Der Gesetzentwurf zur Verlängerung sachgrundloser Befristungen ist noch nicht im Bundestag eingebracht. Nach Informationen aus dem Bundesarbeitsministerium ist eine Kabinettsbefassung für Anfang 2027 geplant, die Abstimmung im Bundestag soll im zweiten Quartal 2027 stattfinden. Gewerkschaften haben angekündigt, bis dahin eine öffentliche Kampagne gegen die Pläne zu organisieren. Ob die Koalition die parlamentarische Mehrheit sichern kann, ist nach aktuellem Stand unsicher. Innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion gibt es nach Berichten des Handelsblatts erheblichen Widerstand gegen die Ausweitung.
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