Weniger Gift, mehr Biologie: Der Wandel im Pflanzenschutz
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Weniger Gift, mehr Biologie: Der Wandel im Pflanzenschutz

Biologische Pflanzenschutzmittel wachsen schneller als jedes andere Segment der Agrochemie. 72 Prozent aller befragten Agrarhändler planen laut CropLife 2026, ihr Biologika-Angebot auszuweiten. Was das für Böden, Erträge und die Frage nach weniger Chemie auf unseren Tellern bedeutet.

19. Juli 2026, 11:02 Uhr 731 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer in deutschen Supermärkten auf Pestizidfreiheit achtet, hat bislang wenig Auswahl. Die meisten Gemüse- und Obstsorten werden im konventionellen Anbau mit synthetischen Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden behandelt. Doch auf dem Acker beginnt ein Richtungswechsel: Biologische Pflanzenschutzmittel wachsen schneller als jedes andere Segment der Agrochemie. Laut der CropLife-Jahresumfrage 2026 planen 72 Prozent aller befragten Agrarhändler in den USA, ihr Biologika-Angebot in der kommenden Saison auszuweiten.

Was biologische Pflanzenschutzmittel sind

Die Kategorie umfasst drei Produktgruppen. Biostimulanzien steigern die Nährstoffaufnahme und die Stresstoleranz von Pflanzen, ohne Schädlinge direkt zu bekämpfen. Biologische Dünger ersetzen oder ergänzen synthetische Stickstoff- und Phosphordünger durch Mikroorganismen, die Nährstoffe im Boden verfügbar machen. Biopestizide bekämpfen Schädlinge und Krankheiten durch natürliche Wirkstoffe oder lebende Mikroorganismen statt durch chemische Synthese.

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Laut CropLife-Umfrage 2026 dominieren Biostimulanzien mit 50 Prozent Marktanteil bei den Agrarhändlern, gefolgt von biologischen Düngern mit 32 Prozent und Biopestiziden mit 18 Prozent. Beim Vergleich mit der chemischen Industrie bleibt der Abstand noch erheblich: Der globale Markt für synthetische Pestizide liegt nach Schätzungen von Fortune Business Insights bei über 60 Milliarden US-Dollar, der gesamte Biologika-Markt derzeit bei 16 bis 19 Milliarden US-Dollar.

Warum sich das Tempo 2026 beschleunigt

Mehrere Faktoren treiben das Wachstum gleichzeitig. Die EU-Pflanzenschutzstrategie im Rahmen von Farm to Fork sieht bis 2030 eine Halbierung des Einsatzes chemischer Pestizide vor. Verschärfte Zulassungsbedingungen für synthetische Wirkstoffe erhöhen den Druck auf Hersteller, Alternativen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Gleichzeitig haben die großen Agrochemiekonzerne den Kurs gewechselt. Corteva Agriscience, laut CropLife-Umfrage mit 39 Prozent Händleranteil Marktführer im Biologika-Bereich, kündigte 2025 mit Goltrevo das erste eigene Bioinsektizid auf Basis des Pilzes Beauveria bassiana an. BASF und FMC investieren ebenfalls in eigene Biologika-Portfolios. Allein im Biostimulanzien-Segment sind weltweit mehr als 350 Anbieter aktiv.

Hinzu kommen sinkende Entwicklungskosten. Synthetische Pflanzenschutzmittel brauchen im Schnitt zehn bis zwölf Jahre und rund 300 bis 450 Millionen US-Dollar bis zur Marktreife. Biologische Wirkstoffe durchlaufen oft kürzere Zulassungswege, weil Behörden sie als geringeres Risiko einstufen. Das zieht kleinere Forschungsunternehmen an, die früher keine Chance gegen die Chemiekonzerne gehabt hätten.

Was biologische Mittel für Böden und Erträge bedeuten

Der agronomische Nutzen ist messbar. Eine 2025 in der Fachzeitschrift Frontiers in Insect Science veröffentlichte Studie zeigt, dass kombinierte Programme aus Biopestiziden und synthetischen Mitteln höhere Erträge und bessere Produktqualität ermöglichen als rein chemische Behandlungen. Agribusiness Global dokumentiert für einen Betrieb in Kansas einen Ertragszuwachs von rund 30 Prozent nach dem Umstieg auf ein vollständig biologisches System bei gleichzeitig verringertem Chemikalieneinsatz.

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Für den Boden wirken biologische Dünger langfristiger als synthetische Alternativen. Mykorrhizapilze und stickstoffbindende Bakterien wie Rhizobium bauen im Boden Strukturen auf, die synthetische Dünger nicht hinterlassen. Eine 2025 in Discover Agriculture (Springer Nature) erschienene Übersichtsarbeit zeigt, dass biostimulante Mikroorganismen Erträge nicht nur stabilisieren, sondern auch Trockenstress und Hitzestress abpuffern. Angesichts häufigerer Extremsommer wird das zum entscheidenden Argument für Landwirte in trockengefährdeten Regionen.

Im Vergleich: Wo Biologika schon Standard sind

In Sonderkulturen haben biologische Mittel bereits einen signifikanten Marktanteil. Im Weinbau in Frankreich, Deutschland und Spanien ist die Bekämpfung von Botrytis-Pilzen mit biologischen Fungiziden auf Basis von Trichoderma-Stämmen gängige Praxis. In niederländischen Gewächshäusern liegt der Anteil biologischer Nützlinge bei der Schädlingsbekämpfung bereits nahezu bei 100 Prozent.

Zum Maßstab: Weltweit ist die ökologisch bewirtschaftete Fläche auf fast 99 Millionen Hektar angewachsen, nach Daten des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) für 2023. Der Bioanbau war über Jahrzehnte das einzige großflächige Experimentierfeld für biologische Pflanzenschutzmittel. Was dort gelernt wurde, fließt jetzt in den konventionellen Anbau zurück. Corteva, BASF und FMC bringen gezielt Produkte auf den Markt, die nicht nur auf Biobetrieben, sondern auch auf konventionellen Betrieben mit konventionellen Ertragserwartungen funktionieren sollen.

Was die Ausbreitung auf Getreide und Soja bremst

Sonderkulturen und Bioanbau sind eine Sache. Die andere ist der konventionelle Großflächenanbau von Weizen, Mais, Soja und Raps. Hier ist die Biologika-Adoption laut CropLife-Umfrage 2026 noch sehr ungleichmäßig. Die Autoren beschreiben das als The Row Crop Conundrum.

Die Hürden sind technischer und wirtschaftlicher Natur. Biologische Wirkstoffe haben oft kürzere Haltbarkeit, sind empfindlicher gegenüber Lagertemperaturen und reagieren stärker auf Witterungsbedingungen als synthetische Chemikalien. Ein 2026 in der Fachzeitschrift Plants, People, Planet (Wiley) erschienener Review nennt inkonsistente Formulierungen und fragmentierte regulatorische Rahmenbedingungen als die größten Hindernisse für die Skalierung auf Großflächen.

Solange diese Lücken nicht geschlossen sind, werden Landwirte auf Großflächen nur dann umsteigen, wenn Ertragsrisiken minimiert und Beratungsstrukturen aufgebaut sind. Corteva und BASF setzen auf digitale Agronomie-Plattformen, die biologische Mittel in Gesamtanbausysteme integrieren und damit Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit steigern sollen. Bis diese Integration für Massengetreide ebenso funktioniert wie für Weintrauben oder Tomaten, ist noch ein langer Weg. Aber die Richtung ist gesetzt.

Quellen (9)

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