
ADHS: Erste neue Wirkstoffklasse seit Jahrzehnten
Quellen (12)
- Otsuka Pharmaceutical: FDA Approval Press Releaseotsuka-us.com
- Drugs.com: FDA Approves Simtriyo for ADHDdrugs.com
- Psychiatric Times: FDA Approves Centanafadinepsychiatrictimes.com
- ADDitude Magazine: Centanafadine FDA Approvaladditudemag.com
- Neurology Advisor: FDA Approves Simtriyoneurologyadvisor.com
- PharmExec: FDA Approves Otsuka's Simtriyopharmexec.com
- Medscape: FDA Approves First NDSRI for ADHDmedscape.com
- Medical Daily: New ADHD Drug Carries Two Boxed Warningsmedicaldaily.com
- Dr. Patricia Pop MD: Simtriyo Clinical Analysispatriciapopmd.com
- FiercePharma: FDA Approves Otsuka ADHD Drug Simtriyofiercepharma.com
- Add Resource Center: ADHD Medication Response Ratesaddrc.org
- Child Mind Institute: Non-Stimulant ADHD Medicationschildmind.org
Rund 20 bis 30 Prozent der Menschen mit ADHS sprechen auf Stimulanzien nicht an oder vertragen sie nicht. Für diese Gruppe gab es jahrzehntelang kaum Alternativen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat am 24. Juli 2026 Simtriyo (Wirkstoff: Centanafadine) des japanischen Pharmaunternehmens Otsuka zugelassen, als erstes Medikament einer völlig neuen pharmakologischen Klasse für ADHS.
Die Lücke in der ADHS-Therapie
ADHS gilt als eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Erwachsenen. Schätzungen zufolge sind weltweit 5 bis 7 Prozent der Schulkinder und 2,5 bis 4 Prozent der Erwachsenen betroffen. Das therapeutische Rückgrat seit Jahrzehnten: Stimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin, Concerta) und Amphetaminderivate (Adderall, Vyvanse). Sie wirken für die Mehrheit, aber für einen erheblichen Anteil eben nicht.

Laut Auswertungen des Add Resource Center sprechen rund 30 Prozent der Patienten auf Methylphenidat nicht ausreichend an. Kontraindikationen für Stimulanzien bestehen außerdem bei Herzrhythmusstörungen, unkontrolliertem Bluthochdruck sowie bestimmten Tic- und Angststörungen. Für diese Gruppe stand bislang vor allem Atomoxetin (Strattera) zur Verfügung, das als selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wirkt, aber vier bis sechs Wochen bis zum Wirkungseintritt braucht. In Deutschland ist Atomoxetin seit 2005 zugelassen; Viloxazin (Qelbree), ein weiteres Non-Stimulanzium mit anderer Mechanik, hat bisher keine EMA-Zulassung erhalten. Damit ist die Wahlmöglichkeit hierzulande für Stimulanzien-unverträgliche Patienten besonders begrenzt.
Was Centanafadine von Stimulanzien unterscheidet
Centanafadine ist der erste zugelassene Noradrenalin-Dopamin-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (NDSRI) überhaupt. Das Wirkprinzip unterscheidet sich von allem, was bislang in der ADHS-Therapie eingesetzt wird: Das Medikament blockiert gleichzeitig die Wiederaufnahme der Botenstoffe Noradrenalin, Dopamin und Serotonin, ohne sie aktiv auszuschütten. Stimulanzien hingegen triggern einen raschen Dopaminstoß. Die Medizinerin Patricia Pop, die das Profil von Simtriyo klinisch analysiert hat, ordnet Centanafadine als deutlich stärker noradrenalin-dominant ein: Der Transporter für Noradrenalin wird zu 64 bis 82 Prozent belegt, Dopamin-Transporter zu etwa 47 Prozent, Serotonin-Transporter zu 44 Prozent.
Die Zulassung stützt sich auf vier randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studien, die Kinder ab 6 Jahren (Mindestgewicht 20 Kilogramm), Jugendliche und Erwachsene einschlossen. In allen vier Studien wurden die primären Wirksamkeitsziele erreicht. In den Erwachsenenstudien lagen die Verbesserungen auf den ADHS-Symptomskalen bei 2,7 bis 5,6 Punkten gegenüber Placebo, mit messbarer Wirkung bereits ab der ersten Woche. Der Vorteil gegenüber Atomoxetin liegt damit weniger in der Größe des Effekts als in der Geschwindigkeit des Wirkungseintritts.
Trotz des neuen Mechanismus hat die FDA Simtriyo als zentrales Nervensystem-Stimulans klassifiziert, weil Studien zur Missbrauchsneigung entsprechende Eigenschaften zeigten. Die endgültige DEA-Einstufung als kontrollierte Substanz war bei Zulassung noch ausstehend; Otsuka kündigte die kommerzielle Verfügbarkeit für das zweite Halbjahr 2026 an. Zwei Boxed Warnings begleiten das Präparat. Erstens: In der sechswöchigen Kinderstudie traten Suizidgedanken oder -versuche bei 0,7 Prozent der Kinder unter Centanafadine auf, gegenüber keinem Kind in der Placebogruppe. Kinder und Jugendliche sollen während der Behandlung engmaschig überwacht werden. Zweitens gilt die Standardwarnung für kontrollierte Substanzen zu Missbrauchs- und Suchtpotenzial.
Im Vergleich: Wie selten neue Wirkmechanismen für ADHS sind
Wer die aktuelle Zulassung einordnen will, muss wissen, wie selten wirklich neue Mechanismen in der ADHS-Therapie auftauchen. Bis 2002 gab es ausschließlich Stimulanzien. Im November 2002 ließ die FDA Atomoxetin (Strattera) von Eli Lilly als erstes Non-Stimulanzium zu, damals ein Einschnitt für Patienten ohne Stimulanzien-Option. Die Ansprechrate liegt bei 55 bis 64 Prozent der Kinder und 40 bis 56 Prozent der Erwachsenen, nach heutigem Vergleich mit Stimulanzien eher bescheiden.

2021 kam Viloxazin (Qelbree) in den USA zunächst für Kinder und Jugendliche (6 bis 17 Jahre) hinzu; die Zulassung für Erwachsene folgte im April 2022. Es hemmt Noradrenalin und wirkt zusätzlich als partieller Serotonin-Agonist. Ein klinischer Vorteil gegenüber Atomoxetin: kein CYP2D6-Metabolismus, damit weniger Wechselwirkungen mit häufig verschriebenen Antidepressiva wie Fluoxetin. Die Kosten ohne Versicherung: 360 bis 530 US-Dollar pro Monat. In Deutschland ist Viloxazin bis heute nicht zugelassen.
Centanafadine fügt nun einen dritten Mechanismus hinzu. Es wird über Monoaminoxidase A metabolisiert, nicht über CYP2D6. Das bedeutet: Fluoxetin und Paroxetin, bei ADHS-Patienten mit komorbiden Depressionen häufig eingesetzte Wirkstoffe, senken den Centanafadine-Spiegel nicht ab, wie es bei Atomoxetin der Fall ist. Ob dieser pharmakologische Unterschied klinisch relevant ist, wird sich in der Praxis zeigen.
Drei Hürden bis zur Apotheke
Ob Simtriyo die Versorgungslücke für ADHS-Patienten ohne Stimulanzienoption tatsächlich schließt, hängt von drei Faktoren ab.
Erstens die DEA-Einstufung: Ohne abgeschlossene Einstufung in den US-Betäubungsmittelstatus ist das Medikament nicht in Apotheken erhältlich. Otsuka hat die Markteinführung für 2026 angekündigt, ein konkretes Quartal aber nicht genannt.
Zweitens die Erstattung: Krankenversicherungen in den USA verlangen typischerweise den dokumentierten Therapieversuch mit günstigeren Generika, bevor sie neuere Präparate erstatten. Für Patienten mit medizinischen Kontraindikationen gegen Stimulanzien ist dieser Nachweis aufwändig. Vergleichspräparate wie Qelbree kosten ohne Versicherung 360 bis 530 US-Dollar monatlich.
Drittens die internationale Zulassung: Eine Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA liegt nicht vor. Wann und ob Simtriyo in Deutschland verfügbar wird, ist offen. Für Patienten in Deutschland, denen weder Stimulanzien noch Atomoxetin helfen, bleibt die therapeutische Auswahl damit fürs Erste unverändert.
Kommentare