
Hitze vernichtet Ernte: 600 Millionen Euro Verlust
Quellen (13)
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Handelsblatthandelsblatt.com
- Proplanta (Ernte 2026)proplanta.de
- Proplanta (Notschlachtungen)proplanta.de
- SZsueddeutsche.de
- Rhein-Zeitungrhein-zeitung.de
- Pforzheimer Zeitungpz-news.de
- n-tvn-tv.de
- Tagesspiegel (RKI Hitzetote)tagesspiegel.de
- Deutsches Ärzteblatt (RKI)aerzteblatt.de
- Statistisches Bundesamtdestatis.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- t-onlinet-online.de
Ende Juli wuchsen auf vielen Wiesen in Baden-Württemberg keine grünen Halme mehr, nur braune Stoppeln. Für Milchviehhalter bedeutet das: Wer kein Futter für die kommenden Wochen hat, schickt Tiere früher als geplant zum Schlachter. In der Region Schwäbisch Hall stehen Betriebe bereits auf Wartelisten. Der Deutsche Raiffeisenverband beziffert den Gesamtschaden der Dürre für die deutsche Landwirtschaft auf 600 Millionen Euro.
Die Erntebilanz des Raiffeisenverbandes
Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) erwartet für die Getreideernte 2026 ein Ergebnis von 40,6 Millionen Tonnen. 2025 wurden noch 45 Millionen Tonnen geerntet. Der Rückgang um rund 4,4 Millionen Tonnen hat mehrere Ursachen, doch nach DRV-Berechnungen gehen allein drei Millionen Tonnen Getreide und Raps direkt auf die Trockenheit seit Mitte Juni zurück. DRV-Getreidemarktexperte Guido Seedler: "Nur die günstige Witterung im Frühjahr hat größere Schäden verhindert." Dennoch sei das Ergebnis "ein harter Schlag" für eine Branche, die ohnehin mit steigenden Kosten kämpft.
Immerhin liegt das Ergebnis noch im Bereich eines durchschnittlichen Erntejahres, wie der DRV betont. Signifikante Preissteigerungen beim Brot seien nicht zu erwarten, weil Getreide nur einen kleinen Anteil an den Endverbraucherpreisen ausmacht. Energie, Personal und Bürokratie belasten die Backwarenpreise stärker als die Rohstoffkosten.
Direkt spürbar ist die Dürre dagegen in der Tierhaltung. Dominik Modrzejewski vom Badisch-Württembergischen Genossenschaftsverband bestätigt, dass Betriebe im Land derzeit 30 bis 40 Prozent weniger Futter zur Verfügung haben als zu dieser Jahreszeit üblich. Auf ausgetrockneten Wiesen wächst kaum Biomasse nach. Für Grünlandbetriebe, die auf Gras und Heu angewiesen sind, fehlen damit die Reserven für Herbst und Winter.
Notschlachtungen im Schwäbisch Haller Raum
Die Konsequenz ist in mehreren Regionen Baden-Württembergs bereits sichtbar: Bauern schlachten Tiere früher als geplant, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, die Futterkosten zu decken. Im Schwäbisch Haller Raum gibt es nach Verbandsangaben bereits Wartelisten an Schlachthöfen. Das ist keine normale Herbstplanung, sondern das Ergebnis eines akuten Versorgungsengpasses.
Notschlachtungen treffen vor allem Milchviehbetriebe und Mutterkuhhaltungen, die auf großen Grünlandflächen wirtschaften. Anders als in der Getreidewirtschaft, wo der Schaden messbar ist und mit Versicherungen teilweise abgefedert werden kann, fehlen in der Tierhaltung oft Auffangmechanismen für Futtermangel. Der Bauernverband Baden-Württemberg fordert staatliche Unterstützung für besonders betroffene Betriebe sowie beschleunigte Genehmigungsverfahren für den Zukauf von Futtermitteln aus dem europäischen Ausland.
Die Binnenschifffahrt verschärft die Lage zusätzlich. Niedrige Pegelstände auf Rhein und Elbe schränken den Transport von Futtergetreide und Düngemitteln ein. Binnenfrachter müssen leerer fahren, die Transportkosten je Tonne steigen. Für Betriebe in der Nähe bedeutet das höhere Einstandspreise für zugekauftes Futter.
12.500 Hitzetote: Eine Rekordbilanz
Die Dürre ist die landwirtschaftliche Dimension einer umfassenderen Krise. Das Robert Koch-Institut hat bis zur Kalenderwoche 31 mindestens 12.500 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland gezählt, mit einem statistischen Unsicherheitsbereich zwischen 11.200 und 13.600 Toten. Zum Vergleich: In den bisherigen Rekordjahren 2018 und 2019 waren es rund 7.000 Tote. Das RKI hat die Zahl zuletzt nach oben korrigiert, nachdem frühere Schätzungen bei rund 9.800 gelegen hatten.
Besonders betroffen ist die älteste Bevölkerungsgruppe. Mehr als 5.400 der Todesfälle entfallen auf Menschen über 85 Jahre, weitere 2.460 auf die Altersgruppe zwischen 75 und 84. Hitzetote sind keine statistischen Abstraktionen, sondern konkrete Personen, die in überhitzten Wohnungen sterben, weil Herz und Kreislauf die Belastung nicht mehr tragen.
Das Umweltbundesamt dokumentiert seit Jahren, dass Hitzeperioden in Deutschland häufiger und länger werden. Was 2018 noch als historische Ausnahme galt, ist nach übereinstimmender Einschätzung von DWD und RKI inzwischen das neue Basisniveau: Hitzesommer und Dürrephasen folgen einander, ohne dass Grundwasservorräte in Zwischenphasen ausreichend aufgefüllt werden. Für die Landwirtschaft bedeutet das strukturellen Anpassungsdruck, der über einzelne Extremjahre hinausgeht.
Erntebilanz im September, Strukturfragen bleiben
Die endgültige Ernteschätzung des DRV wird nach Abschluss der Haupternte-Phase erscheinen. Ob die aktuell prognostizierten 40,6 Millionen Tonnen eine konservative Schätzung sind oder das tatsächliche Ergebnis widerspiegeln, hängt davon ab, wie sich Temperatur und Niederschlag in den verbleibenden Sommerwochen entwickeln. Der DRV erwartet keine grundlegende Wetterwende in den nächsten Wochen.
Für betroffene Tierhaltungsbetriebe ist die Frage nach staatlicher Unterstützung drängend. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat bisher keine Soforthilfemaßnahmen für den Futtermangel angekündigt. Für den Bauernverband und das Umweltbundesamt ist die Situation Anlass, eine beschleunigte Anpassung der Landwirtschaft an trockenere Sommer zu fordern: mehr Wasserspeicher in der Fläche, hitzeresistente Sorten und ein Grundwasserbewirtschaftungskonzept, das Entnahmen in Trockenphasen begrenzt. Solche Strukturmaßnahmen kosten Zeit, die Höfe in diesem Sommer nicht haben.
Aktualisierungen
Update 15. August, 03:17 Uhr: Das Statistische Bundesamt hat seine erste amtliche Ernteschätzung vorgelegt: 37,5 Millionen Tonnen Getreide (ohne Körner-Mais) für 2026, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Winterweizen kam auf 20,6 Millionen Tonnen (minus 8,7 Prozent), Winterraps auf 3,8 Millionen Tonnen (minus 3,3 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg melden Verluste von bis zu 20 Prozent, Schleswig-Holstein liegt nahe am Vorjahresniveau. Die dritte Hitzewelle des Jahres erreicht heute, Freitag 15. August, mit 38 bis 39 Grad im Westen und Südwesten ihren Höhepunkt; eine Kaltfront soll am Wochenende Abkühlung um rund zehn Grad bringen. Meteorologen bezeichnen diese Welle als voraussichtlich letzte des Jahres 2026. Die 12.500 Hitzetoten, die das RKI bis Anfang August gezählt hat, spiegeln die aktuelle Welle noch nicht wider. Die nächste RKI-Revision für die Kalenderwochen 32 und 33 erscheint voraussichtlich in der kommenden Woche.
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