Kapitalrente: IMK sieht 250.000 Jobs in Gefahr
Peter Bofinger war dabei, als die Rentenkommission im Juni ihren Bericht mit 33 Reformvorschlägen einstimmig beschloss. Jetzt nennt der Ökonom und Kommissionsmitglied die Kapitalrente öffentlich „tatsächlich das Hauptproblem” des Kompromisses. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat die Folgen modelliert: Die neue Beitragskomponente zur Kapitalanlage könnte Deutschland ab 2028 bis zu einem Prozent Wirtschaftswachstum und rund 250.000 Arbeitsplätze kosten, bevor der Kapitalstock überhaupt Erträge ausschüttet.
Was die Kapitalrente ist und was sie soll
Die Kapitalrente ist der dritte Kern des Rentenkommissions-Pakets neben der Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren und der Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Sie funktioniert so: Ab 2028 sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur Hälfte einen zusätzlichen Beitrag von zunächst 0,5 Prozent des Bruttolohns in einen staatlich verwalteten Kapitalfonds einzahlen. Dieser Anteil steigt schrittweise auf zwei Prozent. Das Geld wird am Kapitalmarkt investiert. Die Erträge sollen ab den 2040er Jahren in die Rentenversicherung zurückfließen und den steigenden Beitragssatz dämpfen.
Das Vorbild ist Schweden. Dort existiert seit den 1990er Jahren eine verpflichtende Fondssparkomponente, die Beitragszahler über Jahrzehnte am Zinseszinseffekt beteiligt. Die Rentenkommission argumentiert, ohne Kapitalanlage werde der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung allein durch die Demografie bis 2040 auf über 22 Prozent steigen. Aktuell liegt er bei 18,6 Prozent.
Die Doppelzahlungs-Falle
Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK und Mitglied des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsinstituts WSI, beschreibt das strukturelle Problem der Kapitalrente mit einem Begriff, der sich in der Debatte verbreitet hat: „Doppelt zahlen.” Arbeitnehmer müssen in der Aufbauphase zwei Lasten gleichzeitig schultern. Erstens den bestehenden Rentenbeitrag für die laufenden Renten der älteren Generation im Umlageverfahren. Zweitens den neuen Kapitalrentenbeitrag, mit dem sie ihren eigenen künftigen Kapitalstock aufbauen.
Dullien formuliert es so: „Der Aufbau des Kapitalstocks macht die Stabilisierung des Rentenniveaus kurz- und mittelfristig teurer, nicht billiger.” Der Fonds muss erst gefüllt werden, bevor er ausschüttet. In der Zwischenzeit entzieht der Zusatzbeitrag den Arbeitnehmern Kaufkraft, die sie nicht für Konsum und Investitionen zur Verfügung haben. Das bremst die Wirtschaft in einem Zeitraum, in dem der demografische Druck ohnehin bereits hoch ist.
Bofinger schätzt den wirtschaftlich dämpfenden Effekt auf dreiviertel Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts. Das IMK modelliert die Gesamtwirkung konservativer: etwa ein Prozent BIP-Wachstumsverlust und rund 250.000 weniger Arbeitsplätze ab 2028, wenn die Kapitalrente wie vorgesehen eingeführt wird. Zur Einordnung: Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands lag 2025 laut Statistischem Bundesamt bei rund 4,5 Billionen Euro. Ein Prozent entspricht rund 45 Milliarden Euro jährlich in der Anlaufphase.
Der Einwand aus der Kommission selbst
Was den Einwand von Bofinger von externer Kritik unterscheidet: Er hat das Paket mitunterzeichnet. Das einstimmige Votum der 13 Kommissionsmitglieder, das Kanzler Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas am 23. Juni als politische Grundlage für alle 33 Reformvorschläge präsentierten, schließt Bofinger ein. Die Einstimmigkeit war das wichtigste Verkaufsargument für das Paket. Sie soll verhindern, dass Koalitionspartner einzelne Vorschläge herausbrechen und den Rest ablehnen.
Bofinger bestätigt öffentlich, mitunterzeichnet zu haben und nennt den Kern des Pakets gleichzeitig das Hauptproblem. Das ist kein Widerspruch, sondern die Erklärung, wie Kompromissabkommen funktionieren: Man unterzeichnet das Gesamtpaket, weil die Alternativen schlechter sind und benennt trotzdem, was man für falsch hält. Kommissionsmitglied Camille Logeay formuliert dieselbe Logik neutral: „Wenn man eine Kapitalrente möchte, ist das der Preis.”
IMK und WSI schlagen eine andere Priorisierung vor: Die Rentenniveaustabilisierung ließe sich auch über eine Verlängerung der bestehenden Haltelinie erreichen, mit entsprechender Beitragssatzanhebung, aber ohne Kapitalmarktkomponente. Die Gesamtbelastung wäre nach den Modellen des Instituts niedriger, weil das Doppelzahlungsproblem entfiele. Die OECD, die Kommissionsvorschläge grundsätzlich gelobt hat, empfiehlt zusätzlich, auch Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Das hatte die Kommission bewusst ausgeklammert.
Die Kritik, die im Koalitionsausschuss fehlt
DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi hatte die Gewerkschaften aus der Regierungskommission herausgehalten und eine Gegenkommission eingesetzt. Die DGB-Kommission veröffentlicht ihren Bericht im Sommer. Verdi-Chef Frank Werneke nannte die Abschaffung der Frührente eine Missachtung der Lebensleistung körperlich Beschäftigter. Die IG Metall warnte vor Widerstand aus den Betrieben. Die Kritik von Dullien und Bofinger ist davon grundverschieden: Sie richtet sich nicht gegen den politischen Kurs, sondern gegen die fiskalische Mechanik der Kapitalrente.
Diese technische Kritik ist für den Koalitionsausschuss am 1. Juli schwieriger zu integrieren als politische Opposition. Merz und Bas haben versprochen, alle 33 Empfehlungen umzusetzen. Die Kritik sagt nicht, dass das Ziel falsch ist. Sie sagt, dass der Weg dahin teurer ist, als die Kommission es in ihren Szenarien darstellt. Die Annahmen über zukünftige Kapitalmarktrenditen bezeichnet Bofinger als „auffällig optimistisch”.
Vor dem 1. Juli: Was der Ausschuss entscheiden muss
Merz hat das Reformpaket als Einheit definiert: Wer die Kapitalrente ablehnt, lehnt das ganze Paket ab. Das schützt das Paket vor partieller Zerstückelung, schafft aber auch eine Blockadedrohung. Die SPD steht unter Druck: Sie hat der Abschaffung der Frührente intern nie zugestimmt und muss jetzt Gewerkschaften erklären, warum sie trotzdem mitmacht. Die Kapitalrente-Kritik von IMK und Bofinger liefert der SPD-Fraktion wirtschaftliche Argumente, um Nachverhandlungen zu fordern, ohne das Gesamtpaket öffentlich ablehnen zu müssen.
Am 10. Juli geht der Bundestag in die Sommerpause. Was bis dahin nicht steht, kommt frühestens im Herbst. Gesetzentwürfe nach der Sommerpause bis Ende 2026 hat Bas als Zeitplan genannt. Ob die Kapitalrente in der beschlossenen Form in diesen Gesetzentwurf eingeht oder noch verändert wird, entscheidet sich zwischen dem 1. und dem 10. Juli.
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