
CDU-Bürgermeister spendet 10.000 Euro an AfD
Quellen (8)
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- Volksstimmevolksstimme.de
- Handelsblatthandelsblatt.com
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- ZEIT Onlinezeit.de
- T-Online (Umfragen)t-online.de
- ZEIT Online (Ostdeutschland Wahlen)zeit.de
- Wahlrecht.dewahlrecht.de
Siebzehn Tage vor der Sachsen-Anhalt-Wahl setzt ein 35-jähriges CDU-Mitglied ein provokantes Zeichen: Bernd Prange, Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe in der Verbandsgemeinde Seehausen und Kreisrat im Landkreis Stendal, hat 10.000 Euro an die AfD gespendet und schriftlich zur Wahl der Partei aufgerufen. Er schreibt, es sei ein bewusster Schritt aus tiefer Sorge um sein Land. Was ihn von anderen CDU-Kritikern unterscheidet: Er will aus der Partei ausgeschlossen werden und sagt das offen.
Sachsen-Anhalt: CDU bei 22, AfD bei 42 Prozent
Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Aktuelle Umfragen sehen die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei 42 bis 43 Prozent, die CDU mit Amtsinhaber Sven Schulze bei 22 bis 23 Prozent. Das Verhältnis hat sich seit der Wahl 2021 nahezu umgekehrt: Damals holte die CDU 37,1 Prozent, die AfD 20,8 Prozent.
Die AfD Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Wegen der Fünf-Prozent-Hürde könnte sie trotzdem mit deutlich weniger als 50 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit der Landtagssitze erringen, wenn andere Parteien scheitern. Das wäre historisch ohne Präzedenz: Noch nie hat eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist, in der Geschichte der Bundesrepublik eine Landesregierung geführt.
Ein Brief, der aufrütteln soll
Bernd Prange ist 59 Jahre alt, Fuhrunternehmer aus dem Landkreis Stendal und seit mehr als drei Jahrzehnten CDU-Mitglied. Als Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe in der Verbandsgemeinde Seehausen ist er ein gewählter kommunaler Amtsträger. In einem Brief, der mehreren Medien vorliegt, erklärt er seine Entscheidung: Die CDU bewege sich Schritt für Schritt nach links und ziehe die Brandmauer zur AfD immer höher. Seine konservativen Werte, darunter Leistung, Ordnung, Sicherheit und wirtschaftliche Vernunft, fühle er in der CDU zunehmend nicht mehr repräsentiert.
Die Spende von 10.000 Euro erfolgte in zwei Tranchen zu je 5.000 Euro. Die AfD Sachsen-Anhalt bestätigte gegenüber der dpa den Eingang. Prange fügte eine ausdrückliche Wahlempfehlung für die AfD bei und fordert zugleich die Absetzung von CDU-Chef Friedrich Merz. Gefragt, was er von möglichen Konsequenzen hält, antwortete er dem Magazin Focus: Ich will, dass sie mich rauswerfen.
CDU leitet Parteiausschlussverfahren ein
Mario Karschunke, Generalsekretär der CDU Sachsen-Anhalt, kündigte umgehend ein Parteiausschlussverfahren an und bezeichnete den Vorgang als sehr schwerwiegend in parteirechtlicher Hinsicht. SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese kommentierte, Prange verlasse damit die demokratische Mitte.
Die CDU gerät dabei in eine argumentative Zwickmühle: Sie muss ein Verfahren einleiten, das genau dem entspricht, was Prange anstrebt. Wer öffentlich seinen eigenen Ausschluss fordert, signalisiert, dass der Partei der letzte formale Hebel fehlt. Das Verfahren dauert in der Regel Monate und wird vor dem Wahltag am 6. September nicht abgeschlossen sein. Prange bleibt vorerst formell CDU-Mitglied und gewählter kommunaler Bürgermeister.
Die Brandmauer und ihre Risse
Pranges Schritt ist kein isoliertes Phänomen. Er verdichtet eine Spannung, die in der CDU Ostdeutschlands schon länger schwelt. Heiko Strohmann, Vorsitzender der Bremer CDU und selbst ostdeutscher Herkunft, warf Merz Anfang August vor, die Partei mit der Brille eines Sauerländers zu führen. Er kritisierte, wie die Partei mit ostdeutschen Landesverbänden vor schwierigen Wahlen umgehe. Strohmann blieb in der Partei. Prange geht weiter.
Die Brandmauer zur AfD, die CDU und CSU propagieren, wird von unten brüchig. Ein CDU-Kommunalpolitiker der ersten Stunde, der nicht heimlich, sondern mit öffentlichem Brief und Spendenquittung zur AfD wechselt, sendet ein Signal: Dieser Schritt ist möglich. Er ist erklärbar. Man ist tief besorgt, nicht radikalisiert.
Was dabei selten thematisiert wird: Verfassungsschutzbeobachtung bedeutet kein Wahlverbot. Solange kein Parteiverbotsverfahren anhängig ist, ist die Stimmabgabe für die AfD rechtlich unproblematisch. Der Bundestagsantrag 2024 scheiterte, ein neues Verfahren ist nicht eingeleitet. Pranges Schritt stößt in eine Grauzone, in der die CDU mit moralischen Argumenten operiert, während formale Instrumente fehlen.
Interessant ist auch das Muster hinter den Zahlen. Zwischen 2021 und 2026 verlor die CDU in Sachsen-Anhalt etwa 15 Prozentpunkte. Ein beträchtlicher Teil davon floss zur AfD. Politikwissenschaftler sprechen von einem strukturellen Wählerwanderungsprozess, der sich über mehrere Wahlzyklen vollzogen hat und nicht durch moralischen Appell umkehrbar ist. Prange verkörpert diesen Prozess als Person: Er hat in der CDU begonnen und steht jetzt auf der anderen Seite. Was ihn von anderen unterscheidet, ist lediglich, dass er den Schritt öffentlich vollzieht.
17 Tage bis zum 6. September
Die Koalitionslogik nach der Wahl bleibt für die CDU schwierig. Schulze hat Koalitionen mit AfD und Linken ausgeschlossen. SPD, Grüne und FDP ringen jeweils noch um den Einzug. Ob eine Mehrheit gegen die AfD rechnerisch möglich ist, hängt davon ab, wie viele dieser Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überspringen.
Bernd Prange ist keine Schlüsselfigur dieses Wahlkampfs. Was ihn relevant macht, ist die Präzision seiner Inszenierung: ein langjähriges Mitglied, das mit Begleitbrief, Spendenbeleg und einer klaren Aufforderung an die eigene Partei, ihn auszuschließen, einen Akt medialer Sichtbarkeit vollzieht. In einem Wahlkampf, der von der CDU Sachsen-Anhalts alle Kräfte verlangt, kommt das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Moralische Verurteilung bestätigt dabei nur, was Prange sagen will: dass die CDU seinen Werten nicht mehr zuhört.
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