DAX plus acht: Was die Halbjahresbilanz verdeckt
Wirtschaft

DAX plus acht: Was die Halbjahresbilanz verdeckt

Der DAX gewann im ersten Halbjahr 2026 8,3 Prozent, hinter der Zahl steckt eine der ungewöhnlichsten Sektorentwicklungen seit Jahren. Rheinmetall verlor trotz Rüstungsdebatte 38 Prozent, Siemens Energy gewann 36 Prozent und die EZB erhöhte erstmals seit drei Jahren die Zinsen.

30. Juni 2026, 18:41 Uhr 872 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Der DAX gewann im ersten Halbjahr 2026 8,3 Prozent. Was diese Zahl nicht zeigt, ist die größte Einzelbewegung im deutschen Leitindex seit Jahren: Rheinmetall, Deutschlands wichtigster Rüstungskonzern, verlor trotz Rekordausgaben für Verteidigung in Europa 38,4 Prozent seines Börsenwerts. Die Erklärung liegt in einer gescheiterten Milliardenstrategie, die im Januar mit einer Firmenübernahme begann und im Juni mit einer Ministerentscheidung endete.

Wie der Verlierer des Halbjahres eine Milliardenwette verlor

Rheinmetall steht für das paradoxe Kernbild dieses Halbjahres. Der Düsseldorfer Konzern kaufte Anfang 2026 den Schiffbauer Naval Vessels Lürssen (NVL) für rund 1,5 Milliarden Euro. Es war ein direkter Vorstoß in den Marinemarkt, eine klare Wette auf den Rüstungsboom, den Ukrainekrieg und Irankonflikt ausgelöst hatten. Das Kalkül war nachvollziehbar: Das Bundesverteidigungsministerium plante den Bau von sechs neuen Fregatten des Typs F126, ein Auftrag mit einem Volumen von rund zwölf Milliarden Euro.

Am 24. Juni berichtete das Handelsblatt, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius das F126-Programm stoppen wolle. Stattdessen soll die Marine vier modernisierte Fregatten des Typs Meko 200 von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) erhalten, für rund 6,3 Milliarden Euro mit Option auf vier weitere. Die Begründung: erhebliche Verzögerungen, Kostensteigerungen und technische Risiken beim F126-Programm. Für Rheinmetall, das die NVL-Übernahme zu wesentlichen Teilen mit Blick auf genau diesen Auftrag getätigt hatte, war die Meldung ein Einbruch in die Unternehmensplanung. Die Aktie verlor an dem Tag bis zu 17 Prozent, der größte Tagesverlust seit mehr als zwei Jahrzehnten und fiel auf rund 951 Euro, den tiefsten Stand seit April 2025. Rheinmetall-Chef Armin Papperger hatte im Zuge der NVL-Übernahme prognostiziert, die Marinesparte werde ihren Umsatz von rund einer Milliarde Euro auf bis zu fünf Milliarden Euro bis 2030 steigern. Diese Planung steht nun grundlegend in Frage.

JPMorgan-Analyst David Perry nannte das Projektende „einen ernsthaften Rückschlag” und warnte, Rheinmetall könnte seine Auftragsziele für das zweite Quartal und das Gesamtjahr 2026 verfehlen. Der einzelne Kurseinbruch war Teil einer längeren Bewegung. Rheinmetall, der erfolgreichste DAX-Wert der Jahre 2023 und 2024, litt im gesamten ersten Halbjahr auch unter der geopolitischen Logik: Hoffnungen auf eine Entspannung im Irankonflikt, die den ZEW-Erwartungsindex im Juni ins Plus drehten, treffen Rüstungsaktien besonders hart. Wer Frieden erwartet, kauft keine Rüstungstitel.

Die Gewinner kommen aus einem anderen Deutschland

Siemens Energy ist das Spiegelbild zu Rheinmetall. Der Münchener Konzern, 2020 aus dem Siemens-Konzern ausgegliedert und 2023 nach Problemen bei der Windkrafttochter Gamesa auf staatliche Kreditbürgschaften angewiesen, gehört seit über einem Jahr zu den stärksten Werten im Leitindex. Im ersten Halbjahr 2026 legte die Aktie 35,9 Prozent zu, gestützt von der anhaltend hohen Nachfrage nach Stromnetzen, Transformatoren und Hochspannungsanlagen, dem Flaschenhals der Energiewende in Europa und Nordamerika.

Infineon Technologies erholte sich von den Schwächen des Jahres 2025: Der Chiphersteller aus Neubiberg hob im Mai seine Jahresprognose an und rechnet nun mit deutlich steigendem Umsatz und höherer Marge. RWE, der Energiekonzern, gewann rund vier Prozent.

Die Gemeinsamkeit dieser Gewinner: Sie profitieren nicht vom traditionellen deutschen Exportmodell, sondern von der Infrastruktur der Energiewende und vom Halbleiterzyklus. Die klassischen Stärken des deutschen Aktienmarkts standen dagegen unter Druck. Volkswagen verlor 25,8 Prozent, belastet durch den anhaltenden Wettbewerb im chinesischen Markt und die schleppende Transformation zum Elektroauto. Heidelberg Materials, Deutschlands größter Baustoffhersteller, verlor im Halbjahr rund 18 Prozent. Am 29. Juni fiel die Aktie um 8,75 Prozent, nachdem Analysten ihre Erwartungen nach einer Voranfrage für Halbjahreszahlen nach unten korrigierten. Automobilverband VDA und Industrieverband BDI warnten im Halbjahresverlauf mehrfach vor Standortnachteilen durch hohe Energiekosten und US-Zölle von 15 Prozent auf EU-Waren.

Die EZB erhöht zum ersten Mal seit drei Jahren die Zinsen

Der wirtschaftliche Rahmen dieses Halbjahres war von einem geldpolitischen Bruch geprägt. Am 11. Juni beschloss die Europäische Zentralbank, die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent zu erhöhen. Es war die erste Zinserhöhung seit September 2023, das Ende einer sieben Ratsentscheidungen umfassenden Haltephase. EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies auf die Inflation durch den Irankonflikt: Die Ökonomen der EZB prognostizieren für 2026 eine durchschnittliche Teuerungsrate von 3,0 Prozent, für 2027 von 2,3 Prozent.

Die Erhöhung traf eine deutsche Wirtschaft, die ohnehin unter Druck steht. Die EZB revidierte ihr Wachstumsszenario für Deutschland auf 0,8 Prozent für das laufende Jahr, begründet mit höheren Energiepreisen, die Realeinkommen und Unternehmensmargen belasten. Für exportabhängige Sektoren wie die Automobilindustrie kam der US-Handelsdruck hinzu.

Earnings-Saison entscheidet über die zweite Jahreshälfte

Am 22. und 23. Juli tagt der EZB-Rat erneut. Die Märkte warten auf zwei Signale: ob eine weitere Zinserhöhung folgt und was Lagarde auf der EZB-Konferenz in Sintra zur weiteren Geldpolitik sagt. Für den DAX ist die Antwort erheblich. Höhere Zinsen erhöhen den Diskontierungsdruck auf Wachstumstitel, stärken aber Finanzwerte.

Parallel startet im Juli die Berichtssaison für das zweite Quartal. Porsche führt am 10. Juli einen Vorab-Call durch, Volkswagen legt seine Halbjahreszahlen ebenfalls im Juli vor. Für Rheinmetall wird das zweite Quartal der erste Test sein, ob das Unternehmen seine Auftragsziele trotz des F126-Ausfalls halten kann oder ob JPMorgans Warnung zutrifft. Siemens Energy und Infineon müssen bestätigen, dass die starke erste Jahreshälfte kein Einzelsignal war.

Das erste Halbjahr 2026 liefert eine strukturelle Lehre über den DAX: Wer einen Aktienmarkt nur an der Indexzahl misst, versteht ihn kaum. Die 8,3 Prozent stehen für sehr unterschiedliche Dinge und das Interessanteste steckt in den Einzelwerten. Rheinmetall verlor, weil eine Marinevision scheiterte. Siemens Energy gewann, weil Europa Strom transportieren muss. Der Index ist eine Summe sehr ungleicher Geschichten.

Quellen (13)

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