Beaufort-Festung: Israels tiefster Vormarsch seit 2000
Die Beaufort-Festung steht auf einem Felsen 300 Meter über dem Litani-Fluss, überblickt weite Teile Südlibanons und gilt als eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Kreuzfahrerkastelle der Gegenwart. Die UNESCO hatte ihr im Herbst 2024 den höchsten Schutzstatus für Kulturgüter nach dem humanitären Völkerrecht gewährt. Am Sonntagmorgen hisste die israelische Golani-Brigade ihre Flagge auf den Zinnen, zum ersten Mal seit 26 Jahren.
Eine Festung, um die Kriege geführt wurden
Die Beaufort-Festung, auf Arabisch Qalaat al-Shaqif, wurde von Kreuzrittern im 12. Jahrhundert errichtet und 1139 erstmals eingenommen. Ihre Position auf einem Kliff nahe der Stadt Nabatiyeh, das steil zum Litani-Fluss abfällt, macht sie zum militärisch beherrschenden Punkt über weite Teile Südlibanons und Nordisraels. In jedem Konflikt zwischen Israel und den Kräften im Libanon war die Festung umkämpft.
Israel hielt sie von 1982 bis 2000, als die Regierung Ehud Baraks die Streitkräfte aus dem südlichen Libanon abzog, das Israel 18 Jahre lang besetzt hatte. Auf diesem Rückzug beschoss die Hisbollah die abziehenden israelischen Soldaten. In den Folgejahren nutzte die Hisbollah die Festung als militärischen Stützpunkt. Die UNESCO setzte sie im Herbst 2024 auf eine Schutzliste von 34 libanesischen Kulturdenkmälern mit dem höchsten erreichbaren Status, dem sogenannten erweiterten provisorischen Schutz.
Ministerpräsident Netanyahu kommentierte die Einnahme in einem Videostatement: „Wir sind nach Beaufort zurückgekehrt, stärker als je zuvor." Die Golani-Brigade habe die israelische Staatsflagge und die Brigade-Flagge auf der Festung gehisst. Nach IDF-Angaben ist es der tiefste israelische Vormarsch in den Libanon seit dem Abzug im Jahr 2000.
Netanyahu dehnt Sicherheitspuffer aus
Die Einnahme der Festung ist Teil einer ausdrücklich angeordneten Ausdehnung der israelischen Bodenoperationen. Netanyahu gab nach IDF-Angaben die Weisung, den bestehenden Sicherheitspuffer weiter auszudehnen. Verteidigungsminister Israel Katz bezeichnete die Beaufort-Ridge als einen der wichtigsten strategischen Punkte zur Verteidigung der Galilea-Gemeinden und kündigte an, Israel werde die Kontrolle dauerhaft halten.
Das ist insofern brisant, als Israel und der Iran im April 2026 eine Waffenruhe vereinbart hatten. Netanyahu hatte damals wie jetzt darauf beharrt, die Vereinbarung mit dem Iran schränke die Operationen gegen die Hisbollah im Libanon nicht ein. Der Litani-Fluss, jenseits dessen Israel jetzt operiert, liegt rund 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze. UN-Sicherheitsratsresolution 1701 hatte der Hisbollah bereits 2006 verboten, südlich des Litani bewaffnet präsent zu sein. Diesen Beschluss ignorierten alle Parteien zwei Jahrzehnte lang.
Der Samstag war nach Angaben aus Israel einer der schwersten Hisbollah-Beschießungstage Nordisraels seit der Aprilvereinbarung, mit Schulschließungen in den betroffenen Gemeinden. Die Hisbollah setzt dabei Drohnen mit Glasfaserkabelsteuerung ein, die von elektronischer Störtechnik nicht beeinträchtigt werden und von Radar kaum zu erfassen sind. Das ist eine technische Neuentwicklung im Konflikt, die dem israelischen Abwehrsystem erhebliche Schwierigkeiten bereitet.
Frankreich beantragt UN-Sondersitzung
Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot beantragte unmittelbar nach der Einnahme eine Notsitzung des UN-Sicherheitsrats. Barrot sagte, er habe die Sitzung beantragt, weil Israel zwar wie jeder Staat das Recht auf Selbstverteidigung habe, aber nichts die Fortsetzung israelischer Militäroperationen im Libanon und seine immer tiefere Besetzung libanesischen Territoriums rechtfertigen könne. Frankreich bezeichnete die Entwicklung als äußerst beunruhigend.
Der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam sprach in einer Fernsehansprache von einer Politik der verbrannten Erde und kollektiver Bestrafung: Israel zerstöre Städte und Dörfer und zwinge die Bevölkerung zur Flucht. Er bezeichnete die Eskalation als gefährlich und beispiellos und forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Seit Beginn des Konflikts sind nach UN-Angaben mehr als 1,2 Millionen Menschen aus dem Südlibanon vertrieben worden.
Die internationale Kritik folgt einem Muster: Bei jeder Ausweitung israelischer Operationen in den Libanon hat Frankreich, das enge historische Beziehungen zum Libanon unterhält, als erstes europäisches Land protestiert. Die USA, ohne deren Billigung Israel schwerlich operiert, haben israelische Vorstöße bisher nicht als Vertragsbruch eingestuft. Washington hat ein Veto im Sicherheitsrat.
Die Sicherheitsratsitzung und das Schweigen Washingtons
Barrots Antrag auf eine Notsitzung kann rasch einberufen werden, aber ob er zu einem bindenden Beschluss führt, ist mehr als fraglich. Russland und China würden einen solchen Beschluss voraussichtlich unterstützen, die USA ihn blockieren. Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Sicherheitsrat tagt, sondern ob die USA ihre Linie ändern.
Netanyahu hat bisher keine Frist für den Abschluss der Operationen im Libanon genannt und keine geografische Begrenzung über die Beaufort-Ridge hinaus ausgeschlossen. Ob die Einnahme der Festung ein operativer Höhepunkt ist, von dem aus die Armee eine neue Haltelinie zieht oder ein Vorzeichen für weitere Vorstöße Richtung Norden, ist in Jerusalem intern umstritten. Der Zeitdruck für eine diplomatische Lösung steigt mit jedem Kilometer, den die IDF nördlich des Litani vorrückt.
Aktualisierungen
Update 4. Juni, 21:05 Uhr: Seit der Einnahme der Beaufort-Festung hat die israelische Armee ihre Bodenoffensive weiter ausgedehnt. Nach UN-Angaben kontrollieren israelische Streitkräfte inzwischen rund 2.000 Quadratkilometer libanesischen Territoriums, das ist knapp ein Fünftel des Landes. Die Truppen stehen vor den Außenbezirken Nabatiehs, einer der größten Städte im Südlibanon. Am 4. Juni einigten sich Israel und Libanon nach US-vermittelten Gesprächen in Washington auf eine Erneuerung der Waffenruhe und die Einrichtung sogenannter Pilotszonen, in denen die libanesische Armee die alleinige Kontrolle übernehmen und Hisbollah-Kräfte ausgeschlossen werden sollen. Hisbollah lehnte die Vereinbarung umgehend ab: Vor einem vollständigen Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon komme keine Waffenruhe infrage, erklärte ein Sprecher. Folgegespräche sind für die Woche des 22. Juni vereinbart.
Update 6. Juni, 01:11 Uhr: Trotz der am 4. Juni vereinbarten Waffenruhe setzte Israel seine Angriffe auf den Libanon am 5. Juni fort, wobei nach NNA-Angaben mindestens fünf Menschen getötet wurden; zudem stellte Israel Evakuierungsaufrufe für neun weitere Ortschaften im Südlibanon aus. Hisbollah-Chef Naim Qassem bezeichnete das Abkommen als Niederlage und Kapitulation und meldete acht eigene Gegenangriffe auf israelische Stellungen. Parallel brachen die beiden höchsten libanesischen Politiker öffentlich mit Iran: Präsident Joseph Aoun sagte in einem CNN-Interview mit Christiane Amanpour, Teheran benutze sein Land als Schachfigur in den Verhandlungen mit Washington und erklärte, das sei nicht Irans Land, sondern das ihre. Auch Ministerpräsident Nawaf Salam forderte Iran auf, dem Südlibanon Erbarmen zu zeigen und das Land nicht länger als Verhandlungsmasse zu behandeln. Teheran hatte erklärt, einem eigenen Waffenstillstand mit den USA erst zuzustimmen, wenn auch für den Libanon eine Vereinbarung gilt.
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