Selenskyj bei Trump: Luftwaffenstillstand als erster Schritt
Seit mehr als vier Monaten bombardieren ukrainische Drohnen russische Städte nahe Moskau und Sankt Petersburg. Jetzt soll genau diese Eskalation zum Hebel werden: Kiew und Washington haben einen gemeinsamen Vorschlag entwickelt, den Luftkrieg beider Seiten zu stoppen, ohne dass die Bodentruppen die Waffen niederlegen müssen. Am Dienstag, 28. Juli, trifft Wolodymyr Selenskyj US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus, um das Paket abzustimmen.
Luftangriffe als Verhandlungsmasse
Seit dem Scheitern der Genfer Gespräche im Februar 2026 hat sich der Ukrainekrieg in zwei Richtungen gleichzeitig vertieft. Am Boden stagniert die Frontlinie. In der Luft haben beide Seiten ihre Kampagnen dramatisch ausgeweitet: Ukrainische Drohnen und Marschflugkörper trafen im Juli mehrfach Ziele in der Nähe Moskaus und Sankt Petersburgs. Russland antwortete mit ballistischen Raketen auf Kiew, wobei ein 18-stöckiges Wohngebäude in Flammen aufging.
Parallel dazu läuft seit dem 6. Juli die ukrainische Operation Molochka: Seestreitkräfte haben seither 196 russische Schiffe im Asowschen und Schwarzen Meer kampfunfähig gemacht, ein logistischer Schlag gegen russische Versorgungslinien. Das 21. EU-Sanktionspaket, am 23. Juli verabschiedet, umfasst 218 Einträge und ist das umfangreichste seit Kriegsbeginn 2022. Finanzielle und militärische Abnützung gehen damit Hand in Hand, ohne dass eine politische Lösung in Sicht wäre.
Der Vorschlag und die Logik dahinter
Reuters berichtete am 26. Juli als erstes über die Gespräche zwischen US-amerikanischen und ukrainischen Unterhändlern. Die Kyiv Independent bestätigte wenig später: Beide Seiten haben sich auf ein gemeinsames Verhandlungspaket verständigt. Dessen Kernstück ist die gegenseitige Einstellung langreichweitiger Luftangriffe. Bodenkampf und Seekampf wären vorerst nicht Teil des Deals.
Die strategische Logik: Ein US-Vertreter sagte, das Weiße Haus glaube, Russland sei jetzt möglicherweise bereit, einem begrenzten Luftwaffenstillstand zuzustimmen, weil die ukrainischen Drohnenschläge tief im Inneren Russlands das Regime unter Druck setzten. Zugleich hat die Ukraine ein eigenes Interesse: Russische Raketenangriffe auf Kiew zerstören Infrastruktur und versetzen die Bevölkerung in permanenten Ausnahmezustand. Beide Seiten könnten also gleichzeitig gewinnen, ohne dass die Grundfrage des Territoriums angetastet wird.
Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte am 26. Juli betont nüchtern. Die Berichte seien bloße Zeitungsartikel und es sei verfrüht, dazu Stellung zu nehmen. Diese Formulierung schließt eine Ablehnung nicht ein, schlägt aber auch keine Tür zu. Bemerkenswert war ein externes Signal: Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew rief neben Putin stehend zum Einfrieren des Konflikts auf. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ein enger russischer Partner öffentlich Druck in diese Richtung ausübte.
Warum dieser Ansatz vom bisherigen abweicht
Alle bisherigen Waffenstillstandsversuche scheiterten, weil sie umfassend angelegt waren: Russland bestand auf einem dauerhaften Frieden zu seinen Bedingungen, die Ukraine auf internationalen Sicherheitsgarantien als Vorbedingung jedes Gesprächs. Das neue Konzept ist bewusst beschränkt. Es geht nicht um Rückzug von Territorium, nicht um politische Einigung und nicht um eine neue Sicherheitsarchitektur. Nur das Schweigen der Bomber.
Andrij Jermak, Chef des ukrainischen Präsidentenbüros, beschrieb die Logik: Der anhaltende Druck ukrainischer Drohnenangriffe auf russischem Gebiet mache Moskau in einzelnen Fragen möglicherweise beweglicher. Der Luftwaffenstillstand wäre demnach kein Zeichen von Erschöpfung, sondern ein kalkuliertes Angebot: Russland bekommt Schutz seiner Städte. Die Ukraine bekommt Schutz ihrer Städte. Die territoriale Frage bleibt offen.
Ukrainische Beamte bleiben dennoch skeptisch. Die realistischere Lesart: Ein Luftwaffenstillstand würde Zeit kaufen, ohne das Wesentliche zu lösen. Für die Ukraine hätte er zusätzlich den Vorteil, die Energieinfrastruktur vor dem nächsten Winter zu schützen, die Russland in den vergangenen beiden Jahren systematisch angegriffen hat.
Was das Weiße Haus am 28. Juli entscheidet
Das Treffen im Weißen Haus findet am selben Tag statt wie eine Gedenkveranstaltung für Senator Lindsey Graham, einen langjährigen Ukraine-Unterstützer, der Mitte des Monats gestorben ist. Der Vorschlag soll nach dem Treffen an russische Vertreter weitergeleitet werden. US-Gesandter Steve Witkoff und Präsidentenberater Jared Kushner planen laut Berichten, noch Ende Juli oder Anfang August nach Russland zu reisen. Das gibt der Begegnung eine konkrete Dringlichkeit: Wenn Selenskyj und Trump den Text heute abstimmen, könnte Witkoff ihn innerhalb weniger Tage nach Moskau bringen.
Ob Putin darauf eingeht, ist offen. Peskows Reaktion war keine Absage, aber auch keine Zustimmung. Die Frage ist, ob Russland einen begrenzten Luftwaffenstillstand als Schwäche oder als taktischen Atemraum betrachtet. Die Antwort darauf wird Witkoffs Reise zeigen.
Kommentare