Solarrekord treibt Erneuerbare auf 61,8 Prozent
Solaranlagen in Deutschland erzielten im ersten Halbjahr 2026 mit 43,2 Terawattstunden einen neuen Erzeugungsrekord, dazu legte Offshore-Wind um 28 Prozent zu. Zusammen kamen die erneuerbaren Quellen auf 61,8 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Ein konkreter wirtschaftlicher Nebeneffekt: Hohe Solarproduktion im Frühjahr entkoppelte die Strompreise zeitweise vom Gaspreis, der durch den Irankonflikt auf erhöhtem Niveau liegt.
Was die Zahl wirklich bedeutet
Der Anteil von 61,8 Prozent misst die öffentliche Nettostromerzeugung, also die Strommenge, die tatsächlich ins Netz eingespeist wird. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) ermittelt diesen Wert auf Basis seiner Energy-Charts-Plattform und veröffentlichte das Ergebnis Anfang Juli 2026. Eine zweite Messweise, die den Stromverbrauch inklusive Übertragungsverlusten einschließt, ergibt 58,5 Prozent. Der Bundesverband Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kommuniziert eine konsumbasierte Zahl von 58 Prozent. Die unterschiedlichen Werte messen dasselbe Phänomen aus verschiedenen Perspektiven.

Der Zuwachs gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 beträgt rund drei Prozentpunkte. Im ersten Quartal 2026 allein lagen die Erneuerbaren noch bei 53 Prozent des Verbrauchs. Der Sprung erklärt sich durch die Solarsaison von April bis Juni.
Solarenergie und Offshore-Wind brechen Rekorde
Solar lieferte 43,2 Terawattstunden im ersten Halbjahr 2026, zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Eine Terawattstunde entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch von rund 285.000 deutschen Haushalten. Gleichzeitig wurde neuer Ausbau vorangetrieben: 8,3 Gigawatt neue Photovoltaikkapazität kamen im ersten Halbjahr hinzu, nach 7,8 Gigawatt im Vorjahreszeitraum.
Offshore-Wind legte noch stärker zu: von 11,4 auf 14,6 Terawattstunden, ein Plus von 28 Prozent. Onshore-Wind wuchs von 48,7 auf 52,8 Terawattstunden (plus acht Prozent). Beide Wachstumszahlen profitieren von einer günstigeren Witterung als im Vorjahr. Der strukturelle Zubau ist trotzdem real: 2,5 Gigawatt neue Onshore-Windkapazität kamen im ersten Halbjahr 2026 hinzu, nach 2,2 Gigawatt im Vorjahreszeitraum. Auf See wurden bereits 0,9 Gigawatt neu installiert, während es im gesamten Jahr 2025 nur 0,5 Gigawatt waren.
Fossile Stromerzeugung stieg leicht
Trotz der Rekordwerte bei Erneuerbaren stieg die fossile Stromerzeugung im ersten Halbjahr 2026 leicht. Laut BDEW erzeugten konventionelle Kraftwerke aus Gas, Braunkohle und Steinkohle zusammen rund 111 Terawattstunden, gegenüber 109 Terawattstunden im Vorjahr. Ein Anstieg um knapp zwei Terawattstunden.

Das ist kein Rückschritt in alte Verhältnisse. Es spiegelt ein strukturelles Netzproblem: In Phasen ohne Wind und Sonne müssen Gaskraftwerke kurzfristig einspringen, weil Speicherkapazitäten und Netzverbindungen noch nicht ausreichen, um volatile Erzeugungslücken zu überbrücken. Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller nannte den Netzausbau-Rückstand als Hauptgrund dafür, dass die Behörde ihre Netzreserve erhöht hat. EWE-Netz-Chef Torsten Maus bezifferte die Wartezeiten für neue Netzanschlüsse in manchen Regionen auf bis zu zehn Jahre.
Deutschland im europäischen Vergleich
Deutschlands 61,8 Prozent Nettostromerzeugung sind beachtlich, aber nicht Spitze in Europa. Dänemark bezieht rund 92 Prozent seines Stroms aus emissionsarmen Quellen, davon rund 60 Prozent allein aus Windkraft. Damit führt das Land seit Jahren die europäischen Statistiken an. Deutschlands Ausgangslage ist strukturell schwieriger: höherer Industriestromverbrauch, größeres Territorium und eine historisch stärkere Abhängigkeit von Kohlekraftwerken.
Europaweit wächst Solarstrom am schnellsten. EU-weit erzeugte Photovoltaik im ersten Halbjahr 2026 netto 161 Terawattstunden, 20 Terawattstunden mehr als im Vorjahr. Seit 2015 hat sich die Solarstromerzeugung in der EU um 254 Prozent erhöht, wie Fraunhofer ISE auf Basis von Energy-Charts ermittelt hat. Dieser Wachstumstrend hat laut Fraunhofer ISE einen direkten Preiseffekt: In Hochsolarphasen des Frühjahrs 2026 entkoppelten sich die Strompreise am Spotmarkt weitgehend vom Gaspreis, der durch den Irankonflikt gestiegen ist.
Das Nadelöhr auf dem Weg zur 80-Prozent-Marke
Das Ziel der Bundesregierung lautet: 80 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen bis 2030. Auf Jahresbasis lag Deutschland 2024 bei 63 Prozent. Ein erstes Halbjahr mit 58 bis 62 Prozent (je nach Messweise) ist ein guter Verlauf. Das zweite Halbjahr bringt typischerweise weniger Solar, dafür im Herbst mehr Wind. Ob die 63-Prozent-Jahresmarke von 2024 im Jahr 2026 übertroffen wird, hängt stark von der Windlage in den kommenden Monaten ab.
Das eigentliche Nadelöhr ist nicht die Erzeugungskapazität, sondern die Infrastruktur dahinter. Neue Windräder und Solaranlagen werden in bestimmten Regionen abgeregelt, weil das lokale Stromnetz die Energie nicht aufnehmen kann. Die Lösung erfordert beschleunigten Netzausbau, günstigere Batteriespeicher und mehr Flexibilität auf der Nachfrageseite. Beim aktuellen Ausbautempo der Netze, das deutlich hinter dem Zubau bei Erneuerbaren zurückliegt, bleibt der Sprung von 63 auf 80 Prozent eine strukturelle Herausforderung, die politisch noch nicht vollständig adressiert wurde.
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