Burnham in Makerfield: Starmers härteste Prüfung
Wenn britische Regierungsparteien ihren Premier mitten in der Amtszeit wechseln wollen, brauchen sie keine Neuwahl. Sie brauchen einen Abgeordneten, der als Kandidat zugelassen wird und 80 Stimmen aus der eigenen Fraktion. Andy Burnham hat am 18. Juni die erste Bedingung erfüllt: Er gewann die Nachwahl in Makerfield mit 54,8 Prozent. Premierminister Keir Starmer weiß jetzt, dass seine Kandidatur weder durch ein Parteigremium noch durch einen Kalender gestoppt werden kann.
Sommer 2024: Der Sieg und seine Versprechen
Im Juli 2024 gewann Labour die britische Unterhauswahl mit 412 Sitzen, eine parlamentarische Mehrheit, die das Land seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Starmer versprach, Großbritannien nach 14 Jahren konservativer Regierung zu erneuern: Wirtschaftswachstum, ein funktionierendes Gesundheitssystem, sinkende Lebenshaltungskosten.
Geliefert wurde wenig davon. Das Wirtschaftswachstum blieb schwach, der National Health Service kämpfte weiter mit Rekordwartelisten, die Energiekosten stiegen. Hinzu kamen Pannen in der Regierungsführung und konstant schlechte Umfragewerte für Starmer persönlich. Was als Aufbruch galt, wirkte zwei Jahre später wie eine verpasste Chance.
Mai 2026: Die Quittung der Kommunalwahlen
Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 2026 verlor Labour mehr als 1.400 Ratssitze im ganzen Land. Reform UK unter Nigel Farage erzielte massive Gewinne in Gebieten, die Labour als sicheres Stammland betrachtet hatte. Für eine Partei, die erst zwei Jahre zuvor mit einer historischen Mehrheit gewählt worden war, war das Ausmaß außergewöhnlich.
Bis zum 14. Mai hatten 97 Labour-Abgeordnete schriftlich Starmers Rücktritt oder einen konkreten Terminplan für seine Ablösung gefordert. Gesundheitsminister Wes Streeting, einer der prominentesten Köpfe des Kabinetts, sondierte nach Bloomberg-Informationen aktiv Unterstützer für eine formale Herausforderung. Die Fraktion war gespalten.
Der Simons-Schachzug: Ein Abgeordneter gibt sein Mandat auf
In diesem Klima legte Josh Simons, Abgeordneter für Makerfield, am 14. Mai sein Mandat nieder. Sein erklärtes Ziel: Andy Burnham, damals noch Bürgermeister von Greater Manchester, die Rückkehr ins Unterhaus zu ermöglichen.
Labour-Regelwerk schreibt vor, dass nur Mitglieder des Unterhauses die Parteiführung formell herausfordern können. Dafür werden die Nominierungen von mindestens 80 Abgeordneten benötigt. Burnham hatte keine Möglichkeit, ins Parlament zu gelangen, solange keine Nachwahl anstand.
Starmer hatte kurz zuvor versucht, genau das zu verhindern. Das National Executive Committee (NEC), das zentrale Labour-Parteigremium, lehnte Burnhams Kandidatur für eine frühere Nachwahl im Wahlkreis Gorton and Denton mit acht gegen eine Stimme ab. Starmer ließ ausrichten, Burnham könne als Abgeordneter kandidieren, wenn seine Bürgermeisteramtszeit in Manchester 2028 ende. Simons' Rücktritt machte diesen Aufschub zunichte.
Nicht alle Labour-Abgeordneten begrüßten das Manöver. Fünfzig Partei-MPs unterzeichneten laut Medienberichten einen Brief gegen die Entscheidung. Starmers Unterstützer warfen Burnhams Lager vor, die Partei in einer ohnehin schwierigen Phase zusätzlich zu destabilisieren.
18. Juni 2026: 54,8 Prozent trotz Reform-Welle
Am Donnerstag gewann Andy Burnham Makerfield mit einem Ergebnis, das alle veröffentlichten Umfragen übertraf. Keine einzige Prognose hatte ihn über 50 Prozent gesehen. Reform-UK-Kandidat Rob Kenyon landete bei 34,5 Prozent. Restore Britain, eine weitere Rechtsaußen-Partei, kam auf 6,8 Prozent.
Das Ergebnis ist politisch bemerkenswert, weil Reform UK in denselben Regionen bei den Kommunalwahlen im Mai erhebliche Gewinne eingefahren hatte. Burnham hielt diesen Trend auf, statt von ihm mitgerissen zu werden.
Burnham, 56 Jahre alt, war von 2009 bis 2010 Gesundheitsminister unter Premierminister Gordon Brown. Er kandidierte 2010 und 2015 erfolglos um die Labour-Führung. Als Bürgermeister von Greater Manchester von 2017 bis 2026 gewann er überregionale Bekanntheit durch seine Konfrontationen mit der Zentralregierung während der COVID-Pandemie. Sein Spitzname lautet seither „König des Nordens“.
Nach der Wahl erklärte Burnham, Labour habe eine „letzte Chance zur Veränderung“. Auf eine direkte Frage nach einer Führungsherausforderung antwortete er, er schließe nicht aus, „was in Zukunft passieren mag“.
80 Stimmen und Starmers Gegenzug
Für die Einleitung einer formalen Führungsherausforderung braucht Burnham die schriftlichen Nominierungen von mindestens 80 Labour-Abgeordneten. Da bereits 97 MPs im Mai Starmers Abgang gefordert hatten, scheint diese Schwelle rechnerisch erreichbar. Burnham hat öffentlich noch keine Unterstützerliste präsentiert und noch keine Kampagne gestartet.
Starmer erklärte nach dem Makerfield-Ergebnis, er werde an einem innerparteilichen Votum teilnehmen, wenn es dazu kommt. Mehrere Kabinettsmitglieder haben sich öffentlich hinter ihn gestellt. Seine Strategie scheint zu sein, keine formale Herausforderung auszulösen, sondern Burnham unter Druck zu setzen, sich zu erklären.
Wenn Burnham die 80 Stimmen einsammelt und Starmer sich stellt, entscheiden am Ende die Labour-Mitglieder. Bei einer Mitgliederabstimmung, für die Burnhams Zustimmungswerte an der Parteibasis deutlich höher sind als Starmers, wäre der Ausgang offen. Makerfield hat die Frage nach dem Labour-Premier nicht beantwortet. Es hat sie nur konkreter gemacht.
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