Reiche fordert in Peking Zugang zu seltenen Erden
Wirtschaft

Reiche fordert in Peking Zugang zu seltenen Erden

Mit 35 Firmenchefs flog Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Ende Mai nach Peking. China kontrolliert 55 Prozent der deutschen Importe seltener Erden und hat seit April 2025 Exportlizenzpflichten für sieben kritische Materialien eingeführt. Konkrete Ergebnisse brachte die Mission nicht, machte aber die industrielle Verwundbarkeit Deutschlands sichtbar.

2. Juni 2026, 21:03 Uhr 778 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Dysprosium ist ein Element, das kaum jemand kennt, aber jedes Elektroauto und jedes Windrad braucht. China kontrolliert 99 Prozent des weltweiten Angebots an schweren seltenen Erden, darunter Dysprosium, Neodym und Terbium. Ende Mai reiste Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit 35 Firmenchefs nach Peking, um das zu verändern. Herausgekommen ist Dialog. Was die Mission offenbart, ist keine Schwäche der Diplomatie, sondern eine Schwäche der deutschen Industriestruktur, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.

Was seltene Erden eigentlich sind

Der Begriff ist irreführend: Die 17 Elemente der Seltenen Erden sind geologisch gar nicht selten. Selten ist ihre Konzentration in abbaubaren Lagerstätten und selten ist die Bereitschaft, sie umweltaufwendig zu fördern. China hat beides übernommen. Das Land kontrolliert nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 99 Prozent des weltweiten Angebots an schweren seltenen Erden und 93 Prozent der Versorgung mit Permanentmagneten.

Für Deutschland bedeutet das: 55,4 Prozent der Importe seltener Erden kamen 2025 aus China, ein leichter Rückgang gegenüber 65,4 Prozent im Vorjahr, aber noch weit von Diversifizierung entfernt. Das jährliche Importvolumen beläuft sich auf rund 5.500 Tonnen im Wert von 77,6 Millionen Euro. Die Abhängigkeit ist nicht nur ökonomisch, sie ist technologisch.

Dysprosium etwa ist unverzichtbar für Hochleistungsmagnete in Elektromotoren, die hitzebeständig sein müssen. Neodym steckt in jedem Windrad und jedem Elektromotor. Gallium wird in Nachtsichtgeräten, Radaranlagen und 5G-Chips verbaut. Germanium findet sich in Satelliten und Hochfrequenzhalbleitern. Ein Premiumfahrzeug enthält bis zu 70 dieser kleinen Elektromotoren.

Warum China jetzt Lizenzen vergibt

Im April 2025 führte China Exportlizenzpflichten für sieben seltene Erden und daraus gefertigte Magnete ein. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Peking reagierte damit auf die amerikanischen Zollerhöhungen der Trump-Regierung. Für die EU-Industrie, die nicht Partei dieses Konflikts ist, wurde sie dennoch Kollateralschaden. Seitdem müssen deutsche Unternehmen, die Material aus China beziehen, sensible Produktionsdaten offenlegen: Prozessparameter, Lieferantenidentitäten, Dosierungsmengen. Chinas Behörden erhalten damit tiefe Einblicke in europäische Produktionsketten.

Reiche traf in Peking den chinesischen Handelsminister Wang Wentao und Vize-Minister Zhou Chuncheng. Sie forderte Reziprozität: vergleichbare Marktzugangsbedingungen für deutsche Unternehmen in China, wie sie China umgekehrt in Deutschland genießt. Die taz kommentierte die Mission als "schwierigen Balanceakt zwischen Dialog und Konfrontation", ohne greifbare Abmachungen.

Was das konkret für die Industrie bedeutet

Die Nachfrageentwicklung macht das Problem langfristig drängender. Laut einer Analyse der Bundesakademie für Sicherheitspolitik könnte die europäische Nachfrage nach Neodym bis 2040 auf das Dreifache des aktuellen Niveaus ansteigen. Der Bedarf an Dysprosium könnte sogar auf 687 Prozent der Primärproduktion von 2018 klettern, angetrieben durch Elektrofahrzeuge und Offshore-Windanlagen.

Recycling erscheint als Ausweg, hat aber strukturelle Grenzen. Laut EU-Kommission kann Sekundärgewinnung maximal 20 Prozent des künftigen Bedarfs decken. Die physikalischen Gegebenheiten sind ungünstig: Seltene Erden in Produkten sind winzig dosiert, schlecht trennbar und teuer rückzugewinnen. Große Mengen landen derzeit im Hausmüll oder in minderwertigen Schrottfraktionen.

LobbyControl und der Verein Deutsche Umwelthilfe kritisieren, dass die Bundesregierung die Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen durch ihre Industriepolitik selbst verstärkt hat. Die Priorität auf Elektroautos ohne begleitende Rohstoffstrategie habe die Verwundbarkeit erhöht, ohne die Lieferketten abzusichern.

Drei Alternativen, die alle Zeit brauchen

Das EU Critical Raw Materials Centre soll 2026 seine Arbeit aufnehmen. Es soll europäische Bedarfe koordinieren, gemeinsame Einkaufsstrategien ermöglichen und Recyclinginfrastruktur aufbauen. Parallel versucht die EU, Lieferpartnerschaften mit Ländern wie Australien, Kanada und Namibia zu vertiefen, die eigene Seltenerdvorkommen haben, aber noch keine ausgebaute Verarbeitungsindustrie.

Eigene europäische Förderung wäre eine dritte Option. Schweden hat im Norden das größte bisher bekannte Seltenerd-Vorkommen Europas im Kiruna-Komplex identifiziert. Der Weg von der Entdeckung zur Produktion dauert aber zehn bis fünfzehn Jahre und ist kostspielig. Bis dann Kapazitäten aufgebaut sind, bleibt China der unverzichtbare Lieferant.

Reiche sagte nach ihrer Rückkehr, sie habe Wege ausgelotet, "auf die sich unsere Unternehmen verlassen können". Was das konkret bedeutet, blieb offen. Der nächste Test kommt früher als geplant: Wenn China die Exportlizenzen ab 2027 verschärft, wie Pekinger Berater andeuten, werden die Puffer der deutschen Industrie schnell sichtbar.

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