ChatGPT verliert erstmals die Mehrheit im KI-Markt
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ChatGPT verliert erstmals die Mehrheit im KI-Markt

Erstmals seit seinem Launch fällt ChatGPT unter die 50-Prozent-Marke im weltweiten Markt für KI-Assistenten. Auslöser ist nicht nur Googles aggressive Android-Integration, sondern auch OpenAIs umstrittener Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium.

26. Juni 2026, 18:42 Uhr 729 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 28. Februar 2026 stiegen die ChatGPT-Deinstallationen laut Sensor Tower um 295 Prozent gegenüber dem Vortag auf ein Allzeithoch. OpenAI hatte einen Tag zuvor bekannt gegeben, seinen KI-Assistenten dem US-Verteidigungsministerium zur Verfügung zu stellen. Der im Juni 2026 veröffentlichte „State of AI 2026”-Bericht des Marktforschungsunternehmens zeigt nun, was aus dem Markt wurde: ChatGPT liegt erstmals unter 50 Prozent Marktanteil. Die abgewanderten Nutzer sind nicht zurückgekehrt.

Von 80 auf 46 Prozent: Der Abstieg in Zahlen

ChatGPT war die am schnellsten wachsende App in der Geschichte digitaler Plattformen. Sie erreichte die erste Milliarde monatlich aktiver Nutzer schneller als TikTok, YouTube und Instagram. Im Februar 2024 kontrollierte OpenAIs Chatbot über 80 Prozent des Markts für KI-Assistenten, gemessen an der sogenannten True Audience, einer um Mehrfachzählungen bereinigten Reichweite. Im Januar 2025 waren es noch 60,1 Prozent.

Ende Mai 2026 stehen laut Sensor Tower nur noch 46,4 Prozent zu Buche. ChatGPT hat damit zum ersten Mal seit seinem Launch im November 2022 die Mehrheit im Markt verloren. Google Gemini folgt mit 27,7 Prozent, Anthropic Claude mit 10,3 Prozent. Grok, Perplexity, DeepSeek und Meta AI teilen sich die restlichen Anteile auf.

Pentagon-Vertrag und Android-Vorsprung: Zwei verschiedene Wachstumsmotoren

Der Rückgang von ChatGPT hat einen klar datierbaren Ausgangspunkt. Am 27. Februar 2026 gab OpenAI bekannt, seine KI-Modelle dem US-Verteidigungsministerium zur Verfügung zu stellen, einschließlich des Einsatzes in klassifizierten Netzwerken. Die Nutzerreaktion war unmittelbar: Am Folgetag stiegen die Deinstallationen um 295 Prozent gegenüber dem Vortag.

Noam Brown, KI-Forscher bei OpenAI, äußerte öffentlich Bedenken. Er warnte vor „schleichenden Gewöhnungseffekten, bei denen demokratische Prozesse für wichtige politische Entscheidungen umgangen werden” und kündigte an, sich stärker in OpenAIs KI-Politikentscheidungen einzubringen. Sam Altman räumte ein, die ursprüngliche Ankündigung sei „überstürzt und schlecht kommuniziert” gewesen. OpenAI ergänzte den Vertrag nachträglich: KI darf nicht zur inländischen Überwachung eingesetzt werden, Geheimdienste wie die NSA sind ausgeschlossen.

Viele der abgewanderten Nutzer wechselten zu Anthropic Claude. Das Unternehmen hatte eine Partnerschaft mit dem Pentagon öffentlich abgelehnt, was die Abwanderung beschleunigte. Claudes True Audience wuchs bis Mai 2026 um 452 Prozent im Jahresvergleich. In den USA stieg Claudes Marktanteil von 4,4 Prozent auf knapp 14 Prozent. 245 Millionen monatlich aktive Nutzer verbringen durchschnittlich 120 Minuten pro Monat mit Claude, mehr als mit Google Gemini (100 Minuten).

Gemini wächst auf einem anderen Weg: durch strukturelle Integration. Ab Android 17 ist Gemini direkt ins Betriebssystem eingebettet. Die 662 Millionen monatlich aktiven Nutzer und 27,7 Prozent Marktanteil entstehen so ohne aktive Nutzerakquisition. Dass Googles Vertriebsarchitektur mindestens so viel über Marktanteile entscheidet wie Modellleistung, ist die wohl überraschendste Erkenntnis des Sensor-Tower-Berichts.

ChatGPT kommt trotz sinkenden Marktanteils auf 1,1 Milliarden monatlich aktive Nutzer und liegt mit 215 Minuten Nutzungszeit pro Monat deutlich vor Claude (120 Minuten) und Gemini (100 Minuten). Das deutet darauf hin, dass die verbleibenden Nutzer tiefer gebunden sind als jene, die wechselten.

Positionierung schlägt Leistung

Der KI-Markt folgt anderen Regeln als erwartet. Technische Überlegenheit entscheidet weniger als Distribution und öffentliche Positionierung. Anthropics Abonnement-Konversionsrate liegt bei 13 Prozent, dem höchsten Wert unter allen großen KI-Assistenten. Das Unternehmen zieht ein Nutzersegment an, das für Datenschutz und ethische KI-Entwicklung überdurchschnittlich zahlungsbereit ist.

Anthropic legte im Juni 2026 eine weitere Zahl vor: Claude schreibt inzwischen über 80 Prozent des eigenen Produktionscodes. Vor dem Launch von Claude Code in der Forschungsvorschau im Februar 2025 lag dieser Wert noch im einstelligen Bereich. Die durchschnittliche Ingenieurproduktivität bei Anthropic stieg im Vergleich zu 2024 auf das Achtfache, wie das Unternehmen in einem Essay unter dem Titel „When AI builds itself” beschrieb.

Der Gesamtmarkt wächst unterdessen stark. Nutzer weltweit verbrachten in der ersten Jahreshälfte 2026 über 36 Milliarden Stunden mit KI-Tools, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum (17,2 Milliarden Stunden). Die In-App-Ausgaben für KI-Anwendungen stiegen von 1,83 Milliarden auf über 4,2 Milliarden Dollar.

Anthropics IPO im Oktober als Nagelprobe für den Markt

Am 1. Juni 2026 reichte Anthropic beim US-Wertpapieraufsichtsorgan SEC seine Börsenprospekt-Unterlagen ein, begleitet von Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley. Ein Nasdaq-Börsengang ist für Oktober 2026 geplant. Es wäre der erste IPO eines großen KI-Labors überhaupt und ein erster Belastungstest dafür, wie der Kapitalmarkt rapides Wachstum ohne Profitabilität in der KI-Branche bewertet.

Für OpenAI laufen die Marktdaten derweil kommentarlos durch. Das Unternehmen betont stattdessen die absoluten Nutzerzahlen: 1,1 Milliarden monatlich aktive Nutzer und eine Nutzungstiefe, die Konkurrenten noch nicht erreicht haben. Ob ein neues Modell im zweiten Halbjahr 2026 den Marktanteilsrückgang stoppen kann, ist offen. Der Markt hat gezeigt, dass technische Überlegenheit allein nicht genügt.

Quellen (11)

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