Drittes WM-Debakel: Deutschland scheitert an Paraguay
José Canale trat als letzter Schütze an und schoss ins rechte untere Eck. Manuel Neuer lag falsch, das Stadion in Foxborough verstummte auf der deutschen Tribüne. Mit dem 3:4 nach Elfmeterschießen endet für Deutschland die WM 2026 in der ersten K.o.-Runde: 2018 und 2022 scheiterte die DFB-Elf noch früher, in der Gruppenphase; diesmal überstand sie die Gruppe, verlor aber gleich das erste K.o.-Spiel. Ein neues WM-Format, dasselbe Muster.
Die Undav-Wette und ihr Preis
Vor dem Anpfiff hatte Julian Nagelsmann eine klare Entscheidung getroffen: Jamal Musiala, der gegen Ecuador in 90 Minuten keinen einzigen Torschuss verzeichnet hatte, saß auf der Bank. Stattdessen begann Deniz Undav, Stuttgarts Torjäger, der im bisherigen Turnierverlauf noch keine Minute von Beginn an gespielt hatte. Nagelsmanns Begründung: mehr Präsenz im Strafraum, mehr Abnehmer für Flanken gegen Paraguays kompakte Defensive.
Die Zahlen der ersten 63 Minuten widersprechen dem Plan. Undav hatte acht Ballkontakte, seine Passquote lag bei 25 Prozent, er gewann 14 Prozent seiner Zweikämpfe. Die Sportschau sprach nach dem Abend davon, dem DFB-Team hätten gegen Paraguay "sogar die einfachen Mittel gefehlt". Beim einzigen deutschen Treffer während der regulären Spielzeit war Undav nicht beteiligt: Kai Havertz köpfte in der 54. Minute eine Flanke von Florian Wirtz ein. Nagelsmann wechselte Undav in der 63. Minute aus und brachte Musiala. Auch dessen Einwechslung änderte nichts am Defensivkonzept Paraguays.
Encios Kopfball und Tahs annullierter Treffer
Gustavo Alfaro ließ Paraguay tief stehen und auf Standards sowie Konter warten. Das 1:0 fiel in der 42. Minute: Matías Galarza flankte von links, Julio Enciso stand am Elfmeterpunkt völlig unbewacht und köpfte ein. Der Schuldige auf deutscher Seite war Felix Nmecha, der seinen direkten Gegenspieler verloren hatte. Havertz glich zwölf Minuten später aus und hielt das Spiel offen.
Der dramatischste Moment der Verlängerung kam in der 102. Minute, als Jonathan Tah nach einer Ecke köpfte und der Ball im Netz zappelte. Foxborough glaubte schon an die Entscheidung. Doch der VAR griff ein: Waldemar Anton hatte Paraguays Torwart Orlando Gill beim Zweikampf gefoult, das Tor wurde nicht gegeben. Ein Treffer, der das Turnier für Deutschland hätte verändern können, wurde auf dem Bildschirm weggewischt.
Gill hält zweimal, Canale entscheidet
Im Elfmeterschießen wurde Orlando Gill zum Mann des Abends. Er hielt die Versuche von Kai Havertz (erster Schütze) und Nick Woltemade (vierter Schütze). Musiala traf, Kimmich traf, Nadiem Amiri traf. Nach fünf regulären Runden stand es 3:3, da Paraguay-Stürmer Sanabria seinen Elfmeter verschoss und Manuel Neuer den Schuss von Fabián Balbuena parierte.
Im plötzlichen Tod trat zuerst Jonathan Tah für Deutschland an und schoss über die Latte. Danach trat Canale an. Neuer war in die falsche Ecke gesprungen. Paraguay hatte die Partie gewonnen. Für Deutschland ist es das erste WM-Elfmeterschießen, das verloren wurde. In der bisherigen WM-Elfmeterbilanz der Deutschen zählte diese Variante nicht zum Szenario: vier Schießen, vier Siege. Das Gillette Stadium hat diese Bilanz beendet.
Dritte Runde der frühestmöglichen K.-o.-Niederlage in Folge
Im historischen Kontext ist das Sechzehntelfinale bei 48 WM-Mannschaften die erste K.-o.-Runde, entsprechend dem alten Achtelfinale. Deutschland scheiterte damit in der frühestmöglichen K.o.-Phase. 2018 und 2022 war das Ausscheiden noch früher, in der Gruppenphase. Das neue Format gibt Platz für eine Einordnung: Das Bild verbessert sich leicht auf dem Papier, das Muster ändert sich nicht. Paraguay trifft im Achtelfinale (4. Juli) auf den Sieger der Partie Frankreich gegen Schweden.
Kimmich fasste die Stimmung nach dem Spiel zusammen: "Schuld waren einzig und allein wir." Und weiter: Es sei "deutlich zu wenig für den deutschen Fußball." Das Sechzehntelfinale von Foxborough reiht sich in eine Serie von Ergebnissen ein, die seit 2018 die Frage nach strukturellen Problemen des deutschen Fußballs stellen: Weder 2018 noch 2022 hatte die DFB-Elf eine K.o.-Runde erreicht, erst 2026 gelang dieser Schritt, ohne dass das Ergebnis besser wurde.
DFB entscheidet bis Freitag
Julian Nagelsmann ließ eine für Dienstagmittag Ortszeit geplante Abschlusspressekonferenz absagen, nachdem er kurz nach dem Elfmeterschießen dem ZDF gesagt hatte: "Ich bin keiner, der wegläuft." Thomas Hitzlsperger, Experte der ARD-Sportschau, urteilte über den Bundestrainer: "Ihm fehlt es an Souveränität."
DFB-Sportdirektor Rudi Völler bezeichnete Nagelsmann weiterhin als "absoluten Toptrainer", betonte aber, die Entscheidung über dessen Zukunft treffe er nicht allein. DFB-Präsident Bernd Neuendorf erklärte, die WM-Leistung habe "nicht den Erwartungen entsprochen". Entscheidungen, auch zur Trainerfrage, erwartet der DFB bis Ende der Woche. Die nächste Pflichtaufgabe wäre die EM 2028 in UK und Irland. Ob Nagelsmann sie übernimmt oder ob der DFB einen Neustart wählt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.
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