Cottbus: Mordermittlung nach Brandanschlag auf queeres Wohnprojekt
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Cottbus: Mordermittlung nach Brandanschlag auf queeres Wohnprojekt

Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes nach einem Brandanschlag auf das Cottbuser Wohnprojekt 'Zelle 79'. Es ist der dritte Angriff in wenigen Monaten. Cottbus hat in Brandenburg die höchste Dichte queerfeindlicher Gewalt, der CSD findet am 11. Juli statt.

5. Juli 2026, 9:01 Uhr 812 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wenn Menschen schlafen und Brandsätze gegen die Hausfassade fliegen, lautet der Straftatbestand versuchter Mord. Das ist in Cottbus in der Nacht zum 2. Juli passiert. Das alternative Wohnprojekt 'Zelle 79' war in den Monaten zuvor bereits zweimal mit Pyrotechnik angegriffen worden. Diesmal ermittelt die Polizei wegen Mordverdachts, Brandenburgs Innenminister Jan Redmann hat eine spezialisierte Ermittlungsgruppe eingesetzt und in sechs Tagen findet in der Stadt der CSD statt.

Was in der Nacht zum 2. Juli geschah

An der Fassade der 'Zelle 79' hingen ein CSD-Plakat und eine Regenbogenfahne, als die Angreifer kamen. Zwei Männer zwischen 15 und 20 Jahren warfen nach ersten Polizeierkenntnissen mehrere Flaschen mit Brandbeschleuniger gegen das Gebäude. Einer trug eine Sturmmaske in Schwarz-Weiß-Rot. Das Feuer konnte gelöscht werden, niemand wurde verletzt. Weil Bewohner im Haus schliefen, stufte die Polizei die Tat als versuchten Mord ein. Die Tatverdächtigen sind unbekannt, die Polizei geht davon aus, dass sie aus dem rechtsextremistischen Spektrum stammen.

'Zelle 79' ist kein einmaliges Ziel. In den Monaten zuvor wurden Eingangsbereiche des Wohnprojekts bereits mit Feuerwerk beschädigt und pyrotechnische Angriffe auf das Gebäude verübt. Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) sprach am Tag nach dem Brandanschlag bei einer Mahnwache von dem zweiten oder dritten Übergriff auf dieses Haus und forderte harte strafrechtliche Konsequenzen: Es sei völlig inakzeptabel, dass Menschen bedroht würden, weil sie anders leben wollten.

Häufigster Tatort für queerfeindliche Gewalt in ganz Brandenburg

Cottbus ist in dieser Hinsicht kein Zufall. Bei queerfeindlichen Straftaten wird die Stadt laut einer Anfrage im Brandenburger Landtag häufiger als Tatort genannt als jede andere Kommune im Bundesland. Für das Jahr 2024 verzeichnete Cottbus 19 queerfeindliche Straftaten. Potsdam, die Landeshauptstadt und mit fast doppelt so vielen Einwohnern deutlich größer, kommt auf 10. Die Zahl queerfeindlicher Übergriffe in ganz Brandenburg stieg zwischen 2024 und 2025 von 19 auf 33, ein Zuwachs von mehr als 70 Prozent binnen eines Jahres.

Die Beratungsstelle Opferperspektive Brandenburg dokumentierte für 2025 insgesamt 290 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Gewalttaten im Bundesland, mehr als fünf pro Woche. Einen direkten Zusammenhang zwischen Wahlergebnis und Gewalthäufigkeit lässt sich statistisch nicht herstellen. Die politische Rahmung jedoch ist eindeutig: Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte die AfD in Cottbus 39 Prozent der Erststimmen, der höchste Wert unter allen brandenburgischen Großstädten. Redmann nannte bei der Ankündigung der Ermittlungsgruppe ein Milieu mit vielen jungen Menschen, die bereit seien, Gewalt anzuwenden und durch symbolische Akte Aufmerksamkeit zu suchen.

Als symbolische Ziele gelten in Cottbus nicht nur queere Wohnprojekte. Die Ermittlungsbehörden registrierten in den vergangenen Monaten auch antisemitische Schmierereien an der Synagoge sowie Angriffe auf alternative Jugendclubs. Das Muster ist konsistent: Orte, die als nicht zum rechtsextremen Weltbild passend wahrgenommen werden, werden gezielt attackiert.

Ermittlungsgruppe gebildet, Betroffene fühlen sich alleingelassen

Redmanns Reaktion war schnell. Noch am 2. Juli veröffentlichte das Brandenburger Innenministerium eine Pressemitteilung, in der er die Brandanschläge verurteilte und die Bildung einer spezialisierten Ermittlungsgruppe ankündigte. Deren Auftrag: mögliche Verbindungen zwischen verschiedenen Vorfällen klären und prüfen, ob dieselben Täter hinter mehreren Angriffen stecken. Zum CSD am 11. Juli ist erhöhter Polizeischutz angekündigt, inklusive Shuttlebussen für einen sicheren Abtransport der Teilnehmer.

In der betroffenen Community klingt das anders. ZDF-Recherchen ergaben, dass Menschen in Cottbus, die Ziele rechtsextremer Übergriffe wurden, sich von Behörden und Politik alleingelassen fühlen. Strafanzeigen blieben teilweise ohne erkennbare Konsequenzen, Beratungsangebote waren nicht immer zugänglich. Das Lager der Betroffenen organisiert sich deshalb zunehmend selbst, außerhalb formaler Strukturen.

OB Schick steht strukturell zwischen diesen Polen. Er sichert öffentlich Solidarität zu und erscheint bei Mahnwachen. Zugleich regiert er eine Stadt, in der die AfD fast zwei Fünftel der Wähler hinter sich hat und in der größere demokratische Veranstaltungen seit Jahren unter Polizeischutz stattfinden müssen. Das Cottbuser Stadtparlament kann Polizeistrategie und Strafverfolgung nicht direkt steuern, das liegt bei Land und Bund. Aber es setzt den politischen Rahmen, in dem Betroffene entscheiden, ob sie sich an die Stadt wenden.

Bis zum 11. Juli: Was die Ermittlungsgruppe klären muss

Am 11. Juli findet der CSD in Cottbus statt. Die Polizei meldet, bislang sei keine Gegendemonstration angemeldet. Das kann sich bis dahin ändern und die Ermittlungsgruppe hat einen engen Zeitrahmen. Wenn sich bestätigt, dass hinter den Angriffen auf 'Zelle 79', die Synagoge und die Jugendclubs dieselben oder vernetzten Täter stecken, handelt es sich nicht um spontane Einzeltaten, sondern um eine koordinierte Einschüchterungskampagne gegen plurales Leben in der Stadt.

Die praktische Frage für den CSD lautet: Genügt der angekündigte Polizeischutz, wenn die Täterstrukturen noch nicht aufgeklärt sind? Für die Veranstalter und die Teilnehmenden ist das keine abstrakte Frage. Cottbus hat seinen CSD in früheren Jahren unter erhöhtem Schutz durchgeführt, er hat trotzdem stattgefunden. Das ist ein Zeichen, das sich die Community bewusst setzt, auch wenn es von Polizeikorridoren umrahmt ist.

Quellen (11)

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