Cispa: Wie China ins deutsche Cyberzentrum gelangte
In der Forschungsgruppe von Michael Backes, dem Gründungsdirektor des deutschen Spitzenzentrums für Cybersicherheit, kamen 18 von 19 Wissenschaftlern aus China. Fünf der sieben Universitäten mit direkten Verbindungen zur chinesischen Rüstungsindustrie waren unter den Kooperationspartnern. Als das Handelsblatt diese Zahlen am 20. Juni veröffentlichte, war Backes 72 Stunden später beurlaubt. Was die Affäre seitdem offenbart, ist die Geschichte einer jahrelangen institutionellen Blindheit, für die der Bund bezahlte und die er gleichzeitig verdoppeln wollte.
Cybersicherheit als Einfallstor
Cispa wurde 2011 an der Universität des Saarlandes gegründet und zählt heute zu den führenden Cybersicherheitsforschungszentren in Europa. Als Teil der Helmholtz-Gemeinschaft erhält es öffentliche Förderung von Bund und Land Saarland; das Forschungsprofil umfasst KI-Sicherheit, Kryptografie und Datenschutztechnologien. Genau diese Felder haben unmittelbare Relevanz für staatliche Überwachungssysteme und Cyberangriffe.
Zwischen 2020 und 2025 entstanden an Cispa 123 gemeinsame Publikationen mit Forschern aus China, die Verbindungen zu sicherheitskritischen Institutionen unterhielten. In der Forschungsgruppe von Direktor Michael Backes, die sich mit KI-Sicherheit, Datenschutz und maschinellem Lernen befasst, stammten nach Recherchen des Handelsblatt 18 von 19 Mitgliedern aus China. Eine zweite Gruppe an der Schnittstelle von maschinellem Lernen und Datenschutz setzte sich ausschließlich aus chinesischen Wissenschaftlern zusammen, die ihrerseits Verbindungen zu kritischen Institutionen in China unterhielten.
Die Sieben Söhne der nationalen Verteidigung
Das eigentliche Problem liegt in Chinas Forschungsstruktur. Fünf der sieben sogenannten Sieben Söhne der nationalen Verteidigung waren laut Handelsblatt unter den Kooperationspartnern von Cispa vertreten. Zu diesen chinesischen Eliteuniversitäten zählen die Beihang-Universität in Peking und die Northwestern Polytechnical University in Xi'an, die direkt unter der Aufsicht des Ministeriums für Industrie und Informationstechnik (MIIT) stehen. Das MIIT beaufsichtigt gleichzeitig Chinas Rüstungsindustrie. Eine institutionelle Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung existiert dort nicht.
Zusätzlich flossen Drittmittel aus chinesischen Förderprogrammen in die Arbeit der Gruppen: Das New Generation Artificial Intelligence Major Project und das National Key Technology Research and Development Program sind staatliche Programme, die China bis 2030 zur dominierenden KI-Weltmacht machen sollen. Wer Fördergeld aus diesen Programmen erhält, arbeitet faktisch im Auftrag chinesischer Industriepolitik.
Warnungen, die niemand hörte
Das Unbehagen war in deutschen Sicherheitsbehörden seit Langem bekannt. Der Verfassungsschutz hatte Cispa ausdrücklich als mögliches Ziel chinesischer Geheimdienste benannt. BSI-Präsidentin Claudia Plattner kommentierte die Affäre nach Bekanntwerden der Vorwürfe unverblümt: Die Probleme bei Cispa seien dem BSI seit Langem bekannt und klar.
Das Correctiv-Netzwerk hatte bereits im April 2026 enthüllt, dass die Bundesregierung seit 2016 keine zentrale statistische Erhebung über sensible deutsch-chinesische Forschungskooperationen führt. Wer also im Ministerium hätte entschieden eingreifen wollen, hatte schlicht keinen Überblick über den Umfang des Problems. Trotzdem beschloss das Bundesforschungsministerium, die jährliche Förderung für Cispa von 48 Millionen um rund 45 Millionen Euro zu erhöhen. Die Entscheidung war gefallen, bevor das Handelsblatt seine Recherche veröffentlichte.
Business Insider berichtete ergänzend, dass der Verfassungsschutz explizit vor der Fördererhöhung gewarnt hatte. Die Warnung wurde nicht zum Stopp der Entscheidung genutzt.
Suspendierung nach 72 Stunden
Als das Handelsblatt am 20. Juni seine Recherche veröffentlichte, verteidigte Backes zunächst das Vorgehen des Instituts. Es habe lange Zeit keinen klaren gesellschaftlichen oder politischen Konsens im Umgang mit China gegeben, sagte er. Cispa selbst wies die Vorwürfe in einer Erklärung zurück.
Doch die Reaktion der Träger fiel schnell aus. Rund 72 Stunden nach der Veröffentlichung, am 23. Juni, suspendierten Bund und Land Saarland Backes gemeinsam mit sofortiger Wirkung. Ein unabhängiger Sonderprüfer soll untersuchen, ob Sicherheitsprotokolle verletzt wurden, ob sensible Daten oder Forschungsergebnisse weitergegeben wurden und ob die Kontrollverfahren des Instituts der strategischen Bedeutung seiner Forschung gerecht wurden. Cispa bestätigte sowohl die Beurlaubung als auch die Einsetzung des Prüfers in einer Pressemitteilung vom 23. Juni.
Strukturelle Lehren, nicht nur ein Einzelfall
Die Affäre erreichte rasch den Bundestag. Die SPD-Fraktion forderte eine Befassung im Digitalausschuss. Sicherheitspolitiker von Union und Grünen äußerten sich besorgt; ein hochrangiges Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums nannte das Thema eine sicherheitspolitische Frage höchster Priorität. Das Bundesforschungsministerium steht nun unter Druck, aus dem Fall strukturelle Konsequenzen zu ziehen.
Diskutiert werden strengere Auflagen für Drittmittel aus China, verpflichtende Risikoabschätzungen vor Kooperationsvereinbarungen und ein verbindlicher Kriterienkatalog nach Vorbild der bestehenden DAAD-Checkliste. Doch auch dieser Ansatz setzt voraus, was derzeit fehlt: einen systematischen Überblick darüber, wo und in welchem Umfang sensible Forschung mit chinesischer Beteiligung stattfindet.
Der Correctiv-Befund, dass die Bundesregierung seit 2016 keine zentrale Statistik über solche Kooperationen führt, macht deutlich, worüber der Bundestag wirklich diskutieren müsste: nicht über Cispa als Ausnahmefall, sondern über ein Überwachungssystem, das systematisch blind war. Die Frage ist nicht, ob es weitere Fälle gibt. Die Frage ist, wie viele bereits bekannt wären, wenn jemand hingeschaut hätte.
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